Publiziert am: Freitag, 24. April 2015

Zuerst ausgiebig prüfen

QUALIFIKATIONSVERFAHREN – Das SBFI hat ein Projekt zur Vereinfachung der Qualifikationsverfahren lanciert und will QV-Sets einführen. Der sgv und seine Mitgliederverbände lehnen dies ab.

Qualifikationsverfahren sind für die berufliche Grundbildung zentral. Seit Inkrafttreten des neuen Berufsbildungsgesetzes vor zehn Jahren haben sich nicht nur die ehemaligen Ausbildungs- und Prüfungsreglemente, sondern auch die Lehrabschlussprüfungen stark gewandelt. Die heutigen Qualifikationsverfahren sind noch präziser auf die Bedürfnisse der einzelnen Berufe ausgerichtet. «Sie dienen nicht nur dem Nachweis der Arbeitsmarktfähigkeit der Jugendlichen, sondern auch der Qualitätssicherung der ganzen Ausbildung. Dies weil das neue Berufsbildungsgesetz den Einsatz unterschiedlicher Methoden und Instrumente ermöglicht und es den einzelnen Berufen erlaubt, die für sie passenden Qualifikationsverfahren zu bestimmen», erklärt sgv-Vizedirektorin Christine Davatz. Die Kommissionen für Berufsentwicklung und Qualitätssicherung (Kommissionen B&Q) sind dafür verantwortlich. Sie sind verbundpartnerschaftlich zusammengesetzt und sorgen für einen angemessenen Umfang und eine praktikable Durchführung der Prüfungen. Dabei liegt es auf der Hand, dass es bei rund 250 beruflichen Grundbildungen ganz verschiedene Prüfungsmodelle gibt und auch entsprechende Bedürfnisse und Anliegen bestehen. «Je nach Sichtweise erscheint die Komplexität zu gross. Dies ruft nach Vereinfachungen, was verständlich und nachvollziehbar ist», so die Bildungsverantwortliche des sgv. «Für die Kantone kommen dann noch die Kosten und der Aufwand der verschiedenen Prüfungen dazu. Dies zeigt klar, dass aus Sicht der Behörden diesbezüglich endlich gehandelt werden muss», ergänzt Davatz.

Praktische Orientierungshilfe 
für die Kommissionen B&Q

Bereits mehrere Male versuchte man, die Qualifikationsverfahren zu vereinfachen. So wurde beispielsweise vor längerer Zeit ein Projekt lanciert, das allerdings abgebrochen wurde. Dazu Davatz: «Das letzte Vorhaben umfasste 18 Empfehlungen, die leider nie weiter bearbeitet wurden. Hingegen gelang es dem Schweizerischen Gewerbeverband sgv, unter seiner Leitung eine verbundpartnerschaftlich zusammengesetzte Arbeitsgruppe ins Leben zu rufen, welche eine Orientierungshilfe für die Kommissionen B & Q entwickelte. Diese stellt die Organisation und Aufgaben, aber auch die Verantwortlichkeiten und Kompetenzen der verschiedenen Verbundpartner in den B&Q-Kommissionen übersichtlich dar.»

«Die Komplexität verlangt dringend eine Vereinfachung.»

Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI hat kürzlich ein Projekt lanciert. Dies angesichts der vielerorts prekären Finanzlage in den Kantonen, aber auch weil die Komplexität zwingend zu reduzieren sei. Ziel dabei ist, die heute zahlreich existierenden Modelle der Qualifikationsverfahren zu erfassen, Grundsätze für Vereinfachungen in den QV vorzuschlagen und auch gleich das handlungskompetenzorientierte Prüfen einzubeziehen. «Viele Verbände haben mittlerweile während rund zehn Jahre Erfahrungen mit den neuen Qualifikationsverfahren gesammelt. Deshalb, wenn es um Kosten geht, liegt es in eigenem Interesse der Organisationen der Arbeitswelt OdA, einerseits die wichtige Balance zwischen dem Aufwand der Qualifikationsverfahren für die Unternehmen und Milizexperten zu halten und andererseits der Qualität sowie der Akzeptanz der Prüfungen gerecht zu werden», gibt Davatz zu bedenken. Und weiter schliesst die Bildungsexpertin: «Die Problematik dürfte also nicht nur auf der Seite der OdA liegen, sondern man müsste sich auch fragen, ob nicht auch in den Kantonen Vereinfachungen möglich wären.»

Mit QV-Sets die Qualifikations­verfahren uniformieren?

Das SBFI schickt nun 21 Eckwerte in die Vernehmlassung, die noch bis zum 8. Mai 2015 dauert. Darunter befinden sich Eckwerte, die sehr ins Detail gehen, wie zum Beispiel bezüglich der Erfahrungs- oder Fallnoten. «Aus unserer Sicht ist es klar, dass hier die einzelnen OdA selbst Stellung nehmen müssen und es nicht Aufgabe der politischen Dachorganisation sein kann, eine einzige konsolidierte Meinung dazu zu äus­sern, wie das SBFI dies einmal gewünscht hatte», betont Davatz.

«Für die OdA sind noch zu viele Fragen offen.»

Diese Thematik wurde an zwei Tagungen mit zahlreichen kleinen und grossen OdA-Vertretungen ausgiebig besprochen. Im Besondern wurde auch die Absicht der Behörden, aus diesen Eckwerten fünf bis sieben so genannte QV-Sets zu machen, intensiv diskutiert und heftig kritisiert. Es stellen sich dabei die Fragen: «Was sind QV-Sets? Will man die Qualifikationsverfahren etwa uniformieren?» – «Bei diesem wichtigen Thema sind für die OdA noch zu viele Fragen offen. Da vor allem nicht bekannt ist, wie diese Prüfungsmodelle konkret aussehen sollen und welche Konsequenzen sie für die OdA und ihre QV haben werden, will man nicht die Katze im Sack kaufen», hält Davatz fest. Neue Vorschriften, welche die spezifischen Bedürfnisse der einzelnen Berufe zu wenig berücksichtigten, widersprächen dem Prinzip, dass die verbundpartnerschaftlich zusammengesetzten Kommissionen B&Q für die Inhalte der QV verantwortlich seien. «Deshalb lehnen wir vom sgv und unsere Mitgliedverbände die Einführung von sogenannten QV-Sets ab, solange diese nicht ausformuliert und in einer breiten Vernehmlassung geprüft worden sind», sagt Davatz. CR

MOTION Aebischer

Einspracherecht für OdA

Der Nationalrat Matthias Aebischer (SP/BE) hat mit einer Mo­tion den Bundesrat beauftragt, dass künftig im Zusammenhang mit der Niveauzuteilung eines Berufsabschlusses im nationalen Qualifika­tionsrahmen die Organisationen der Arbeitswelt OdA eine Einsprachemöglichkeit erhalten. In der geltenden Verordnung entscheidet das SBFI abschliessend. Die Trägerschaften sind eingeladen, innerhalb der nächsten drei Jahre ihre sämtlichen Berufsabschlüsse zu beurteilen und eine entsprechende Einstufung im NQR-BB zu beantragen. Zeigt die Konsistenzprüfung eine andere Einstufung oder ist das SBFI respektive die betroffene OdA nicht damit einverstanden, wird die Einstufung verweigert. Es erfolgt kein Eintrag ins Verzeichnis und die Trägerschaft hat keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren.

sgv stimmt Vorstoss zu

Der sgv begrüsst diesen Vorstoss ausdrücklich, ist doch die Einstufung der Abschlüsse in der Berufsbildung mit Blick auf die Anerkennung der Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung für die Trägerschaften politisch und wirtschaftlich von zentraler Bedeutung. Sind es doch die betroffenen ausbildungs- und prüfungsverantwortlichen Organisationen OdA und ihre Betriebe, welche für die Ausbildungs- und Arbeitsplätze sorgen und somit für die Qualität der Berufsbildung die Hauptverantwortung tragen.

Parlamentarische Initiative

Fonds für eine Qualifizierungsoffensive

Nationalrat Felix Müri (SVP/ LU) hat eine Parlamentarische Initiative eingereicht. Damit will er einen Fonds für eine Qualifizierungsoffensive in der beruflichen Grundbildung von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt schaffen. Während vier Jahren soll der Bund maximal 50 Millionen Franken für die Qualifizierungsoffensive den Kantonen zur Verfügung stellen. Diese finanzieren damit die Bildungskosten sowie allfälligen Erwerbsersatz für Qualifizierungswillige im Bereich Nachholbildung und Berufsintegrationsmassnahmen (Nachholen eines Berufsabschlusses, arbeitsmarktorientierte Förderung der Grundkompetenzen, Validierung, Wiedereinstieg usw.). Den Vollzug der Qualifikationsoffensive gewährleisten die Kantone in Zusammenarbeit mit den Organisationen der Arbeitswelt OdA. Mitnahmeeffekte sind zu vermeiden.

Mit Subjektfinanzierung 
zu unterstützen

Angesichts des Fachkräftemangels ist dieser Vorstoss zu unterstützen, doch muss vorgängig genau abgeklärt werden, ob wirklich die Gelder aus dem Berufsbildungstopf zur Verfügung gestellt werden müssen. Zudem sollte hier unbedingt das neue Modell der Subjektfinanzierung, wie es vorgesehen ist für die Unterstützung der Vorbereitungskurse in der höheren Berufsbildung, angewendet werden.