Publiziert am: 17.04.2026

«Bei uns wird Geschichte (be)greifbar»

Geschichte erleben – Die meisten Schweizer Schlösser sind am 1. April in die neue Saison gestartet. Wir werfen einen Blick auf die Burg Zug. Im Interview erklärt die Direktorin ad interim, Barbara Keiser, warum interaktives Lernen immer beliebter wird, welche Highlights Besucherinnen und Besucher in dieser Saison erwarten – und weshalb das Mittelalter alles andere als «finster» war.

Schweizerische Gewerbezeitung: Wie hat das Museum Burg Zug die Saison 2025 abgeschlossen?

Barbara Keiser: 2025 war für das Museum Burg Zug ein ausgesprochen erfolgreiches Jahr. Mit 13 891 Besucherinnen und Besuchern aus der ganzen Schweiz und dem Ausland konnten wir unsere Ausstrahlungskraft deutlich unter Beweis stellen. Besonders erfreulich ist der neue Rekord bei den Schulklassen: So viele junge Menschen wie noch nie haben Geschichte bei uns hautnah erlebt. Ein weiterer Höhepunkt war die Aufnahme des Nachlasses von Martin Kamer in unsere Sammlung. Mit diesem bedeutenden Konvolut eines international anerkannten Modeexperten, Sammlers sowie Kostüm- und Bühnenbildners gewinnt das Museum ein Stück Weltbühnen-Geschichte hinzu. Das stärkt nicht nur unsere Sammlung, sondern auch unsere nationale und internationale Vernetzung.

Ihre Sonderausstellung zum

Mittelalter in der Zentralschweiz ist noch bis zum 4. Oktober 2026 zu sehen. Welches Feedback haben Sie von den Besucherinnen und Besuchern erhalten?

Die Resonanz ist überwältigend. Unsere Besucherinnen und Besucher beschreiben die Ausstellung «hûs, stat, fëld – Mittelalter in der Zentralschweiz» als informativ, spielerisch und optisch packend. Viele kommen sogar ein zweites Mal, um alles in Ruhe zu entdecken. Ein echter Publikumsmagnet ist unser neues, interaktives Landschaftsmodell. Es zeigt eindrücklich, wie sich die Zentralschweiz über die Jahrhunderte verändert hat, was Jung und Alt gleichermassen fasziniert.

Welche zentrale Botschaft möchten Sie mit dieser Ausstellung vermitteln? Welche Idee oder Vision steht dahinter?

Wir wollen mit dem Klischee des «finsteren Mittelalters» aufräumen. Diese Epoche war bunt, voller Feste und Fortschritt. Denken Sie an die Erfindung der Dreifelderwirtschaft: Sie liess die Bevölkerung wachsen und veränderte unser Landschaftsbild durch Rodungen und Umleitungen von Bächen und Flüssen nachhaltig. In dieser Zeit entstanden die Grundlagen für unsere heutige Selbstverwaltung. Dank der engen Zusammenarbeit mit dem Amt für Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Zug zeigen wir zudem Schätze, die noch nie öffentlich zu sehen waren: etwa einen einzigartigen Einbaum aus dem 15. Jahrhundert. Wir zeigen, dass die Errungenschaften von damals unser Leben bis heute prägen.

«Wir wollen mit dem Klischee des finsteren Mittelalters aufräumen.»

Was erwarten die Besucherinnen und Besucher in der Dauerausstellung?

Eine Zeitreise durch die Zuger Kulturgeschichte. Wir inszenieren Themen wie Herrschaft, Kriegführung, Religion oder Wohnkultur in stimmungsvollen Räumen. Das Museum ist kein Ort zum Stillstehen: Man kann eine mittelalterliche Rüstung anprobieren, altes Handwerk erleben oder historische Spiele ausprobieren. Familien entdecken die Burg gemeinsam mit dem Comicmädchen Lili analog oder digital oder unserer «Burgtasche» für die Kleinsten, die haptische Aufgaben zur Hand gibt. Am Ende wartet das Spielzimmer zum Verkleiden oder das Dachgeschoss mit unserem Atelier mit dem vielleicht schönsten Ausblick über die Zuger Altstadt – der perfekte Ort zum Basteln und Spielen.

Was sind die Highlights in dieser Saison?

Das Rahmenprogramm zur Sonderausstellung «hûs, stat, fëld – Mittelalter in der Zentralschweiz» bietet vielfältige Aktivitäten: In Workshops wird mittelalterlich gekocht, Referate und dialogische Führungen vermitteln historische und archäologische Themen, und in der «Freien Mittelalter-Werkstatt» kann mittelalterliches Handwerk selbst ausprobiert werden. Ein grosses Highlight wird das Zuger Mittelalterfest am 19. und 20. September direkt rund um die Burg. Dort wird mittelalterliches Handwerk und Leben hautnah gezeigt. Am 4. Oktober feiern wir den Schweizer Schlössertag, der nicht nur Familien ein grossartiges Programm bietet. Am 12. und 13. Dezember verwandelt sich unser Burghof erstmals in einen stimmungsvollen Weihnachtsmarkt.

Wie gestaltet sich das Rahmenprogramm, und welche Angebote sind besonders gefragt?

Das Programm ist so vielfältig wie das Mittelalter selbst. Besonders beliebt sind unsere Taschenlampenführungen im Herbst und Winter – wenn es in der dunklen Burg ein wenig schaudert, ist das Gänsehaut pur. Auch die dialogischen Führungen und Koch-Workshops sind oft im Nu ausgebucht.

Das Museum Burg Zug ist auch digital präsent. Welche Bedeutung haben digitale Angebote für Ihr Haus, und welchen Mehrwert bieten sie den Besucherinnen und Besuchern?

Unsere «Sammlung Online» öffnet Türen zu Schätzen, die sonst im Depot schlummern. Derzeit sind über 500 Objekte digital erlebbar. Im Museum selbst nutzen wir Audios, Videos und Touchscreens als Ergänzung zur klassischen Ausstellung. Aber: Digital ist bei uns nie Selbstzweck. Gerade Kinder sollen Geschichte weiterhin mit allen Sinnen erfahren. Keine VR-Brille ersetzt das Gefühl, wie schwer eine echte Ritterrüstung auf den Schultern lastet.

«Wir zeigen, dass die Errungenschaften von damals unser Leben bis heute prägen.»

Warum lohnt sich ein Besuch im Museum Burg Zug besonders?

Weil die Burg selbst ein Erlebnis ist. Sie ist eine der wenigen erhaltenen Stadtburgen der Schweiz und wurde seit dem 11. Jahrhundert stolze 26-mal umgebaut. Überall finden sich Spuren aus verschiedenen Epochen, Legenden von Geheimgängen und versteckten Türen. Im Sommer bietet unser lauschiger Burghof eine ruhige Oase inmitten der Stadt. Ebenfalls lohnt sich ein Besuch unserer Sonderausstellung zum Mittelalter in der Zentralschweiz. Sie vermittelt lustvoll das Leben der einfachen Menschen. Ein besonderes Highlight ist das interaktive Relief der Zentralschweiz, welches die Entwicklung der Region über mehrere Jahrhunderte zeigt. Wer die Zentralschweiz einmal aus einer völlig neuen Perspektive sehen will, kommt daran nicht vorbei.

Welche grösseren Projekte plant das Museum Burg Zug in naher Zukunft?

Wir planen den Umzug in neue Bürogebäude und bereiten parallel die umfassende Erneuerung unserer Dauerausstellung vor.

Welche Bedeutung hat das Museum Burg Zug im gesamtschweizerischen Kontext?

Als mittelgrosses Haus setzen wir durch unsere selbst erarbeiteten, thematisch starken Sonderausstellungen nationale Akzente. Wir sind im Verband «Die Schweizer Schlösser» sowie im «Verband der Museen Schweiz» bestens vernetzt.

Was wünschen Sie sich persönlich für das Museum Burg Zug in dieser Saison?

Nach dem krankheitsbedingten Ausfall unseres Direktors Walter Bersorger im letzten Jahr stand das Team vor enormen Herausforderungen. Mein persönlicher Wunsch ist, dass wir diesen Umbruch als Chance nutzen. Wir wollen als Team weiter über uns hinauswachsen, die entstandenen Lücken füllen und das Museum Burg Zug mutig neu definieren. Ich wünsche mir, dass wir weiterhin dieser lebendige, spannende Ort bleiben, der die Menschen in Zug und darüber hinaus begeistert. Interview: Corinne Remund

www.burgzug.ch

SCHWEIZER SCHLÖSSER

Neue Schlösser-Saison ist eröffnet

Der Verband «Die Schweizer Schlösser» wurde 2014 gegründet und vereint heute 32 Mitglieder. Seine Schlösser und Burgen öffnen Einblicke in vergangene Jahrhunderte – und schlagen zugleich den Bogen in die Gegenwart. Mit modernen Veranstaltungsformaten, historischen Darstellenden, thematischen Ausstellungen sowie sorgfältig inszenierten Führungen wird Geschichte lebendig und erlebbar gemacht. Die Anlagen laden dazu ein, die Vielfalt der Schweizer Schloss- und Burgenlandschaft neu zu entdecken.

Der Schweizer Schlössertag ist die wichtigste Veranstaltung des Verbands und seiner Mitgliedsschlösser. In drei Sprachregionen der Schweiz gibt es jeweils am ersten Sonntag im Oktober ein facettenreiches Programm für ein breites Publikum, insbesondere auch für Familien. Jedes Jahr wird ein spezielles Motto gewählt. Dieses Jahr gibt es in 32 Schlössern am 4. Oktober 2026 spannende und vielfältige Programme rund um das Thema «Reisen» zu erleben. Alle Programme der teilnehmenden Schlösser werden im Sommer 2026 aufgeschaltet.CR

www.dieschweizerschloesser.ch

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