Publiziert am: 04.10.2024

Ein grosser Effekt im Autobau

Nachhaltige Materialien – Einhergehend mit der Verbreitung des Elektroantriebs und verbunden mit den Bestrebungen vieler Autohersteller, die eigenen CO2-Emissionen zu senken, finden immer mehr Naturprodukte und innovative Recycling-Stoffe Einzug ins Auto.

Schwemmholz, Eukalyptus und geschredderte PET-Flaschen: Die Autohersteller setzen immer mehr auf nachhaltige Materialien. Die Zeiten, in denen manche Marken damit prahlten, wie viele Kühe ihr Leben für das noble Lederinterieur lassen mussten, sind definitiv vorbei – heute betonen die Marketing-Abteilungen viel lieber, dass ihr Auto komplett vegan sei. CO2-arme Lederimitate, Sitzbezüge aus alten Fischernetzen oder Kunststoffen aus Algen werden heute vermarktet wie noch vor wenigen Jahren PS-Zahl und Beschleunigung.

Der Hintergrund ist klar: Einerseits wollen die Autohersteller ihren CO2-Fussabdruck verkleinern.

«die Autohersteller wollen ihren CO2-Fussabdruck verkleinern.»

Viele haben zumindest offensiv Ziele verkündet, einige haben sich zum Pariser Klimaabkommen bekannt und sich selbst strikte Massnahmen auferlegt, andere wollen den Kohlenstoffdioxid-Ausstoss pro produziertem Fahrzeug verringern. Hier können nachhaltige Materialien tatsächlich viel bewirken. Andererseits ist Nachhaltigkeit gerade en vogue. Die Kundschaft erwartet heute einen gewissen Grad von nachhaltigen Materialien in einem Auto – entsprechend bemühen sich die Hersteller, solche einzusetzen und das auch entsprechend zu kommunizieren. Professor Werner Olle vom Chemnitzer Automotive Institut geht davon aus, dass es künftig Vorgaben geben wird, wie hoch der Anteil von nachhaltigen Rohstoffen in Neuwagen sein müsse. Heute liege der Anteil im Schnitt bei knapp zehn Prozent.

SitzbezĂĽge aus PlastikmĂĽll

Dabei sind nachhaltige Stoffe in Autos nicht neu – grosse Hersteller wie Toyota, VW oder BMW verbauen sie seit Längerem, allerdings früher nur bei nicht sichtbaren Teilen wie Dämmmaterialien oder Sitzpolster. Diese werden seit Jahrzehnten aus Materialien wie Flachs, Hanf, Kenaf, Papier, Zellulose oder Baumwolle gefertigt. Im sichtbaren Bereich eines Autos aber, dort, wo man die Materialien sehen und betasten kann, setzte man lange auf Leder, Edelhölzer, Metalle und hinterschäumte Kunststoffe. Seit einigen Jahren, Hand in Hand mit der Einführung des Elektromotors, werden auch im sichtbaren Bereich des Innenraums nachhaltige Stoffe verbaut – und die sind teilweise sehr innovativ.

Beispiele dafür gibt es viele. Mazda setzt im Elektro-Crossover MX-30 an den Türinnenseiten einen Stoff ein, der zu 100 Prozent aus geschredderten PET-Flaschen besteht. Die Sitzbezüge enthalten 20 Prozent wiederverwertetes Garn, die Ablageflächen sowie die Tür-Innengriffe sind aus Korkabfällen, die bei der Produktion von Weinkorken entstehen. Ebenfalls Stoffe aus PET-Flaschen und Korkabfällen setzt Polestar ein – die Volvo-Tochter setzt seit Beginn der eigenen Autoproduktion auf solche Materialien. «Mit der Entwicklung dieser nachhaltigen Materialien setzen wir ein klares Statement und verdeutlichen unsere Absichten», sagte dazu der frühere Unternehmenschef Thomas Ingenlath.

VW-Tochter Cupra bezieht die Sportsitze inzwischen aus einem Stoff aus recycelten Polymerfasern, die aus Plastikmüll gewonnen werden, der aus dem Mittelmeer sowie aus anderen Gewässern gefischt wird. Auch viele andere Hersteller verbauen inzwischen solche Materialien, oder anders ausgedrückt: Kaum eine Marke verbaut sie nicht.

Ananasleder und Appleskin

Deutlich weiter gehen die Ingenieure in zukunftsweisenden Studien, die aufzeigen, was für Stoffe in den Autos von morgen sein werden. Skoda verwendet im Konzeptfahrzeug Vision In sogenanntes Ananasleder, das aus Blättern der Tropenfrucht hergestellt wird, und mischt Zuckerrüben in Kunststoffe.

«Die Kundschaft erwartet heute einen gewissen Grad von nachhaltigen Materialien in einem Auto.»

VW setzt in der Studie ID. Space Vizzion ein Material namens Appleskin ein – ein veganer Stoff mit den Eigenschaften von Kunstleder, der mit einem Anteil von Reststoffen aus der Apfelsaftproduktion hergestellt wird. Gemäss Hersteller könnten so in Zukunft 20 Prozent des bis dato verwendeten Polyurethans durch Apfelreste zu ersetzt werden. Beim Citroën Oli bestehen das Dach und die Motorhaube aus einem tragfähigen Wellkarton-Verbundmaterial.

Forschung läuft auf vollen Touren

Zulieferer wie Continental entwickeln munter an neuen nachhaltigen Materialien: Stoffe aus Hummerschalen (aufgrund ihrer guten antimikrobiellen Eigenschaften), Schläuche aus Tomatenhaut statt Gummi oder Kaffeespreu, die in Scheinwerfern verwendet wird, werden da etwa entwickelt.

«nachhaltige Stoffe in Autos sind nicht neu.»

Die Technische Universität Eindhoven hat ein Auto auf die Räder gestellt, bei dem das Chassis aus Flachsfasern und zuckerbasiertem Biokunststoff besteht. Diese Materialien verbrauchen gemäss Projektsprecher Ces nur einen Sechstel der Energie in der Herstellung im Vergleich zu den gängigen Leichtbaumaterialien Aluminium oder Kohlefaser.

Allerdings wird man für die Crash-Struktur eines Serienfahrzeugs noch lange auf hochfeste Stähle, Aluminium oder Karbon setzen. Doch auch da gibt es Lösungen. Ein Beispiel ist «grünes» Aluminium: Dieser für den Autobau sehr wichtige Rohstoff wird in Kanada in einem speziellen Verfahren gewonnen, das im Vergleich zur herkömmlichen Produktion rund 70 Prozent der CO2-Emissionen einspart.

Ein anderes Beispiel ist der für die Autoproduktion unerlässliche Stahl. BMW beispielsweise setzt CO2-reduzierten Stahl ein, der auf Basis von Erdgas oder Wasserstoff und Grünstrom hergestellt wird. Das senkt die Emissionen für diesen Stahl um bis zu 95 Prozent. Damit allein kann BMW gemäss eigenen Angaben rund 400 000 Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. Das zeigt exemplarisch, wie gross der Effekt von nachhaltigen Materialien im Autobau sein kann.

Dave Schneider

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