Publiziert am: 23.01.2015

Zwängerei statt Zusammenarbeit

ENERGIEPOLITIK – Der Gebäudebereich ist der grösste Einzelposten der Energiewende. Die Kantone spielen hier eine Schlüsselrolle; sie erlassen die entsprechenden Musterenergievorschriften.

Am 2. Mai 2014 hat die Konferenz der kantonalen Energiedirektoren (EnDK) neue Energievorschriften für den Gebäudebereich in die Vernehmlassung gegeben: die Musterenergievorschriften der Kantone. Dieser ­Entscheid wurde in der Bauszene Schweiz begrüsst, denn vorher wurden die neuen Vorschriften unter Verschluss gehalten. In der Vernehmlassung wurde vielfach der Wunsch geäussert, einen runden Tisch einzuberufen, um damit das Know-how der Branche besser einzubringen.

Heute stehen wir vor der ernüchternden Situation, dass am 9. Januar 2015 an einer ausserordentlichen GV der EnDK der definitive Text verabschiedet worden ist. Der Wunsch nach einer weiteren Gesprächsrunde ­wurde ignoriert, weitere Gespräche fanden keine statt. War die Vernehmlassung also bloss eine Alibiübung? Tatsache ist: Ohne tatkräftige Zu­sammenarbeit mit den andern Hauptakteuren der Bauszene Schweiz werden die hochgesteckten Ziele kaum zu erreichen sein.

Überlastet und überfordert

Aus den kantonalen Amtsstuben kommen immer mehr auch Botschaften, wonach die am Geschehen Beteiligten total überfordert, die Grenzen erreicht oder bereits überschritten seien. Unter derartigen Zuständen bleibt kein Platz für zeitgemässe Prozesse. Dafür haben die überlasteten Akteure keine Zeit und zudem fehlen einfache Massstäbe zu deren Beurteilung.

«AUCH BEIM UMGANG MIT ENERGIE BRAUCHTS EINFACHE REGELN.»

«Bauen ist Sache der Kantone – wir lassen uns nichts wegnehmen», scheint das Leitmotiv der Energie­direktoren zu sein. Wie es besser gemacht werden müsste, lässt sich am Beispiel des bestehenden Gebäudeparks erklären. Alle sind sich einig: Hier muss mehr investiert werden. Jährlich werden ca. 15 Milliarden Franken für Werterhaltung und Modernisierung ausgegeben. Dieser Betrag sollte auf 22 bis 25 Milliarden erhöht werden, damit der Sanierungsstau abgebaut werden kann.

Jedes Gebäude ist eine Wertanlage, die professionell bewirtschaftet werden sollte. Dazu braucht es einfache Regeln auch bezüglich des Umgangs mit der Energie. Es macht durchaus Sinn, anspruchsvolle Ziele zu formulieren, wenn der Investor selber entscheiden kann, wie er sie erreichen will.

Stärken der Akteure nutzen

Es lohnt sich, die Hauptakteure, die bei einem konkreten Projekt zum Zuge kommen, genauer anzuschauen:

nKantone – sie erlassen die Vorschriften;

nInvestoren – sie investieren und lösen dadurch konkrete Taten aus;

nPlaner – sie liefern die erforderlichen Unterlagen für die Ausführung;

nAusführende – sie setzen die Projekte in die Tat um;

nVollzugsbehörden – sie stellen sicher, dass die aufgestellten Regeln eingehalten werden.

Die Herausforderung besteht nun darin, die vielen Stärken dieser Akteure zu erkennen und richtig aufeinander abzustimmen. Dadurch entstehen kostengünstigere Gesamtlösungen, die erst noch weniger Energie brauchen. Eine wichtige Frage ist dabei: Wieweit soll der Wärmeschutz getrieben werden und wann bringt eine moderne Haustechnik für weniger Geld mehr?

Aufs Wesentliche konzentrieren

Entscheidend ist, dass alle sich auf das Wesentliche konzentrieren. Heute herrscht der Trend, alle Details zu reglementieren. Die Kunst, auf einfache Weise das Wesentliche zu erreichen, droht verloren zu gehen. Nur sehr gute Fachleute mit langjähriger erfolgreicher Tätigkeit sind in der Lage, diese längst fällige Einfachheit auch zu erarbeiten.

Hier liegt der Schlüssel zum Erfolg:

n Ziele einfach definieren, sie können/müssen eine Herausforderung sein.

n Einfach formulierte Vorschriften. Den Weg bestimmt der Investor. Die Kosten sinken und die Qualität steigt.

n Einfache Planungswerkzeuge erlauben allen Beteiligten, gute Lösungen zu finden. Auch Laien werden dadurch vorgeschlagene Lösungen besser verstehen und investieren.

n Dass für gewisse Optimierungsarbeiten durchaus aufwendige Planungsarbeiten erforderlich sein können, wird dadurch nicht ausgeschlossen.

n Bei der Erstellung der Vorschriften und der Planungswerkzeuge muss immer auch an den Vollzug gedacht werden. Die Ausrede, ein grosser Handlungsspielraum der Investoren überfordere die Vollzugsorgane, passt nicht zur Vielfalt der betroffenen Bauten und war auch bisher nicht zutreffend.

Grosser Nachholbedarf

Die MuKEn 2014 beeinflusst den Unterhalt und Betrieb des bestehenden Gebäudeparks erheblich. Grosse Geldbeträge werden investiert. Es wäre daher angebracht gewesen, ein ausgewiesenes Ingenieurbüro mit der Sachbearbeitung zu beauftragen. Die Anliegen aller Hauptakteure wären dadurch angemessen berücksichtigt worden.

«DIE STÄRKEN DER AKTEURE RICHTIG AUFEINANDER ABSTIMMEN – NUR SO GEHTS.»

Die Energiedirektoren haben den Einstieg ins Zeitalter der Energiewende leider (noch) nicht gefunden. Diese Wende bedeutet für uns alle das Betreten von Neuland. Dazu braucht es eine Portion Pioniergeist, der heute noch weitgehend fehlt. Selbst Pioniere sind jedoch ohne einfache Massstäbe und Orientierungshilfen chancenlos – hier herrscht in der ganzen Energieszene Schweiz ein grosser Nachholbedarf.

Als Optimist bin ich überzeugt, dass in absehbarer Zeit auch die EnDK erkennt, dass neue Wege zum Erfolg führen. Korrekturen sind jederzeit möglich und ein Zeichen der Stärke; dieses wird von allen Beteiligten erwartet.

Peter G. Burkhardt,

dipl. Ing. ETH/SIA, Lyss BE