Fehlzeiten am Arbeitsplatz nehmen zu und belasten die Wirtschaft – KMU besonders stark. Die Zahlen sprechen für sich: Eine Studie zu den Kosten von Krankheiten schätzt die Produktionsausfälle aufgrund von Fehlzeiten auf 18,6 Milliarden Franken (2022). Diese Zahl beschreibt keine «Rechnung» im engeren Sinne, sondern den Wert der Arbeit, die aufgrund von Abwesenheiten nicht geleistet wird. Für Unternehmen bedeuten Abwesenheiten jedoch sehr konkrete Kosten, da sie zu Verzögerungen, zusätzlichem Aufwand und letztlich zu einer geringeren Wettbewerbsfähigkeit führen.
Direkte und indirekte Kosten
In einem Unternehmen lässt sich dieses Thema nicht auf einen makroökonomischen Indikator reduzieren. Zu den direkten Kosten – Weiterzahlung des Gehalts, Prämien für Erwerbsausfallversicherungen, Verwaltungsaufwand – kommen noch die Betriebskosten hinzu: Umstrukturierungen, Ersatzpersonal, Überlastung der Teams, Effizienzverlust aufgrund von Einarbeitungszeiten, Qualitätsminderung, Terminüberschreitungen. In einem KMU kann die längere Abwesenheit einer Schlüsselperson die Produktion nachhaltig stören, die Kundenbeziehungen erschweren und Innovationen bremsen.
Langzeitfälle wiegen schwer – psychische Probleme besonders
Um diesen Trend zu verstehen, muss man sich ansehen, was sich tatsächlich verändert. Die Sicherheit am Arbeitsplatz verbessert sich und die Zahl der Arbeitsunfälle geht langfristig zurück. Dagegen nehmen krankheitsbedingte Fehlzeiten einen immer grösseren Anteil ein. Und vor allem sind nicht nur «mehr Vorfälle» der Kostenfaktor, sondern auch deren Dauer: Ein Grossteil der Fehlzeiten entfällt auf Langzeitabwesenheiten. Mit anderen Worten: Es sind einige wenige Langzeitfälle, die das Unternehmen aus dem Gleichgewicht bringen, mehr als kurze Abwesenheiten von zwei Tagen.
Innerhalb dieses Spektrums wiegen psychische Störungen besonders schwer. Aus psychischen Gründen bedingte Arbeitsausfälle dauern in der Regel länger und erschweren die Wiedereingliederung. Für den Arbeitgeber bedeutet dies mehr Arbeitsverhältnisse und einen schwer zu ersetzenden Verlust an Kompetenzen. Bei steigender Schadenhäufigkeit können auch die Versicherungsprämien steigen.
Vielfältige Ursachen
Vor diesem Hintergrund gibt es den Versuch, die Situation auszunutzen, um die Vorschriften weiter zu verschärfen, indem behauptet wird, «die Arbeitsbedingungen» seien hauptsächlich für die Fehlzeiten verantwortlich. Diese Diagnose ist zu einfach – und sie ist opportunistisch. Zumal mehrere objektive Indikatoren nicht auf eine allgemeine Verschärfung hindeuten: Die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit ist eher zurückgegangen, Ferien werden eher mehr als weniger, und die Telearbeit ist, wo sie überhaupt möglich ist, weit verbreitet.
Die Fehlzeiten haben vielfältige Ursachen: die Alterung der Erwerbsbevölkerung, ein seit der Pandemie verändertes Gesundheits- und Meldeverhalten, ein gesteigertes Bewusstsein für psychische Gesundheit und Lebensfaktoren (Familie, Isolation, Bildschirme, Unsicherheiten), die weit über das Unternehmen hinausgehen.
Ein Signal ist aufschlussreich: Junge Erwachsene sind stark von psychischen Störungen und Invalidität betroffen, manchmal schon zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn, also bevor der Arbeitsmarkt sie nachhaltig «prägen» konnte. Das entlastet die Arbeitswelt nicht in jeder Situation, macht aber eine einheitliche Erklärung durch eine angebliche allgemeine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen unhaltbar.
Vorbeugen, begleiten, eingliedern
Was kann man tun, ohne zu überregulieren? Priorität hat die Effizienz: Anzustreben ist eine Verkürzung der Dauer langwieriger Fälle und eine Stärkung der Wiedereingliederung. Konkret bedeutet dies: Früherkennung, rascher Kontakt, Koordination zwischen Arbeitgeber, Arzt und Versicherer, wenn möglich bald schrittweise Rückkehr. Es gilt auch, Missbrauch besser zu bekämpfen – ohne gleich alle Krankgeschriebenen zu verdächtigen: nützlichere Bescheinigungen für die Rückkehr an den Arbeitsplatz, gezielte Kontrollen und einfache Verfahren.
Doch Versichern und Kontrollieren reicht nicht aus: Vor allem gilt es vorzubeugen, zu begleiten und wieder einzugliedern. Weniger Ideologie, mehr Pragmatismus: So schützen wir Gesundheit, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit – ohne KMU zusätzlich zu belasten.
ssc