Publiziert am: 15.05.2020

Wir öffnen wieder!

RESTART GASTRONOMIE – Raus aus Corona, rein in die «Krone»: Die Schweizerische Gewerbezeitung sgz hat das Wirtepaar Guido Frei und Nicole Fähndrich bei den letzten Vorbereitungen vor der Wiedereröffnung getroffen. Den grossen Ansturm erwartet man in Hindelbank nicht, aber für viele Berufstätige ist die Lockerung in der Gastronomie ein Segen.

Mit gelben Klebestreifen bringt Guido Frei Bodenmarkierungen an, die seine Gäste auf den korrekten Abstand hinweisen sollen. Griffbereit auch das Werkzeug der Stunde: der Doppelmeter. «Jetzt kommt es aus, ob man Unternehmer ist und rechnen kann», sagt Frei, der mit seiner Frau Nicole Fähndrich seit 2005 die Gäste des Restaurants Krone im bernischen Hindelbank bewirtet. Seit 1982 ist sie im Familienbesitz.

Die Schweizerische Gewerbezeitung sgz besuchte das Wirtepaar einen Tag vor der Wiedereröffnung der «Krone», am Montag, 11. Mai, bei den letzten Vorbereitungen. Eine leere Gaststube ist an sich schon ein seltsamer Anblick. Aber es fällt sofort auf, nicht nur die Menschen fehlen hier: weniger Tische, weniger Stühle, und von Menagen, Dekorationen und Zeitungen auf den Tischen keine Spur. «Sonst steht bei uns immer ein Blüemli auf dem Tisch», sagt Guido Frei.

Lockdown – für jeden anders

Geschlossene Restaurants bedeuten längst nicht nur den Verzicht auf die Stammtischrunde oder das gemütliche Nachtessen mit Freunden. Eine warme, frisch zubereitete Mahlzeit nach stundenlanger Fahrt oder Arbeit bei Wind und Wetter ist für viele Chauffeure und Bauarbeiter eine willkommene Abwechslung zum Sandwich. Eine Abwechslung, die wegen der Corona-Krise plötzlich weg war. Eine Abwechslung, für die normalerweise auch die «Krone» bekannt und beliebt ist. Doch was ist in Zeiten von Corona schon normal?

«Jetzt kommt es aus, ob man Unternehmer ist.»

Während die Restaurants schliessen mussten, ging das Arbeitsleben für viele andere eben mehr oder weniger normal weiter. So auch für die zuvor genannten Chauffeure oder Bauarbeiter. Ihre Verpflegungsmöglichkeiten wurden massiv eingeschränkt. Grund genug für Guido Frei und Nicole Fähndrich, ein Take-away-Angebot zu starten. Auch Duschen und WC wurden für die Chauffeure geöffnet. Es war der erste Schritt zurück zur «Normalität».

Take-away-Einnahmen nur ein «positiver Nebeneffekt»

Die «Krone» wird besonders für ihren «Specksteinhit» geschätzt und ist daneben bei Chauffeuren besonders beliebt. Die Lage an der Alten Zürich-Bernstrasse, der grosse Parkplatz und ein Schild des Berufsverbands der Chauffeure Schweiz beweisen es.

«Wir haben gehört, dass die Sanitäranlagen praktisch alle geschlossen waren, die Verpflegung erfolgte meistens kalt», erzählt Guido Frei von Erfahrungen aus der Lockdown-Zeit. «Es kann nicht sein, dass die Chauffeure bis am 8. Juni nirgends duschen können.» Vom Interesse auf das Take-away-Angebot seien sie dann aber doch überrascht gewesen. «Wir waren ‹mängisch fasch chli im Seich›», sagt Frei lachend. «Das macht Freude. Und die Chauffeure sind froh, dass sie wieder bei uns duschen konnten.» Dass mit dem Take-away-Angebot wieder etwas verkauft und ein minimaler Umsatz generiert werden konnte, bezeichnet Frei lediglich als «positiven Nebeneffekt». Man spürt, es geht um die Sache. Solidarität ist auch hier angesagt.

Grosse Gelassenheit

Den Blick wieder nach vorne, zur Wiedereröffnung gerichtet, sagt Frei: «Wenn ich ganz ehrlich bin, erwarte ich nicht den grossen Ansturm.» Er glaube, dass viele Menschen noch unsicher seien, wie sie mit der neuen Situation umzugehen hätten. Durch die Abstandsregeln des Schutzkonzepts könne er, statt wie üblich 100 Personen, nur noch maximal 48 Personen bewirten. Und das auch nur, wenn alle Tische mit vier Personen besetzt wären. Davon geht er natürlich nicht aus: «Wenn der Schreiner, der Elektriker und der Chauffeur kommen, dann muss ich sie schon alle separat an die Tische setzen.»

«Wenn ich ganz ehrlich bin, erwarte ich nicht den grossen Ansturm.»

Mit den Chauffeuren rechnet der Wirt vor allem am Abend. Für diese würde sich ja nichts ändern. Am Mittag hingegen werde kaum etwas laufen. Der Start erfolgt daher mit angepassten Öffnungszeiten und kleinerer Karte. Das Aushängeschild der «Krone», der «Specksteinhit», werde am Anfang wohl nicht gross nachgefragt werden, glaubt Frei. Aber es sei im Moment generell schwierig, irgendwelche Annahmen zu treffen. «Was mache ich, wenn ich in der Gartenwirtschaft und der Gaststube Leute habe und dann kommt ein Regenguss?», fragt Frei. «Das sind alles Planspiele, die wir vorher nicht gekannt haben.» Deshalb versuchen Frei und Fähndrich, möglichst flexibel zu bleiben, was als KMU gut möglich sei. «Mit dem Personal werden wir schlank fahren», sagt Frei. Weiterhin sei Kurzarbeit angesagt. Dennoch kämen alle Angestellten von Beginn weg zu Einsätzen, um sich an die neue Situation zu gewöhnen.

An die Situation gewöhnen heisst auch: das siebenseitige Schutzkonzept korrekt umsetzen. Trotz aller Umstände wirkt Frei sehr gelassen. Er sagt sogar explizit: «In der Schweiz haben wir Regeln, die hält man ein.» Man wolle nicht über die Arbeit anderer urteilen. Frei zuckt mit den Schultern. Er passe sich dem an, was sei, «denn hier in der Schweiz fühle ich mich, so wie es ist, pudelwohl».

Das Lächeln sichtbar machen

In der «Krone» hat man sich für Gesichtsmasken aus Plexiglas beim Personal entschieden. «Wir waren zuerst ganz gegen Masken», erzählt Frei. Mit der Zeit hätten sie aber gemerkt, dass es um ganz viele verschiedene Faktoren gehe. In erster Linie sollen Angestellte und Gäste geschützt werden. Zudem wäre ganz ohne Maske der Service eingeschränkt, so müssten die Gäste zum Beispiel die Getränke selber einschenken. Der Gesichtsschutz sei daher der perfekte Kompromiss. Er biete Schutz, und «so sieht man auch das Gesicht und das Lächeln des Servicepersonals», erklärt Frei. Dafür gibt es andernorts keine Kompromisse. Maggi oder Zeitungen auf dem Tisch? Wie gesagt: Fehlanzeige. Aber das sei nun halt so. Frei zuckt wieder mit den Schultern. Beklagen werde man sich nicht.

Es fällt auf: In der «Krone» ist hadern ein Fremdwort. Alle freuen sich, dass es wieder losgeht. «Das Personal ist glücklich, dass es wieder arbeiten kann», sagt Frei zufrieden. Er könne auf sein Team zählen. Selber freue er sich einfach auf die Wiedereröffnung per se und das Wiedersehen mit Freunden und Stammgästen.

Adrian Uhlmann

www.specksteinhit.ch

Kurzarbeit, versicherung und digitaler supportDigitale Lösungen

Ein paar Fragezeichen und viel Solidarität

Trotz Öffnung und Schritt zurück zur Normalität: Die Zeit der Fragezeichen wird so schnell nicht vorübergehen. Datenschutz, Versicherungsschutz, Kurzarbeitsentschädigung, Schutzkonzepte – die Checkliste der Wirte nimmt kaum ein Ende, manch einer kämpft ums nackte Überleben.

Es gibt aber auch erste Antworten. Zum Beispiel vom Staatssekretariat für Wirtschaft SECO: Betriebe im Gastgewerbe, die unter Auflagen wieder öffnen dürfen, können für einzelne Angestellte oder bei objektiv unmöglicher Öffnung weiter Kurzarbeitsentschädigung beziehen.

Epidemieversicherungen müssen für die durch das Coronavirus verursachten Schäden aufkommen. Zu diesem Schluss gelangt ein Rechtsgutachten, welches GastroSuisse mit dem Wirteverband Basel-Stadt bei einer auf Versicherungsrecht spezialisierten Anwaltskanzlei in Auftrag gegeben hat. Mit den Gesellschaften, die sich bisher ihren Leistungspflichten entzogen haben, laufen gemäss GastroSuisse-Mitteilung entsprechende Verhandlungen.

Digitale Lösungen

Nebst Konfrontationen und Knackpunkten ist aber auch in der Gastrobranche eine grosse Solidarität zu spüren. Es gibt mittlerweile viele Initiativen, die meisten davon haben einen digitalen Hintergrund. Eine Allianz aus Partnern der Schweizer Gastronomie und Hotellerie hat die Kampagne #HELPGASTRO lanciert. Auf diesem können sich die Betriebe anmelden, ihre Kunden können dort digitale Gutscheine erwerben.

Auf Lockdown-Gourmet.ch werden Restaurants gelistet, die für Take-away geöffnet sind. Das Start-up ASTARA SA bietet mit «Okresto» eine kostenlose App an, mit der die Kundenregistrierung für eine allfällige Rückverfolgung rasch und unkompliziert gelingt. Und «lunchgate» bietet eine ähnliche Lösung an, die sogar ganz ohne App auskommt.

uhl

www.gastrosuisse.ch

www.helpgastro.ch

www.lockdown-gourmet.ch

www.lunchgate.ch

Meist Gelesen