Publiziert am: Freitag, 6. Juli 2018

Zurück aus Schlamm und Wasser

WERT DER KMU – Das Jahrhundert-Unwetter in der Region Zofingen/AG im Sommer 2017 schockierte die Menschen und richtete Schäden in Millionenhöhe an. Betroffen waren auch kleine Familienbetriebe. Know-how von mehreren Gene­ra­tionen und ganze Lebenswerke standen vor dem Aus. Wie sieht es ein Jahr nach dem Unglück aus?

Die Wassermassen bahnen sich unaufhaltsam ihren Weg durch das Dörfchen Uerkheim nahe Zofingen/AG. Die Uerke, der Dorfbach, reisst ganze Gartenhäuser und Autos mit und verschlingt alles wie eine gierige Schlange.

An jenem Tag wurden nicht nur Habseligkeiten weggespült. In den Wassermassen lösten sich auch jahrelange Arbeit und Herzblut vieler Menschen jäh auf. Binnen Stunden.

All das geschah am 8. Juli 2017. Ziemlich genau vor einem Jahr. Heute ist vieles anders und doch wieder gleich. Vom Parkplatz der Bäckerei Kern ist die Uerke nicht zu sehen. Im Laden riecht es nach frischem Brot. Die Cremeschnitten und Spitz­buben wären vor einem Jahr an gleicher Stelle qualvoll ertrunken. Schlamm statt Zuckerguss.

Produktion blieb verschont

«Seit Anfang Mai sind wir wieder ganz da», erzählt Geschäftsführer Daniel Kern. Erleichterung spricht aus ihm.

«Wenn das noch einmal passiert, gibt es hier kein Brot mehr.»

«Ich habe noch nicht das Alter, um aufzuhören», sagt Daniel Kern in einem Anflug von Galgenhumor und lacht. Die Entscheidung, den Laden wieder aufzubauen, sei «das Naheliegendste» gewesen, schiebt Kern nach. Die Produktion sei grösstenteils verschont geblieben. Welch enorme Belastung das Unwetter verursacht hat, lässt sich in diesem Satz des Dorfbecks erahnen: «Wenn das noch einmal passiert, gibt es hier kein Brot mehr.»

Helfen ist normal

Als der Entscheid pro Renovation gefallen war, stellte ein mobiler Verkaufswagen den Betrieb sicher. Daniel Kern selbst schuftete 16 Stunden am Tag. Für seine Mitarbeiter entstand kaum Mehrarbeit. Ende Februar wurde der neue Laden eröffnet.

Seine Schwestern haben ihm sehr viel geholfen, so Kern. Eine davon habe sofort einen WhatsApp-Gruppenchat erstellt, erinnert sich Kern. «Am Morgen nach dem Unwetter – einem Sonntag – standen hier 35 Personen auf Platz.» Viele davon aus der Musikgesellschaft. Was bedeutet dem Dorfbeck diese Unterstützung? «Das hört sich vielleicht merkwürdig an», beginnt Kern und zögert kurz, «aber für mich ist es normal, dass man sich in solchen Situationen hilft.»

In Zeiten von Instagram und Netflix bekunden die «Uerkner» ihre Solidarität nicht mit (leeren) Worten. Die Helfer – viele davon Freiwillige, auch Milizler bei der Feuerwehr – meistern gemeinsam eine Katastrophe, die einigen Menschen den Boden unter den Füssen weggespült hat. Nicht mit virtuellen «Likes» und «Followern», sondern mit ehrlicher Arbeit, Herzblut und viel Schweiss.

Mit ihrem Schicksal war die Familie Kern nicht allein. «Zum Glück hat auch der Metzger weitergemacht», sagt Daniel Kern. Es sei ein Stück Identität und Dorfkultur, wie man einkaufen gehe. Da gehöre der traditionelle Rundgang mit Bäcker und Metzger nach wie vor dazu. «Sagt der Metzger nicht das Gleiche?», fragt Kern und lacht.

Grosse Solidarität

Der Metzger, das ist Edgar Klauser. Er führt das KMU gemeinsam mit seinem Bruder Ernst und seiner Frau Christina. Auch bei der Familie Klauser ist vom Unwetter nicht mehr viel sichtbar, präsent ist es aber noch immer. Nicht nur auf den pendenten Versicherungspapieren ist das Unwetter verewigt. «Das Erlebnis zu verarbeiten ist schwierig», sagt Christina Klauser, «bei jedem Gewitter kommen die Ängste wieder hoch. Wir sind einfach froh, dass keine Menschen zu Schaden gekommen sind.»

«Bei jedem Gewitter kommen die Ängste hoch»

Wie in der Bäckerei Kern begannen die Aufräumarbeiten in der Metzg bereits am Tag nach den Überschwemmungen. Christina Klauser: «Es war überwältigend! Von überall her wurde uns Hilfe angeboten.» Die Vorstellung, dass Uerkheim keine Metzgerei mehr haben würde, hätte die Entscheidung beeinflusst, den Tradi­tions­betrieb wieder aufleben zu lassen. Diesen Entscheid zu fällen, sei nämlich mit das Schwierigste am Unglück gewesen. «Die grosse Solidarität und Dankbarkeit unserer Kundschaft hat uns bestätigt, dass die Entscheidung zum Weitermachen richtig war», erzählt sie stolz.

Am 1. September 2017 wurde ein Provisorium in Betrieb genommen, am Sami­chlaustag feierte die Metzg Neueröffnung.

Der Kunde fragt nur einmal

Auch Dorfbeck Daniel Kern hat das Unglück als Chance wahrgenommen und eine «Kafi-Egge» in den Laden gebaut. Die Reaktionen sind positiv. «Das ist eine schöne Wertschätzung für die Arbeit, die wir täglich leisten.» Es zeigt, wie sehr KMU geschätzt und unterstützt werden.

Dies habe nicht zuletzt mit dem persönlichen Kontakt zu tun, ist Bäcker Kern überzeugt. Man kennt sich. Das helfe dabei, auf die Kunden und ihre Wünsche einzugehen, denn das sei besonders wichtig. «Ich sage immer: Der Kunde fragt nur einmal, beim zweiten Mal geht er woanders einkaufen.»

Für Uerkheim, seine Bevölkerung und seine KMU bleibt zu hoffen, dass es auch bei den Unwetterereignissen kein zweites Mal mehr geben wird.

Adrian Uhlmann

 

www.kern-beck.ch

www.metzgerei-klauser.ch

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