Publiziert am: 27.03.2026

Pragmatische statt rigide Lösungen

«10-Millionen-Schweiz» – Mit sehr grossem Mehr hat die Gewerbekammer des Schweizerischen Gewerbeverbandes sgv die Nein-Parole zur Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeitsinitiative)» beschlossen. Zu gross sind die Befürchtungen, die benötigten Fachkräfte künftig nicht mehr finden zu können.

Die von der SVP lancierte und am 14. Juni 2026 zur Abstimmung gelangende Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeitsinitiative)» sieht vor, dass die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz bis 2050 auf maximal 10 Millionen Menschen begrenzt werden soll. Bereits beim Überschreiten von 9,5 Millionen sollen weitreichende staatliche Massnahmen im Asyl- und Familiennachzug getroffen werden. Vorläufig Aufgenommene sollen keine Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung, kein Schweizer Bürgerrecht und kein anderweitiges Bleiberecht mehr erhalten. Vorbehalten bleiben die zwingenden Bestimmungen des Völkerrechts.

Internationale Übereinkommen kündigen

Die Initiative fordert, dass der Bundesrat die Neuverhandlung bevölkerungswachstumstreibender internationaler Übereinkommen, seien sie rechtsverbindlich oder nicht, oder die Aushandlung von Ausnahme- oder Schutzklauseln anzustreben hat. Sehen Übereinkommen solche Klauseln vor, so hat der Bundesrat sie anzurufen. Internationale Übereinkommen sind auf den nächstmöglichen Termin zu kündigen, sollte die 10-Millionen-Grenze überschritten werden. Wird der Grenzwert aufgrund der getroffenen Massnahmen nach Ablauf von zwei Jahren seit seiner erstmaligen Überschreitung nicht wieder eingehalten und konnten bis dahin keine Ausnahme- oder Schutzklauseln ausgehandelt oder angerufen werden, mit denen die Einhaltung der 10-Millionen-Grenze erreicht wird, muss auch das Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU auf den nächstmöglichen Termin gekündigt werden. Bundesrat und Parlament lehnen die Initiative ohne Gegenvorschlag ab.

Bedenken der Initianten ernst nehmen

Die Befürworter der Initiative argumentieren, dass das anhaltend starke Bevölkerungswachstum die natürlichen, räumlichen und gesellschaftlichen Grenzen der Schweiz überschreitet. Die hohe Zuwanderung treibt gemäss den Initianten die Mieten und Immobilienpreise in die Höhe, was insbesondere Familien und Menschen mit tieferen Einkommen treffe. Aus Sicht der Befürworter soll das Anliegen den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken, indem die Initiative das Tempo der Zuwanderung senkt und Integration erleichtert. Die Ängste der Befürworter sind grundsätzlich ernst zu nehmen. Die Initiative ist aber nicht das taugliche Mittel dazu.

Inländisches Arbeitskräftepotenzial besser nutzen

Seit über zehn Jahren engagiert sich der Schweizerische Gewerbeverband sgv zusammen mit den Sozialpartnern in der Frage einer besseren Nutzung des inländischen Arbeitskräftepotenzials. Dies, um dem Mangel an Fachkräften, aber auch an Arbeitskräften entgegenzuwirken und um Druck von der Zuwanderung nehmen zu können. Zahlreich sind die Initiativen, die seitens Bund, Kantone und Sozialpartner lanciert worden sind. Seit der Einführung des Status S 2022 engagiert sich der sgv in verschiedenen Arbeitsgruppen und Projekten für eine unbürokratische Anstellung von Status-S-Personen durch Unternehmen. Unter anderem hat sich der sgv dafür eingesetzt, dass Lernende auch nach einer Aufhebung des Status S ihre Berufsausbildung in der Schweiz abschliessen können (Verordnungsänderung 2023). Der sgv war auch dafür, die Bewilligungspflicht bei einer Anstellung von Status-S-Personen durch eine einfache Meldepflicht zu ersetzen. Im Sommer 2025 führte der sgv mit Vertretern von Bund und Kantonen verschiedene Webinare durch mit dem Ziel, Wissen zur Integration von ausländischen Arbeitskräften, die schon in der Schweiz sind, zu vermitteln. Im April wird die Webinar-Reihe fortgesetzt (vgl. auch Seite 10).

Starre Grenzwerte und Mechanismen helfen nicht

Für eine verantwortungsvolle Schweiz ist es wichtig, Herausforderungen wie Umwelt-, Infrastruktur- und Sozialfragen anzugehen. Die Initiative hingegen setzt dabei auf rigide Grenzwerte und starre Mechanismen. Durch verpflichtende Massnahmen im Zuwanderungsbereich könnten Schweizer Unternehmen schon bald Schwierigkeiten bei der Rekrutierung qualifizierter Arbeitskräfte bekommen. Gerade in Branchen wie Handwerk, Pflege, Gastronomie, IT u. a. m. sind Fachkräfte aus dem europäischen Ausland gefragt.

Ohne genügend Mitarbeitende geraten bestehende Arbeitsprozesse, Produktion und Dienstleistungen unter Druck – mit Risiken für Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit. «Ohne Zugang zu qualifizierten Arbeitskräften aus dem Ausland wird es für viele Betriebe noch schwieriger, offene Stellen zu besetzen und Aufträge auszuführen. Eine Kündigung des Personenfreizügigkeitsabkommens würde genau diese Probleme verschärfen», sagte der sgv-Präsident und Unternehmer, Ständerat Fabio Regazzi, Mitte März anlässlich einer gemeinsamen Medienkonferenz mit den Sozialpartnern und Bundesrat Beat Jans.

Statt zusätzliche starre Beschränkungen zu schaffen, braucht es pragmatische, marktwirtschaftliche Lösungen: mehr Investitionen in Infrastrukturen, gezielte Massnahmen im Arbeitsmarkt, Anreize zur Fachkräfteausbildung und -bindung sowie eine Zusammenarbeit mit Partnern in Europa und der Welt. KMU müssen gestärkt, nicht belastet werden.

Dieter Kläy, Ressortleiter sgv

www.nein-chaos.ch

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