Publiziert am: 02.10.2020

(Zu) grosse Zurückhaltung

ARBEITSMARKT – Gehörlose und hörbehinderte Arbeitnehmende sind viel seltener in Führungsfunktionen vertreten als hörende Menschen, und die Mehrheit der Gehörlosen wurde während ihrer Karriere noch nie befördert. Das zeigt eine Studie der Hochschule Luzern.

Gemäss dem Schweizerischen Gehörlosenbund leben rund zehntausend Gehörlose im erwerbsfähigen Alter in der Schweiz. Sogar bis zu einer Million Personen hierzulande seien leicht bis hochgradig schwerhörig, sie gelten als hörbehindert. Im Vergleich zur durchschnittlichen Erwerbsbevölkerung in der Schweiz sei die Arbeitslosenquote bei gehörlosen und hörbehinderten Menschen mit rund zehn Prozent circa drei- bis viermal so hoch. Das vermeldet die Hochschule Luzern, welche gemeinsam mit dem Schweizerischen Gehörlosenbund erstmals mittels «quantitativer Erhebung» untersucht hat, wie gut Hörbehinderte in Unternehmen inkludiert sind und welche Chancen und Herausforderungen sich für Firmen bei der Anstellung gehörloser Personen ergeben.

Selten in Führungspositionen

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die an der Studie teilnehmenden Gehörlosen und hörbehinderten Arbeitnehmenden im Vergleich zu Hörenden in etwa über die gleichen Ausbildungsabschlüsse verfügen. Rund vierzig Prozent von ihnen verfügen über eine höhere Ausbildung. Dennoch liegt der Anteil dieser Personen deutlich unter dem nationalen Schnitt, wenn es darum geht, ob sie wirklich arbeitstätig sind. Und eine Führungsposition hätten gar nur drei Prozent aller hörbehinderten Arbeitnehmenden inne. Zum Vergleich: Bei der Gesamtbevölkerung sind es gemäss Bundesamt für Statistik 26 Prozent.

«DER MEHRWERT FÜR DAS UNTERNEHMEN WIRD UNTERSCHÄTZT.»

Gemäss Studie sind 69 Prozent der erwerbstätigen Gehörlosen und Hörbehinderten während ihrer Berufskarriere noch nie befördert worden. Die Mehrheit der Studienteilnehmer sind in Dienstleistungs- und Verkaufsberufen tätig (23 Prozent), gefolgt von akademischen und technischen Berufen (je 16 Prozent).

Unter Potenzial rekrutiert

Fast die Hälfte (48 Prozent) aller befragten Unternehmen haben angegeben, hörbehinderte oder gehörlose Personen zu beschäftigen. «Fast alle» Firmen hätten zudem betont, dass ihre hörbehinderten und gehörlosen Angestellten wichtige Leistungsträgerinnen und Leistungsträger sind, die vergleichsweise lange im Unternehmen bleiben und flexibel sind. Weiter hätten viele Unternehmen die Einschätzung abgegeben, dass Hörbehinderte und Gehörlose oftmals eine Tätigkeit innehätten, die ihren Fähigkeiten nicht gerecht werde. «Das nährt die Vermutung, dass viele Hörbehinderte und Gehörlose unter ihrem Potenzial rekrutiert werden», sagt Annina Hille, Studienleiterin und Dozentin an der Hochschule Luzern. Gründe dafür gebe es verschiedene. «Arbeitgebende, die noch keine Erfahrungen mit hörbehinderten oder gehörlosen Angestellten gemacht haben, unterschätzen deren Mehrwert für das Unternehmen», sagt Hille. Zudem bestünden bei vielen Firmen Vorurteile und unbegründete Sorgen, wenn es um eine Anstellung gehörloser Menschen gehe.

Diese Einschätzung teilt Harry Witzthum, Geschäftsführer des Schweizerischen Gehörlosenbundes. «Der Schweizerische Gehörlosenbund setzt sich seit vielen Jahren für einen inklusiven Arbeitsmarkt ein, der Gehörlosen und Schwerhörigen echte Chancengleichheit garantiert», so Witzthum. Die Studie der Hochschule Luzern und des Schweizerischen Gehörlosenbundes solle dazu beitragen, mögliche Handlungsfelder und Massnahmen aufzuzeigen, damit unerfahrene Organisationen von den Erfahrungen anderer Firmen profitieren können und dass die Inklusion und Förderung hörbehinderter und gehörloser Menschen in den ersten Arbeitsmarkt besser gelingt.

pd

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