Publiziert am: 01.03.2024

Ein liberaler Arbeitsmarkt ist wichtiger denn je

Bereits ein Viertel der Arbeitnehmenden bzw. 1,3 Millionen Menschen in der Schweiz arbeiten flexibel. Dazu zählen Selbstständige ohne Mitarbeitende, Teilzeitarbeitende mit Pensen unter 50 Prozent, Mehrfachbeschäftigte, Arbeitende auf Abruf und Temporärarbeitende. Der Wunsch, Arbeit und Privatleben besser zu vereinen, frei und unabhängig zu arbeiten, verschiedene Berufe und Unternehmen kennenzulernen oder einen niederschwelligen Einstieg in den Arbeitsmarkt zu finden, sind die Haupttreiber aufseiten Arbeitnehmende für flexibles Arbeiten.

Auch die Unternehmen – seien es KMU oder multinationale Konzerne – sind auf Flexibilität angewiesen. Digitalisierung, Globalisierung, Multikrisen und Wettbewerbsdruck machen es unerlässlich, dass sich die Unternehmen agil aufstellen. Zudem können flexible Arbeitsarrangements den Fach- und Arbeitskräftemangel reduzieren. Die Generation Z verlangt noch mehr Freiheit und Flexibilität, der demografisch bedingte, sich zuspitzende Fachkräftemangel ebenso. Flexwork dürfte also noch weiter zunehmen.

Bereit fĂĽr den Flexwork-Trend?

Eigentlich ist die Schweiz bestens für diesen Flexwork-Trend aufgestellt. Sie verfügt traditionellerweise über einen liberalen Arbeitsmarkt. Das Arbeitsrecht ist (wenn auch in die Jahre gekommen) einigermassen schlank, die unternehmerische Flexibilität entsprechend vorhanden. Die Regeln werden, wo Bedarf besteht, dezentral auf Stufe Branche oder Unternehmen von den Sozialpartnern an den jeweiligen Bedürfnissen orientiert festgelegt. Dass dieses Rezept funktioniert, beweist die im internationalen Vergleich sehr tiefe Arbeitslosigkeit bzw. hohe Erwerbsquote.

Aber Achtung: Ausgerechnet mitten im Trend zu neuen, flexibleren Arbeitsformen sind wir im Begriff, unsere Trümpfe des liberalen Arbeitsmarkts aufzugeben. Auf verschiedenen Ebenen kursieren politische Versuche, den Arbeitsmarkt einzuschränken und die Sozialpartnerschaft auszuhöhlen. So z. B. mittels gesetzlicher Mindestlöhne, Erweiterung des Kündigungsschutzes, Limitierung der Temporärarbeit, Beschränkung der Zuwanderung, Ausbau des Lohnschutzes, Kontrolle der Lohngleichheit usw.

Die Gewerkschaften, welche die Interessen der Arbeitnehmerschaft vertreten sollten, spielen dabei eine dubiose Rolle. Erwiesenermassen wĂĽnschen immer mehr Arbeitnehmende flexible Arbeitsbedingungen. Die Gewerkschaften versuchen hingegen jegliche Flexibilisierung zu verhindern. Man fragt sich, wer die Interessen der breiten Arbeitnehmerschaft vertritt.

Mit Mut und Kreativität die Zukunft gestalten

Dass Wandel Gewinner und Verlierer produziert, ist bekannt. Aber Wandel kann gestaltet werden, damit möglichst viele davon profitieren. Die Temporärbranche lebt dies seit Jahren vor: Als moderne Arbeitsform hat sich die Temporärarbeit seit den Neunzigerjahren mehr als versechsfacht. Dieses Wachstum geschah nicht unkontrolliert. Die Branche hat über die Jahre verschiedene Regelwerke entwickelt, um die Errungenschaften des Schweizer Arbeits- und Sozialversicherungsrechts mit der Zukunftsorientierung der Temporärarbeit zu verbinden. So sind z. B. Modelle für die berufliche Vorsorge von Temporärarbeitenden, für deren Weiterbildung oder Erwerbsausfall bei Krankheit entstanden sowie der GAV Personalverleih, der grösste Gesamtarbeitsvertrag in der Schweiz.

Mein Appell an die Politik lautet deshalb: Passen wir auf, dass wir nicht zu denjenigen verkommen, die Mauern errichten, wenn der Wind des Wandels weht. Wir sollten Windmühlen bauen! Das heisst, Rahmenbedingungen setzen, die die Veränderungen am Arbeitsmarkt in gewinnbringende Bahnen lenken und die den Flexwork-Trend als Chance für Wirtschaft, Gesellschaft und den Standort Schweiz begreifen und nutzen.

*Myra Fischer-Rosinger ist Direktorin von swissstaffing, dem Verband der Schweizer Personaldienstleister.

www.swissstaffing.ch

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