Publiziert am: 23.01.2026

Pionier zwischen Felsen und Feuer

Louis Favre – Der Genfer Unternehmer gilt als eine der prägenden Figuren der Schweizer Wirtschafts- und Technikgeschichte. Der Visionär und Ingenieur bezwang mit dem Bau des Gotthards die Alpen und Europa und schuf damit ein Jahrhundertwerk, das die Schweiz für immer veränderte. Anlässlich seines 200. Geburtstags wird er dieses Jahr mit diversen Veranstaltungen geehrt.

Louis Favre wurde am 28. Januar 1826 im heutigen Chêne-Bourg bei Genf als Sohn eines Zimmermanns geboren. Nach der Lehre im väterlichen Betrieb sammelte er in Frankreich erste Erfahrungen im Eisenbahn- und Tunnelbau. Als weitgehend autodidaktischer Ingenieur führte er schon in jungen Jahren erfolgreiche Bahnprojekte in Frankreich und in der Westschweiz aus. 1872 bewarb sich Favre bei Alfred Escher, dem Direktionspräsidenten der Gotthardbahn-Gesellschaft, für den Bau des Gotthardtunnels. In einem international ausgeschriebenen Verfahren setzte sich sein Unternehmen gegen sechs Mitbewerber durch und erhielt trotz verspäteter Offerte den Zuschlag für das damals kühnste Eisenbahnprojekt Europas.

Extreme Bedingungen und ein hoher Preis

Um den Auftrag zu erhalten, akzeptierte Favre ausserordentlich harte Vertragsbedingungen: Er musste sämtliche Risiken wie Streiks und Naturkatastrophen selbst tragen und eine extrem kurze Bauzeit garantieren. Die zugesagten acht Jahre erwiesen sich angesichts der schwierigen Topografie im Alpengebirge, der geologischen Überraschungen und der technischen Herausforderungen als äusserst knapp.

Während der Bauarbeiten von 1871 bis 1880 arbeiteten zeitweise über 4000 Menschen im Gotthardmassiv. Wassereinbrüche, Schneefälle, mangelhafte hygienische Verhältnisse und schwere Unfälle prägten den Alltag der Mineure im Tunnel. 1875 kam es zu einem Streik der überwiegend italienischen Arbeiter, der blutig niedergeschlagen wurde. Parallel dazu stand Favre unter wachsendem Druck der finanzierenden Bank und der Gotthardbahn-Gesellschaft.

Am 19. Juli 1879 erlitt Louis Favre bei einer Besichtigung des Tunnels bei Kilometer 3 einen Herzinfarkt und verstarb im Alter von 53 Jahren. Den Durchschlag des Tunnels nur sechs Monate später, am 29. Februar 1880, erlebte er nicht mehr. Zu diesem Zeitpunkt war die Bauzeit um rund zehn Monate überschritten, die Kosten um etwa zwölf Prozent höher als vorgesehen. Favres Firma musste in der Folge aufgelöst werden.

Meister, Freund und Vater

Trotz aller Konflikte und Rückschläge hatte Favre bei der Belegschaft ein hohes Ansehen. Als am 28. Februar 1880 um 18.45 Uhr von Süden her der letzte Felsdurchbruch gelang, reichten die Arbeiter ihren Kollegen auf der Nordseite durch das erste Loch eine Blechdose mit seinem Porträt. Begleitet war diese symbolische Geste von den Worten: «Wer wäre würdiger gewesen, als Erster die Schwelle zu überschreiten, als Favre, der seinen Mitarbeitern Meister, Freund und Vater war.»

Mit dem Gotthardtunnel wurde das Schweizer Alpenmassiv für den Eisenbahnverkehr geöffnet. Die neue Nord-Süd-Achse verband die Sprachregionen der Schweiz und machte das Land zu einem wichtigen Bindeglied im europäischen Güter- und Personenverkehr. Favre hat damit entscheidend zur Vernetzung der Schweiz mit dem Ausland beigetragen, sowohl technisch, wirtschaftlich wie auch gesellschaftlich.

Wie der Bau des ersten Gotthard-Eisenbahntunnels verlief und unter welchen Bedingungen die Menschen im Berg arbeiteten, zeigt SBB Historic im Depot Erstfeld in der Ausstellung «Berg. Strecke.». Originalobjekte, Dokumente und persönliche Geschichten veranschaulichen dort, wie aus der Vision einer direkten Verbindung durch den Gotthard schliesslich Realität wurde und warum der Name Louis Favre untrennbar mit dieser Pionierleistung verbunden bleibt.CR/pd

www.favre200.ch

SBB HISTORIC

SBB Historic erhält das historische Erbe der SBB und ihrer Vorgängerbahnen. Die Stiftung macht der Öffentlichkeit über 180 Jahre Schweizer Technik-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte zugänglich und führt sie mit abwechslungsreichen Veranstaltungen von der Vergangenheit in die Gegenwart. Erfahren Sie mehr über das vielfältige Angebot und helfen Sie, das Erbe der Schweizer Bahnen auch in Zukunft zu bewahren.pd

www.sbbhistoric.ch

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