Schweizerische Gewerbezeitung: Herr Fanzun, wie beurteilen Sie den aktuellen Digitalisierungsgrad der Schweizer KMU – insbesondere im Bereich künstliche Intelligenz (KI) und IT-Sicherheit?
Jon Fanzun: Die Schweiz ist insgesamt ein digital starker Standort. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle KMU denselben Reifegrad haben. Die Schweizer KMU sind digital anschlussfähig, aber nicht flächendeckend zukunftsfest. Die eigentliche Trennlinie verläuft heute nicht zwischen analog und digital, sondern zwischen punktueller Digitalisierung und echter digitaler Wettbewerbsfähigkeit. In Sachen KI zeigt sich, dass viele Unternehmen KI einsetzen. Aber es fehlt mit Blick auf die Umsetzung sicher noch an Know‑how und in Sachen Regulierung an Orientierung.
Und wie sieht es bei der Cybersicherheit aus?
Eine aktuelle SATW-Studie zeigt, dass sich nur 40 Prozent der KMU gut vor Cyberangriffen geschĂĽtzt fĂĽhlen. Da braucht es sicher mehr Aufmerksamkeit seitens des Managements. Kurz: Die KMU sind durchaus gut unterwegs, aber es gibt Luft nach oben.
Wo sehen Sie derzeit für KMU die grössten Chancen beim Einsatz von KI?
Viele Unternehmen nutzen KI für die Automatisierung repetitiver Aufgaben, effizientere Kommunikation und Datenanalysen. KI kommt bei Übersetzungen, Korrespondenz oder Prozessoptimierungen zum Einsatz – mit klar messbarem Effizienzgewinn, wie eine KMU-Arbeitsmarktstudie ergeben hat. Gleichzeitig hilft KI, den Fachkräftemangel abzufedern und die Produktivität zu steigern. Potenzial sehe ich bei der eigentlichen Transformation von Geschäftsmodellen. Wichtig ist, dass die KMU nicht nur experimentieren, sondern KI strukturiert und strategisch einsetzen – dort, wo sie echten Mehrwert schafft.
Welche branchenspezifischen Unterschiede beim Umgang mit KI beobachten Sie?
In den Bereichen Kommunikation, Medien und IT können KMU heute besonders rasch von KI profitieren, weil die Anwendungen dort direkt an Text, Daten und Wissensarbeit ansetzen. In Industrie und Handel ist das Potenzial ebenfalls gross, die Nutzung von KI ist dort aber stärker mit Prozessautomatisierung und strukturellen Veränderungen verbunden.
Können Sie heute schon abschätzen, wie sich der Einsatz von KI in KMU in den nächsten zwei bis drei Jahren entwickeln wird?
Prognosen sind bekanntlich schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Das trifft besonders auf eine disruptive Technologie wie KI zu. Die Richtung scheint aber klar: Der Einsatz von KI in KMU wird deutlich zunehmen und quer durch alle Branchen den Arbeitsalltag bestimmen.
In der Schweiz gibt es aktuell keine spezifische Gesetzgebung zur KI. Bis Ende 2026 soll eine Vernehmlassungsvorlage fĂĽr neue Regeln fĂĽr die Nutzung von KI vorliegen. Was erwarten Sie vom Bundesrat?
Für Swico ist zentral, dass die Schweiz beim Thema KI nicht mit überhasteter Regulierung an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Der Bundesrat hat im Februar 2025 einen pragmatischen Kurs eingeschlagen. Diesen Kurs gilt es fortzusetzen. Swico erwartet eine KI-Regulierung, die international anschlussfähig, technologieneutral und risikobasiert ist. Entscheidend ist, dass keine Schweizer Insellösung entsteht und nur dort neue Vorgaben entstehen, wo tatsächlich Rechtslücken bestehen. Die Regulierung muss Rechtssicherheit schaffen, ohne Innovation und praktische Anwendung in den Unternehmen durch unnötige Bürokratie zu bremsen.
Inwieweit kann eine unpassende Regulierung im Bereich KI die Entwicklung und Innovation der Unternehmen behindern?
Sie behindert Innovation dort, wo sie mit Bürokratie, Rechtsunsicherheit und einem Swiss Finish arbeitet. Das zeigt sich beispielsweise an der Debatte zum Thema KI und Urheberrechtsschutz, die derzeit im Parlament geführt wird. Der Schutz des Urheberrechts ist richtig und wichtig, aber neue Sonderregeln dürfen nicht dazu führen, dass Forschung, Entwicklung und Anwendung von KI in der Schweiz erschwert oder gar verunmöglicht werden. Aus Sicht von Swico braucht es deshalb eine schlanke, risikobasierte Regulierung mit Augenmass, ergänzt durch praxistaugliche Standards und Selbstregulierung dort, wo sie wirksam ist.
Stichwort Cybersicherheit: Welche Bedrohungsszenarien sind fĂĽr Schweizer KMU aktuell besonders relevant?
Am relevantesten für Schweizer KMU sind derzeit Phishing, Social Engineering, Ransomware sowie Betrug über kompromittierte Zahlungs- und Kommunikationsprozesse. Besonders heikel ist, dass viele Angriffe heute nicht primär technische Schwächen ausnutzen, sondern menschliche Fehler, Zeitdruck und Abhängigkeiten von Dienstleistern.
Was können KMU tun, um ihre IT-Sicherheit rasch und nachhaltig zu verbessern?
KMU verbessern ihre IT-Sicherheit am besten mit einer sauberen Grundhygiene: Multi-Faktor-Authentifizierung, Updates, getrennte Back‑ups und abgesicherte Fernzugriffe. Nachhaltig wird der Schutz aber erst, wenn auch Organisation und Verhalten stimmen, also mit Schulungen, Notfallplänen, klaren Verantwortlichkeiten und sicheren Zahlungsprozessen.
Wie reagiert der Gesetzgeber auf die zunehmende Gefahr vor Cyberbedrohung fĂĽr Unternehmen?
Im Bereich der Cybersicherheit beschäftigten zahlreiche politische Vorstösse den Wirtschaftsstandort Schweiz. Swico teilt das Ziel, dass die Cybersicherheit in der Schweiz gestärkt werden soll. So verfügt das Bundesamt für Cybersicherheit über mehr finanzielle Mittel. Entscheidend sind wirksame Massnahmen sowie Vereinfachungen, insbesondere bei Meldepflichten. Der digitale Omnibus der EU, der solche Vereinfachungen vorsieht, kann hier als Orientierung dienen. Gleichzeitig zeigt sich, dass neue Gesetze und Pflichten nicht automatisch zu mehr Sicherheit führen, sondern häufig zusätzlichen administrativen Aufwand erzeugen.
Interview: Gerhard Enggist
www.swico.ch