Publiziert am: 23.01.2026

«Wir müssen Aussenpolitik wieder lernen»

Ordnung oder Chaos? – Leben wir aussenpolitisch in der Zeit der Monster? Professor Christoph Frei von der Universität St. Gallen meinte: «Es wäre vermessen zu sagen, es sei derzeit alles schlecht.»

«Ordnung oder Chaos? Anmerkungen zum geopolitischen Rahmen». Unter diesem Titel präsentierte der emeritierte Professor Christoph Frei von der Universität St. Gallen am Mittwochabend in Klosters seine Gedanken zur Weltlage. Damit verbunden war die Frage: Weshalb tun wir uns so schwer, die alte Ordnung loszulassen? Frei relativierte gleich zu Beginn: «Es wäre vermessen zu sagen, es sei derzeit alles schlecht.» Der Wirtschaft gehe es immer noch gut. Zudem sei es so, dass ihr politische Konflikte nicht immer nur schadeten.

Offene Märkte und Neutralität

Doch woraus bestand unsere alte Ordnung, die nun an ein Ende zu gelangen scheint? Vor gut 100 Jahren dominierten die Briten und einige weitere europäische Staaten die Welt, bevor sie spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg Stück für Stück von den USA abgelöst wurden. Europa und insbesondere die Schweiz haben von dieser Dominanz vor allem wirtschaftlich aufgrund der offenen Märkte und des Freihandels massiv profitiert. Die Zollmauer betrug nach dem Zweiten Weltkrieg rund 43 Prozent. Im Jahr 2000 waren es lediglich noch etwa vier Prozent.

Unsere Ordnung und unser Selbstbild basierten lange – und für manche noch immer – auf der wirtschaftlichen, technologischen und militärischen Überlegenheit des Westens, so Frei. Zweitens glaubten wir an die universelle Geltung westlicher Werte und Narrative. «Wenn andere Gesellschaften Pflichten statt Rechte an erster Stelle stellen, dann heisst es bei uns schnell: Die sind halt noch nicht so weit», erklärte Frei, der Titularprofessor für Politikwissenschaft mit besonderer Berücksichtigung der internationalen Beziehungen. Ferner profitierten wir von der Erwartbarkeit aus Regeln – geschaffen von all den globalen Institutionen westlicher Prägung, von der UNO bis zur WTO.

Gegenkräfte von innen

Weshalb diese Ordnung nun untergeht, darauf hat Frei zwei Antworten: Erstens sei die natürliche Folge der Globalisierung, dass es Konkurrenz von aussen, also von anderen Ländern, gebe – insbesondere China. «Die industrielle Kapazität Chinas ist heute grösser als diejenige von USA, Deutschland, Japan und Südkorea zusammen.» Generell emanzipiere sich der globale Süden. «Im Rest der Welt spielt viel Musik.»

Zweitens gebe es bei uns starke Gegenkräfte von innen. Denn die Globalisierung führe zu ungleichen Verteileffekten, und das bringe immer auch Verlierer hervor. Oft reiche schon die blosse Wahrnehmung, dass die Situation schlechter sei als früher. Diese «Verlierer» verlangten Schutz und Sicherheit. Und dies führe dann eben zu einer «My country first»-Politik.

Ins Handeln kommen

Weil noch nicht klar ist, wie die neue Ordnung gestaltet sein wird: Herrscht heute eine «Zeit der Monster»? Diese Antonio Gramsci zugeschriebene Redewendung beschreibt eine turbulente Übergangsphase, in der sich mächtige Leute nehmen, was sie wollen. Also heute Personen wie Donald Trump, Wladimir Putin oder Xi Jinping.

Frei relativierte. Das alles seien keine Monster. In der Ukraine werde ein «Krieg von gestern» geführt. In China und seinem Staatschef sieht Frei gar eher eine stabilisierende Kraft – ausser im südchinesischen Meer. Er glaube nicht an einen Angriff auf Taiwan, weil China viel zu stark vom Status quo profitiere. Trump handelt in Freis Augen sehr impulsgetrieben und hält Europa auf krasse Weise den Spiegel vor. Der US-Präsident sehe sich als eine Art König, der alle Macht auf sich konzentriert. «Er will zeigen, dass er die USA mit einer Deglobalisierung wieder reich machen kann.» Trump werde jedoch auch immer wieder instrumentalisiert.

Europa hingegen sei ein sicherheitspolitischer Zwerg und müsse nun rasch ins Handeln kommen. Eine «Rüstungseuphorie» reiche hierfür noch nicht aus. «Zudem gibt es in der EU kaum noch ein Narrativ für die Zukunft, das nicht von Verlust geprägt ist.» Es müsse wohl alles noch ein wenig schlimmer kommen, bevor man im alten Kontinent endlich aufwache.

Ähnliches gelte für die Schweiz: Auch hierzulande rede man nur noch vom Bleiben, nicht mehr vom Werden, so Frei. «Wir haben vielleicht das politisch beste System der Welt.» Und kein anderes Land habe so stark von der Neutralität profitiert und glaube so konsequent, auf Aussenpolitik verzichten zu können. «Doch Aussenpolitik zu betreiben, müssen wir wieder lernen.» Damit wir künftig nicht mehr mit Rolex und Gold ins Weisse Haus pilgern müssten. Trotz allem schloss Frei mit einer versöhnlichen Note: «In der Welt ist für all jene, die es sehen wollen, auch sehr viel Optimismus und Aufbruch zu beobachten.» hug

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