Publiziert am: 05.02.2016

«Wir würden die Gäste schikanieren»

GOTTHARD-SANIERUNGSTUNNEL – Der Schweizer Tourismus steht unter Druck. Unter dieser Ausgangssituation ist für Gastronomie und Hotellerie eine sichere Verbindung in die Schweizer Sonnenstube und die beliebte Feriendestination Tessin absolut notwendig.

In der Schweizer Tourismusbranche bläst ein eisiger Wind. Die ausländische Konkurrenz ist gross. Die Betriebe und die Tourismusdestinationen in unserem Land kämpfen mit dem starken Franken. Zahlreiche ausländische Gäste, gerade aus dem traditionell sehr wichtigen Euroraum, kommen nicht mehr oder weniger häufig zu uns in die Schweiz – so die jetzige Situation des Schweizer Tourismus. Die Gastronomie, die Hotellerie und der Tourismus allgemein in der Schweiz stellen sich auf diese gesteigerten Herausforderungen ein. «Mit neuen ausländischen Gäste­segmenten kompensieren wir den Wegfall von beispielsweise traditionell wichtigen Gästen aus Deutschland. Gäste aus dem arabischen Raum und asiatische Gäste sind wichtiger geworden», erklärt Casimir Platzer, Präsident GastroSuisse und Hotelier in Kandersteg. Das Reise- und Konsumverhalten von häufig in Gruppen reisenden Gäste sei jedoch ein anderes. «Sie sind sehr mobil, besuchen nicht selten auf ihren Reisen in kürzerer Zeit mehrere europäische Topdestinationen», so Platzer. Die Schweiz habe es geschafft, dass sie beispielsweise mit Luzern, Interlaken, Verbier, Engelberg, St. Moritz, aber auch Zürich oder Genf mehrere gut positionierte Reiseziele für solche Gruppen habe. «Wenn wir jetzt aber während der Sanierung des Gotthard-Strassentunnels eine zentral wichtige Verbindungsstrasse durch die Alpen über Jahre schliessen, klemmen wir gerade solche neuen wichtigen Gäste­segmente regelrecht ab», gibt Platzer zu bedenken.

Kein Plan für Reisecars

Denn so vehement, wie die sinnvolle Sanierung mit einer zweiten Röhre von den Tunnelgegnern bekämpft werde, so still werde es, wenn es um konkrete und funktionierende Alternativen gehe. «Für Reisecars ganz konkret hat man bis heute schlicht keinen Plan, wie man diese ohne Strassenverbindung durch den Gotthard bringen will. Die theoretisch errechneten Verladestationen durch den NEAT-Basistunnel reichen ja schon für den Lastwagenverkehr nicht aus», konkretisiert Platzer. Aus Sicherheitsgründen müsste eine Reisegruppe beim Verladen das Fahrzeug verlassen, in einen separaten Begleitwagon umsteigen, um dann auf der anderen Seite wieder zurück in den Car zu wechseln. «Diese Zeit steht aber gar nicht zur Verfügung. Mit solchen unsinnigen Manövern würden wir unsere Gäste schikanieren und obendrein die NEAT torpedieren», so Platzer.

«Die Touristen aus der Deutschschweiz sind für den Tessiner Tourismus extrem wichtig.»

Und er ergänzt: «Denn mitten in diesem System der Hochgeschwindigkeits-Flachbahn NEAT für Personenverkehr und transnationalen Güterverkehr müssten wir eine langsame Verlade-Pendlerstrecke mit umsteigenden Gästegruppen und wartenden Lastwagenkolonnen installieren. Das ist völlig unsinnig und passt ganz und gar nicht zum modernen Tourismusland Schweiz.»

Für den Tourismus und die Gastronomie ist der Schweizer Gast unerlässlich. Der Heimmarkt, die Schweizer Kunden, hat mit dem starken Franken nochmals an Bedeutung gewonnen. «Die Schweizer Gäste wirken sehr häufig stabilisierend, kompensieren wegbrechende Märkte und erhalten so Arbeitsplätze», erklärt Platzer. Eine sehr wichtige Tourismusregion unseres Landes sei das Tessin. «Die Touristen aus der Deutschschweiz sind für den Tessiner Tourismus extrem wichtig. Wird der Gotthard-Strassentunnel nicht mit einer zweiten Röhre saniert, schottet man das Tessin von dieser wichtigen Gästegruppe ab», betont Platzer. Klar könne man gewisse Destinationen im Tessin auch mit dem Zug komfortabel erreichen.

Eine grosse und bedeutende Gästegruppe reise aber nicht mit dem Zug. Und sehr vielegerade auch kleinere Stationen und Betriebe seien auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, dass auch Automobilisten ohne stundenlange Wartezeiten an komplett überlasteten Verladestationen zu ihnen reisen können, argumentiert Platzer. Pro Jahr und Richtung sind beim geplanten Autoverlad zwischen Göschenen und Airolo 1000 Stunden Wartezeit fix eingeplant.

Ausweichverkehr durch 
Wintersportregionen

Ganz anders sieht die Situation im Winter aus: Der Gotthard-Strassentunnel wäre dann über Jahre geschlossen. Der Gotthard-Pass als Ausweichroute hat Wintersperre. Der Verkehr wird sich Alternativrouten suchen. «Diese Alternativ­routen führen über den San Bernardino, den Grossen St. Bernhard, den Simplon. Und ich rechne auch am Lötschberg bei uns im Kandertal mit Mehrverkehr von Personenwagen, die über diese Route nach Italien fahren werden», sagt der engagierte Patron eines Hotels. Und er veranschaulicht weiter: «Die Ausweichrouten führen mitten durch unsere wichtigsten Wintersportregionen im Wallis, in Graubünden und im Berner Oberland. In der Winterzeit, während diese Destinationen ihren Hauptjahresumsatz erzielen müssen, dürfen wir ihnen die Strassen nicht mit Umgehungsverkehr wegen der Gotthard-Sanierung verstopfen.»

Erfahrungen beweisen es

Welches Ausmass der Umgehungsverkehr annehmen kann, zeigen die Zahlen aus dem Jahr 2006, als die Gotthard-Strecke wegen eines Steinschlags mehrere Wochen gesperrt war. Der Lastwagenverkehr am San Bernardino nahm um 286 Prozent zu. Am Simplon waren es plus 136 Prozent. Der Personenwagenverkehr stieg am San Bernardino um 134 Prozent an und am Simplon um 39 Prozent. «Das sind Szenarien, die man sich als Unternehmer, der vom Tourismus abhängig ist, gar nicht vorstellen will. Das dürfen wir schlicht nicht riskieren», sagt Platzer.

«Unsere Branche steht vor zu grossen Heraus­forderungen, als dass wir uns auf Bastelversuche mitVerladeprovisorien einlassen könnten.»

Der Schweizer Tourismus sei auf eine funktionierende und sichere Stras­senver­bindung angewiesen. «Unsere Branche steht vor zu grossen Heraus­forderungen, als dass wir uns auf Bastelversuche mit Verladeprovisorien einlassen könnten, deren Mängel jetzt schon offensichtlich sind. Der Schweizer Tourismus braucht eine sinnvolle und funktionierende Sanierung des Gotthard-Strassentunnels mit einer zweiten Röhre», fordert Platzer. Corinne Remund