Publiziert am: 23.01.2026

Die Schweiz als KMU

REGULIERUNG – Schluss mit der staatlichen Konkurrenz gegenüber den Unternehmen, Fehler anerkennen, Verantwortung übernehmen und Probleme offen ansprechen: Unternehmerinnen und Unternehmer diskutierten in Klosters Wege, wie Schweizer Industrie-KMU zwischen Globalisierung und Protektionismus den Kompass behalten können.

Von der Ă–ffnung zur Abschottung: Die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen vier Jahrzehnte und deren Folgen fĂĽr die Schweizer Wirtschaft standen am Donnerstagmorgen in Klosters im Zentrum der Diskussionen.

Den Reigen eröffnete der 40-jährige Unternehmer Nicola R. Tettamanti, Mitinhaber und CEO der Tecnopinz SA und Präsident von Swissmechanic. Er schilderte die Aufschwungphase nach dem Ende des Kalten Kriegs und des Mauerfalls: Liberalisierung, neue Märkte und viel Optimismus zu Beginn der Globalisierung brachten Wachstum und Dynamik vor allem für die Schweizer Exportwirtschaft. Nach einer Hochphase führte die Globalisierung aber zu zunehmendem Preisdruck, und die Finanzkrise ab 2008 bedingte eine strukturelle Anpassung und mehr Fokus auf Produktivität und Innovation. Das Aufkommen von Protektionismus, Handelskonflikte, danach die Pandemie, der Krieg in Europa und die Energiekrise und schliesslich das Erstarken der Zollpolitik und die damit einhergehenden Unwägbarkeiten führten zu Verunsicherung bei vielen Unternehmen.

«Was machen wir falsch?»

Tettamanti beschrieb anhand der Tecnopinz, die er mit seinem Bruder Claudio führt und die 50 Mitarbeitende beschäftigt, die Folgen dieser Veränderungen für die KMU. Ab 1970 produzierte die Firma Spannsysteme für Werkzeugmaschinen – ein Geschäftsmodell, das sich 30 Jahre halten liess und das am Ende durch die Finanzkrise endgültig zerstört wurde. Das neue Modell – schneller, besser und digitaler als Präzisionsmechanik-Lohnfertiger – wurde durch die globale Wirtschaftskrise erneut infrage gestellt: Heute ist die Tecnopinz SA im Projektmanagement in den Bereichen Energie, Life Sciences sowie Luft- und Raumfahrt aktiv.

«Protektionismus trifft die MEM-KMU doppelt», sagte Tettamanti. Zölle verteuern Vorprodukte und erschweren den Export, der starke Franken frisst Margen weg, und die Know-how-Vermittlung führte zu neuer Konkurrenz aus den Exportländern. «Im Vergleich zu den Grossmächten ist die Schweiz ein KMU», resümierte Tettamanti. «33 Monate mit einer negativen Stimmung in der MEM-Branche führen zur Frage: Was machen wir falsch?» Ein Mangel an Aufträgen und an Arbeitskräften, kombiniert mit hohen Energiepreisen und einem unvorteilhaften Wechselkurs seien die grössten Herausforderungen.

Als einen von mehreren möglichen Lösungsansätzen forderte Tettamanti, dass Schluss sein müsse mit der staatlichen Konkurrenz gegenüber den Unternehmen. Es müssten wieder Fehler anerkannt, Verantwortung übernommen und Probleme offen angesprochen werden. Und die Schweiz müsse einsehen, dass Exzellenz kein Zustand sei, sondern täglich neu unter Beweis gestellt werden müsse.

Spielraum nicht noch mehr verengen

Unternehmerin und SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr pflichtete Tettamanti bei und meinte: «Die Politik muss aufhören, den Spielraum der KMU mittels neuer Gesetze noch stärker zu verengen.» Am Beispiel der Sozialpolitik – Stichworte: Mindestlöhne, Elternzeit, 80-Prozent-Lehre etc. – zeigte Gutjahr auf, dass staatliche Konkurrenz zu den KMU die Probleme noch verschärften und dass das Zudecken derselben mit immer mehr Geld keinesfalls eine Lösung sein könne.

Selbstgefälligkeit als Gefahr

Christoph Eisenring von Avenir Suisse erklärte das Prinzip der Antifragilität und zeigte auf, was die Schweiz stärkt: direkte Demokratie, Föderalismus, Verantwortlichkeit der Entscheidungsträger – und nicht zuletzt die duale Berufslehre.

Unter der Leitung von Nicole Frank diskutierten anschliessend nebst Tettamanti und Eisenring die Unternehmer Heinz Theiler, Nationalrat FDP/SZ, und JĂĽrg RothenbĂĽhler, Grossrat Mitte/BE.

«Dass die Schweiz meist gut durch Krisen kommt, birgt auch die Gefahr einer gewissen Selbstgefälligkeit», bilanzierte Eisenring und stellte eine zunehmende Entfremdung der Politik gegenüber dem produzierenden Gewerbe fest. Tettamanti plädierte dafür, dass die Politik die Folgen ihrer Entscheide für die Unternehmen stärker ins Auge fassen und das Unternehmertum gestärkt werden müsse – gerade auch, um jungen Menschen Perspektiven aufzuzeigen.

Theiler brach eine Lanze für die Schweizer Rüstungsindustrie, und Rothenbühler – der Schreiner und VSSM-Präsident ist auch Vizepräsident von Swiss Label – betonte, dass die Schweiz ihre Swissness verstärkt als Chance betrachten sollte.

Und nicht zuletzt zeigte die Veranstaltung auch die Wichtigkeit eines gewissen zivilen Ungehorsams gegenüber den Forderungen des Staats auf: «Eine Busse von 500 Franken fürs Nichtausfüllen von Formularen ist vertretbar», sagte ein Teilnehmer – «und gegenüber stundenlanger unproduktiver Arbeit allemal ein Gewinn.»

Gerhard Enggist

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