Publiziert am: 08.09.2017

Zu viele Stolpersteine für OdA

VERBUNDPARTNERSCHAFT – Das Gleichgewicht der drei Partner gerät immer mehr aus dem Gleichgewicht, weil sich Bund und Kantone zu viel herausnehmen, sehr zum Nachteil der OdA.

Die Schweiz wird von vielen anderen Ländern für ihr ausgeklügeltes Berufsbildungssystem bewundert. Dass dieses aber so erfolgreich agieren kann, ist den zahlreichen Bildungsinstitutionen, Bundes- und kantonalen Behörden, wie auch der Wirtschaft mit ihren Berufsverbänden, Betrieben und Bildungsverantwortlichen zu verdanken. Sie alle sind Teil der sogenannten Verbundpartnerschaft. Diese wurde mit Inkrafttreten des neuen Berufsbildungsgesetzes im Jahr 2004 im Gesetz verankert. «Darin festgehalten wird, dass die Berufsbildung eine gemeinsame Aufgabe von Bund, Kantonen und den Organisationen der Arbeitswelt OdA ist», stellt Christine Davatz, sgv-Vizedirektorin und Bildungsverantwortliche fest. Die Verbundpartnerschaft muss aus drei Partnern bestehen, die alle drei gleich wichtig, gleich nötig und deshalb gleichberechtigt sein müssen, damit es funktioniert.

«Nach 14 Jahren mit dem neuen Gesetz zeigt es sich, dass der einstige Vorsatz, für alle Beteiligten passende Lösungen zu finden, ziemlich verblasst ist», bedauert Davatz. Und sgv-Direktor Hans-Ulrich Bigler doppelt nach: «Die zwar schön gemeinten, aber nicht klar formulierten Gesetzesartikel, in welchen sowohl die OdA als auch die kantonalen Behörden sich als zuständig deklarieren, erweisen sich immer mehr als Stolpersteine für die Verbundpartnerschaft.»

Wer entscheidet eigentlich?

Die Behörden auf kantonaler und Bundesebene neigen dazu, die Anliegen der einzelnen OdA nicht mehr als gleichwertige Partner zu respektieren, wie sie eigentlich sollten. Angesichts des raschen technologischen Wandels müssten die OdA mehr 
Flexibilität erhalten, um schneller Anpassungen vornehmen zu können. Dazu Davatz: «Detaillierte Hand-
bücher mit formalen Leittexten, die am Schluss als Verwaltungsverordnungen daherkommen, führen in die falsche Richtung. Es kann nicht sein, dass alle OdA, die ihre Bildungsverordnung je nach Bedarf unterschiedlich anpassen sollten, über die gleichen formalen Hürden steigen und den gleichen zeitlichen und finanziellen Aufwand betreiben müssen.» Ebenso dürfen die Behörden in der Höheren Berufsbildung nicht vollends das Zepter in der Hand haben. «Führt eine OdA beispielsweise über längere Zeit keine Prüfung in der Höheren Berufsbildung mehr durch, kann es doch nicht sein, dass das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI einfach diese Prüfung von der Liste streicht. Die OdA ist dafür verantwortlich, nicht das Amt», ärgert sich Davatz. Und sie zählt weitere Beispiele auf: «Welchen Eindruck müssen Berufsleute von ihrer Branchenorganisation haben, wenn diese plötzlich keinen höheren Berufsabschluss mehr anbietet, weil ihr die Behörde diesen gestrichen hat. Oder wieso soll eine OdA nicht die Möglichkeit haben zu rekurrieren, wenn das SBFI bei der Einordnung eines Abschlusses in den nationalen Qualifikationsrahmen einen für die OdA unpassenden Entscheid fällt?»

Ebenso auf politischer Ebene nehmen die Missstände bezüglich Verbundpartnerschaft zu. FDP-Nationalrat Hans-Ulrich Bigler fragt zu Recht: «Woher nimmt das SBFI das Recht, sich in der Höheren Berufsbildung über einen Entscheid des Parlaments hinwegzusetzen, wenn erst noch in der Vernehmlassung deutlich Kritik geübt wurde?» Aber auch auf kantonaler Ebene wird nicht immer umgesetzt, was national eigentlich klar vorgesehen wäre. So wird mit der Finanzknappheit argumentiert, wenn die Erziehungsdirektorenkonferenz EDK zwar entscheidet, dass die Kantone eine Subvention entrichten sollten, ein Kanton aber nicht mehr zahlt, weil er dafür zu wenig Geld hat.

Transparenz und 
Verständnis nötig

Natürlich sind sich alle bewusst, dass unser Berufsbildungssystem sehr anspruchsvoll ist und nicht nur von einem Bildungspartner bestimmt werden kann. Für Bigler und Davatz ist jedoch klar: «Soll die Arbeitsmarktfähigkeit der jungen Berufsleute weiterhin sichergestellt sein, geht dies nur, wenn die Wirtschaft und ihre Vertretungen inhaltlich im Lead sind.» Dazu gehöre auch, dass die Vorstellung, wie dieses Ziel erreicht werden soll, von Anfang an klar sein müsse. «Es muss offen auf den Tisch gelegt, auf der richtigen Ebene und mit den zuständigen Vertretern ausdiskutiert werden», so Davatz. Und sie ergänzt: «Geschieht dies nicht, besteht die Gefahr, dass die Betriebe sich aus der Verantwortung herausziehen, weil sie nicht verstehen, weshalb eine Neuerung so lange braucht, bis sie eingeführt werden kann.» CR

VERBUNDPARTNERSCHAFT

Drei gleichberechtigte Partner

Die drei Partner – Bund, Kantone und Organisationen der Arbeitswelt OdA – der Verbundpartnerschaft werden nach Funktion und Bereich durch unterschiedliche Gremien vertreten. Dabei spielen viele Protagonisten mit:

n Auf Bundesebene der Bundesrat, das WBF oder das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI.

n Bei den Kantonen sind dies die Erziehungsdirektorenkonferenz EDK, die Schweizerische Berufsbildungsämterkonferenz SBBK oder eine ihrer Kommissionen, die 26 kantonalen Ämter für Berufsbildung oder einzelne Aufsichten.

n In der Wirtschaft sind es auf politisch institutioneller schweizerischer Ebene die Sozialpartner, das heisst die Wirtschaftsdachverbände der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen, dann vor allem die ausbildungs- und prüfungsverantwortlichen Organisationen der Arbeitswelt OdA, als Träger der Berufe, sowie die kantonalen OdA und die Betriebe. CR