Publiziert am: Freitag, 2. September 2016

«Wir brauchen qualifizierte Fachkräfte»

INTEGRATION – Pascal Schneider bildet in der Ruedersäge AG in Schlossrued einen Flüchtling aus Somalia zum Holzbearbeiter EBA aus. Ein Beispiel aus der Praxis, das zeigt, dass das Gewerbe schon lange aktiv ist – es braucht keine sogenannte «Flüchtlingslehre».

Geschickt und behände bedient Ali bara Jama den Stapler, lädt Baumstämme auf und schiebt sie in die Säge. Gewissenhaft und mit viel Motivation erledigt er seine Arbeit. Seit drei Jahren arbeitet der ehemalige Flüchtling aus Somalia in der Ruedersäge AG im aargauischen Schlossrued. Der Sägereibetrieb sei ein angenehmer Arbeitsort, und es mache ihm Spass, hier zu arbeiten. «Ich bin froh, dass ich hier in der Schweiz eine Arbeit habe», erklärt Jama in gebrochenem Deutsch. Vor sieben Jahren kam er in die Schweiz. «Meine Mutter hat mich mit 19 Jahren weggeschickt. Ich hatte die Wahl, entweder für den Krieg eingezogen zu werden oder zu flüchten», erinnert sich der 26-Jährige. So verliess er über Umwege sein Heimatland und strandete in Brugg. Er hätte so schnell wie möglich Deutsch lernen wollen. Sein sprachliches Engagement machte sich dann bald darauf bezahlt. Sein Lehrer machte ihn auf die Lehrstellenausschreibung der Ruedersäge im aargauischen Schlossrued aufmerksam und half ihm beim ersten Kontakt mit dem Unternehmen. Jama absolvierte darauf im Betrieb ein zweimonatiges Praktikum und bekam die Lehrstelle als Holzbearbeiter EBA. «Er zeigt grosse Motivation, und das Wichtigste, er verfügte über relativ gute Deutschkenntnisse. Das war ausschlaggebend für seine Anstellung», erklärt Inhaber Pascal Schneider. «In der Lehre war er sehr engagiert und wissbegierig und hat sich mächtig ins Zeug gelegt. Das hat mich sehr gefreut», so Schneider. Unter der Bedingung, dass er seine Deutschkenntnisse weiterhin verbessert, durfte er bleiben. «Deutsch ist eine schwierige Sprache», meint Jama lachend. Doch es sei ihm klar, wenn er hier in der Schweiz bleiben und weiter Geld verdienen wolle, dann müsse er die Sprache noch besser lernen. «Deshalb gehe ich regelmässig in die Migros Klubschule in Aarau.» Die Fachbegriffe für die Arbeit beherrsche er recht gut, aber beim Standardwortschatz hapere es noch ein wenig.

Bestehende Strukturen
reichen vollkommen

Schneider ist überzeugt von dieser Art der Eingliederung von Migranten in die Arbeitswelt und kann diese auch anderen Betrieben nur weiterempfehlen. «Aber man muss eine strikte Auswahl treffen und überzeugt sein von der Person, die man anstellt», gibt Schneider zu bedenken. Von einer Ausbildung-Schnellbleiche für Flüchtlinge hält er gar nichts: «Es müssen keine neuen Modelle zur Ausbildung der Flüchtlinge und Immigranten geschaffen werden. Die bestehenden Strukturen wie die zweijährige Grundausbildung mit Berufsattest reichen vollkommen. Das beweisen wir Unternehmer ja in der Praxis.» Die Berufsverbände müssten sonst nur wieder ein neues Ausbildungsprogramm für eine sogenannte «Flüchtlingslehre» konzipieren. Zudem wäre es gegenüber den eigenen, schwächeren Auszubildenden nicht gerecht. «Wir brauchen qualifizierte Fachkräfte, die eine fundierte Ausbildung haben, alles andere können wir auf dem Arbeitsmarkt nicht gebrauchen», bringt es Schneider auf den Punkt. Dies dürfte im Sinn der Mehrheit der KMU-Wirtschaft sein. Gemäss Schneider sei das Gewerbe schon lange aktiv in dieser Sache: «Es gibt zahlreiche KMU, die wenn möglich auf Flüchtlinge oder provisorisch Aufgenommene zurückgreifen und ihnen die Chance einer Ausbildung bieten. Das funktioniert bestens mit der zweijährigen Lehre.»

Tüchtiger Mitarbeiter

Jama hat mittlerweile eine Aufenthaltsbewilligung mit Status B. Das bedeutet, er kann die nächsten fünf Jahre in der Schweiz bleiben. Für sein Leben in der Schweiz hat er sich denn auch ein paar Ziele gesetzt. «Momentan will ich einfach nur Geld verdienen und für die Autoprüfung sparen. Ebenso muss ich meine Deutschkenntnisse vertiefen und mich auch beruflich weiterbilden.» Schneider hofft, dass Jama dem Sägereibetrieb noch lange erhalten bleibt: «Er ist ein tüchtiger und umgänglicher Mitarbeiter. Er arbeitet sogar noch am Samstagmorgen und hilft beim Siebdruck aus und bedient unseren Roboter.» Gerne würde er ihm noch die Ausbildung zum Holzbearbeiter EFZ ermöglichen. «Er ist intelligent und könnte das, doch aus finanziellen Gründen hat er abgelehnt. Aber wer weiss, vielleicht kann ich ihn ja noch davon überzeugen», meint Schneider lachend.

Corinne Remund

NACHGEFRAGT BEI CHristine Davatz

«Die Praxis beweist: Es funktioniert!»

Schweizerische Gewerbezeitung: Das Beispiel der Ruedersäge AG in Schlossrued zeigt, dass Flüchtlinge erfolgreich eine zweijährige Lehre EBA absolvieren und so in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Wie beurteilen Sie dies als Bildungsverantwortliche?

Christine Davatz: Die Integration über die Arbeit ist etwas Sinnvolles. Wie dieses Beispiel zeigt, eignet sich die zweijährige Grundbildung mit Berufsattest gut dafür. Allerdings ist eine Voraussetzung dafür, dass die Interessierten zwingend genügend Sprach- und Kulturkenntnisse haben. Den Ausbildnern kann die Vermittlung einer berufliche Grundbildung sonst nicht zugemutet werden.

Wieso ist es wichtig, dass Flüchtlinge über die ordentlichen bestehenden Bildungswege ausgebildet werden?

Wir haben genügend Strukturen in der Berufsbildung, die wir zur Ausbildung von Flüchtlingen nutzen können. Ist jemand mit der zweijährigen Grundbildung mit Berufsattest überfordert, so sind wir daran, mit den Organisationen der Arbeitswelt ODA und den Kantonen den individuellen Kompetenznachweis einzuführen. Mehr neue Spezialgefässe können und wollen wir nicht in die Berufsbildung einpacken.

Der Schweizerische Gewerbeverband sgv hat das Konzept der Flüchtlinge von Bundesrätin Simonetta Sommaruga als theoretisch und kontraproduktiv kritisiert. Sehen Sie sich da bestätigt?

Ja, wie die Praxis zeigt, funktioniert eine Integration in die Arbeitswelt gut mit der zweijährigen Grundausbildung mit Berufsattest. Es gäbe sicher noch andere Möglichkeiten, beispielsweise das Jugendprojekt LIFT. Dort lernen schwache Schülerinnen und Schüler bereits während der Schulzeit mit einfachen Arbeiten den Einstieg in die Arbeitswelt. Bei den anerkannten Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen könnte ich mir dieses Modell sehr wohl vorstellen – natürlich angepasst an das Alter dieser Personen. Das hat aber nichts mit Berufsbildung zu tun, und es gibt auch keinen eidgenössischen Abschluss. Aber der Einstieg wäre der richtige. Das sind dann Integrationsmassnahmen mit Praxisanteil, und dazu braucht es die Zusammenarbeit der Kantone mit den Betrieben vor Ort.

Interview: CR