Publiziert am: 22.03.2024

Der Weg zur CO2-Neutralität ist lang

Nachhaltigkeit – Die Autohersteller müssen ihren CO2-Abdruck reduzieren – und das erfordert Massnahmen in einem enorm breiten Bereich. Ein entscheidender Punkt dabei ist die «Begrünung» der weitverzweigten Lieferketten, wie das Beispiel BMW zeigt.

Der Wandel zur Elektromobilität ist für die Autohersteller mit enormen Anstrengungen verbunden – es müssen nicht nur neue technische Plattformen und darauf dann neue Modelle entwickelt werden, es erfordert auch eine Umstellung in den Produktionswerken sowie eine Neuaufstellung des After-Sales-Bereichs. Doch noch weitaus umfangreicher ist es für die Konzerne, den eigenen CO2-Fussabdruck zu verkleinern. Viele haben sich sogar auf die Fahne geschrieben, bilanziell komplett CO2-frei zu werden – BMW beispielsweise hat sich das Ziel gesetzt, als Unternehmen bis spätestens 2050 klimaneutral zu sein.

Um dieses Ziel zu erreichen, sind wesentlich weitreichendere Massnahmen erforderlich, als man auf den ersten Blick denken mag. Denn mit der Einführung rein elektrischer Fahrzeuge ist es längst nicht getan: Elektroautos sind zwar lokal CO2-frei unterwegs, sofern sie mit «grünem» Strom geladen werden. Doch damit ein solches Auto bereits dann, wenn es beim Händler steht, eine möglichst gute Umweltbilanz hat, muss in vielen unterschiedlichen Bereichen angesetzt werden. Ein modernes Auto besteht nämlich aus über 10 000 Einzelteilen, je nach Modell können es auch 20 000 sein – und diese kommen von Zulieferern aus diversen Branchen. Bei einem Elektroauto reduziert sich diese Zahl zwar etwas, dafür kommen sensible Materialien wie Lithium, Mangan oder Kobalt ins Spiel.

12 000 Lieferanten in 70 Ländern

Autohersteller können all diese Teile und Materialien unmöglich selber herstellen, sind also auf eine Vielzahl von Lieferanten rund um den Globus angewiesen – rund 70 Prozent der Komponenten eines Autos stammen von Zulieferern. Die BMW Group mit ihren Marken BMW, Mini, Rolls-Royce und BMW Motorrad hat ein Netzwerk aus rund 12 000 Lieferanten in 70 Ländern, und diese weit verzweigte Lieferkette nachhaltig zu gestalten, ist die wohl grösste Herausforderung für das Münchener Unternehmen im Bestreben um CO2-Neutralität. Dennoch legen die Bayern grossen Wert darauf, denn: «Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg gehen bei der BMW Group Hand in Hand», bekräftigt Unternehmenschef Oliver Zipse. «Gerade als Premiumhersteller haben wir den Anspruch, beim Thema Nachhaltigkeit voranzugehen.»

Auch für Joachim Post, der als BMW-Vorstand für Einkauf und Lieferantennetzwerk verantwortlich ist, steht fest: «Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und setzen uns mit grossem Engagement für die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards in unserem Lieferantennetzwerk ein.» Man arbeite dabei eng mit den Lieferanten zusammen, um Transparenz über die weit verzweigten und dynamischen Lieferketten zu erlangen und Warenflüsse rückverfolgbar zu machen.

«BMW kauft Kobalt und Lithium nur noch aus direkt zertifizierten Minen in Australien und Marokko.»

So kauft BMW beispielsweise Kobalt und Lithium für Batteriezellen seit 2020 nur noch aus direkt zertifizierten Minen in Australien und Marokko, wo sich das Einhalten von Umwelt- und Menschenrechtsstandards überprüfen lässt.

Hohe Einsparungen beim Stahl

Um den umweltfreundlichen Abbau von Lithium zu fördern, investieren die Münchener in ein innovatives Verfahren des US-Start-ups Lilac Solutions. Es soll durch den Einsatz eines Ionentauschers den Abbau von Lithium aus der Sole von Salzwasserablagerungen hinsichtlich Effizienz, Kosten und Nachhaltigkeit deutlich verbessern. «Mit der Investition in Start-ups beschleunigen wir die Entwicklung neuer Technologien, fördern den Wettbewerb und setzen Impulse, die jungen Unternehmen den Marktzugang erleichtern», sagt Wolfgang Obermaier, der den Bereich Indirekte Güter und Leistungen, Rohstoffe und Produktionspartner der BMW Group leitet.

Doch auch ein modernes Elektroauto besteht hauptsächlich aus Stahl, nämlich etwa zu rund 60 Prozent. Allein die Presswerke von BMW in Europa verarbeiten pro Jahr mehr als eine halbe Million Tonnen davon. Dieser Rohstoff hat einen erheblichen Anteil an der CO2-Bilanz eines Fahrzeugs. «Gerade in diesem Bereich gehen wir voran, indem wir für unsere Werke in Europa künftig CO2-reduzierten Stahl beziehen», führt Joachim Post aus. BMW hat dazu eine Vereinbarung mit dem Stahlproduzenten Salzgitter getroffen, der ab 2026 CO2-armen Stahl für die Serienproduktion in den europäischen Werken liefert. Bis 2030 sollen immerhin 40 Prozent des Stahlbedarfs aus dieser Quelle kommen, was die CO2-Emissionen jährlich um bis zu 400 000 Tonnen reduzieren soll.

Aluminium ist ein weiteres unverzichtbares Metall im Autobau. Gerade in Elektroautos wird dieses leichte Metall umfangreich eingesetzt – rund ein Viertel der CO2-Emissionen in der Lieferkette eines E-Autos entfällt auf dieses Leichtmetall. Entsprechend gross ist hier das Potenzial für CO2-Einsparungen, weshalb BMW ab diesem Jahr «grünes» Alu von Zulieferer Rio Tinto aus Kanada bezieht. Dessen Herstellungsverfahren eliminiert alle im Schmelzprozess entstehenden CO2-Emissionen durch den Einsatz kohlenstofffreier Anoden. Somit können im Vergleich zu konventionell hergestelltem Aluminium rund 70 Prozent der CO2-Emissionen eingespart werden.

Grünstrom in den Werken

Das Engagement der Münchener geht aber weit über diese Beispiele hinaus. Als erster deutscher Autohersteller trat BMW der «Business Ambition for 1,5 °C» bei. Dazu gehört das Bekenntnis zur Klimaneutralität bis spätestens 2050, und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Deshalb setzen die Bayern nicht nur in der Lieferkette, sondern auch in der Produktion voll auf Nachhaltigkeit. Bereits heute beziehen alle BMW-Werke weltweit ausschliesslich Grünstrom. Auf den Werksgeländen fördern gezielte und auf die jeweilige Region abgestimmte Massnahmen die Biodiversität bei Flora und Fauna, von Bienenstöcken über Falken bis hin zu Streuobstwiesen und Erdnussplantagen.

«Auf den Werksge-länden fördern gezielte und auf die jeweilige Region abgestimmte Massnahmen die Biodiversität.»

Und natürlich setzen die Münchener wie die meisten anderen grossen Autohersteller auf die Elektromobilität. BMW will den Anteil vollelektrischer Modelle bis 2025 auf über 30 Prozent steigern. Die Einführung der Neuen Klasse, eine komplett neue Generation von Elektroautos, soll ab 2025 die Marktdurchdringung der E-Autos zusätzlich beschleunigen, womit das gesetzte Ziel, dass per 2030 bereits die Hälfte der weltweit verkauften Fahrzeuge der BMW Group vollelektrisch sind, bereits früher erreicht werden soll.

Dave Schneider

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