Publiziert am: 22.11.2019

«Wir wollen für die Menschen da sein»

STÖCKLI EGGIWIL – Da hinten im Emmental führt der Drogist Christian Stettler seinen Allzweckladen in der zehnten Generation. Zu seinen Kunden gehören zwar auch Katzen und Kühe. Trotzdem ist dies keine Heile-Welt-Gotthelf-Story. Sondern ein Einblick in ein KMU, das sich an die Bedürfnisse einer ganzen Region anpasst.

Wer zum ersten Mal vom Stöckli Eggiwil hört und nicht ortskundig ist, denkt womöglich an einen Tante-Emma-Laden. Dass das schon fast eine Beleidigung ist, zeigt der Besuch vor Ort. Da lässt sich deutlich mehr als nur die wichtigsten Nahrungsmittel einkaufen. Das Stöckli ist auch ein bisschen Papeterie, ein klein wenig Kleiderladen und Geschenklädeli. Und eine hochseriöse, vielfältige Drogerie. Geschäftsführer Christian Stettler ist Drogist. Wie schon sein Vater. Die Geschichte geht zurück bis ins Jahr 1734. In der zehnten Generation führt Stettler das Stöckli Eggiwil, dem auch eine hauseigene Bäckerei samt Café angehört. Das Team umfasst 24 Mitarbeiter, darunter 4 Lernende.

Einkaufen als Erlebnis

Im tiefsten Emmental, da schauen die Leute zueinander. Diesen Eindruck erweckt das Stöckli Eggiwil, diesen Eindruck erweckt Christian Stettler. «Eggiwil hat das tiefste Durchschnittseinkommen im ganzen Kanton Bern», erzählt Stettler im engen Büro des Stöcklis. Viele Junge zieht es weg. Sie müssen gehen, weil sie sonst keine Arbeit finden. Aber jammern, das tun sie nicht im Emmental. «Es ist wichtig für unser KMU, flexibel zu bleiben», sagt Stettler. «Wir wollen für die Menschen von hier da sein.»

Ein Dorf blüht auf

Eggiwil, umgeben von Hügeln und «Chrächen», mag abgelegen sein. Aber rückständig, das sind die Eggiwiler ganz bestimmt nicht. Vieles funktioniert hier, was andernorts nicht oder nicht mehr funktioniert. Das Stöckli steht sinnbildlich dafür. Auf das Lädelisterben und Existenzängste angesprochen, sagt Stettler mit einem Lächeln: «Wir sind wie eine Kette. Wenn ein Glied reisst, verlieren alle.» Will heissen: Das Gewerbe, von der Metzgerei über den Dorfladen bis zum Restaurant, ist auf das Zusammenspiel angewiesen. Man unterstütze sich gegenseitig. Und auch die Gemeinde habe in den letzten Jahren grosse Anstrengungen getätigt, lobt Stettler. Das Resultat: Statt sterbende Lädeli gibt es in Eggiwil seit kurzem ein neues Coiffeurgeschäft, einen Blumenladen und – in Zeiten von Hausarztmangel – sogar ein Ärztezentrum.

Das Stöckli ist ein wichtiges und starkes Glied in der Eggiwiler Kette. Geführt wird es seit 1991 von Christian Stettler. Als Jüngster von drei Geschwistern war schon früh klar, dass er den Betrieb seines Vaters übernehmen würde. «Im Emmental ist es üblich, dass der Jüngste den Hof oder den Betrieb übernimmt.»

In Sachen Dienstleistung und Kundenbetreuung steht das Stöckli grossen Einkaufszentren in nichts nach. «Einkaufen bei uns ist ein Erlebnis», so Stettler. «Gerade Kunden, die von weiter weg anreisen, gehen gerne nach dem Einkauf rüber ins Café auf einen gemütlichen Schwatz.» Der Einkauf werde so zur Reise, zum Erlebnis.

Zaubertränke für Mensch und Tier

Der Austausch ist in der Drogerie besonders wichtig. Nebst den üblichen Pharmazeutika und Körperpflegeprodukten sind auch homöopathische Heilmittel und weitere, auf Wunsch vom Team zusammengemischte Tinkturen erhältlich. Bio ist hier nicht einfach ein Label oder eine Trenderscheinung, wie es andernorts der Fall sein mag. Naturheilmittel haben in Eggiwil eine lange Tradition, viele Einheimische schwören darauf. Vom Spagyrik-Anti-Schnarch-Spray über die Murmeli­salbe bis zum Chörblichrutwasser – man wähnt sich fast beim genialen Druiden Miraculix.

Auch für Tiere, von der Katze bis zur Kuh, gibt es allerlei Tinkturen. «Gerade unsere Tierheilmittel erfreuen sich seit zwei, drei Jahren einer wachsenden Beliebtheit», sagt Christian Stettler. Von weit her kämen die Bauern mittlerweile, um natürliche Heilmittel für ihr Vieh zu kaufen. Die Kompetenz von Stettler hat sich über das Emmental hinaus herumgesprochen. Dieser Trend soll dank neuem Webauftritt samt Onlineshop anhalten (vgl. Nebenartikel). Die Faszination für Lebens- und Naturheilmittel aus der Region beschreibt Stettler so: «Die Menschen haben Vertrauen in Produkte, bei denen sie wissen, wo sie her sind.» Das Feeling, das Erlebnis beim Einkaufen, betont Stettler abermals, dürfe nicht unterschätzt werden. «Auswärtige mögen es, hier einzukaufen, weil es in der Stadt nicht mehr so ist. Die kleinen Lädeli gibt es dort nicht mehr.» Auch er selber mag einheimische Produkte. «In den Ferien will ich auch regionale Produkte probieren und nicht das, was ich zu Hause schon habe.» Apropos Tourismus: Vor allem der Sommertourismus ist wichtig für Eggiwil. Die Gegend ist bei Wanderern und Bikern beliebt. Ein Einkauf im Stöckli plus Kaffee nebenan gehören zum Erlebnis dazu.

Die Ketten der Biker mögen reissen, das Kettenglied Stöckli jedoch reisst nicht. Es ist seit bald 300 Jahren beständig, weil man sich immer den Bedürfnissen angepasst hat. Flexibel bleiben will Stettler auch in Zukunft: «Wir wollen für die Menschen von hier da sein.»

Adrian Uhlmann

www.stoeckli-eggiwil.ch

AUCH IN FOKUS KMU

Wie die Schweizer Berghilfe KMU in Berggebieten bei der Digitalisierung unterstützt, ist auch Thema in der «FOKUS KMU»-Sendung vom 25. November. Die Reise geht ins Valposchiavo in die Schreinerei Vecellio Legno. Co-Geschäftsführerin Cristina Vecellio erzählt, was sie sich von der Digitalisierung für ihr KMU und das ganze Tal erhofft.

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