Publiziert am: 17.04.2026

Leitbilder schaffen keinen Wohnraum

Raumentwicklung – Der Bundesrat hat das erneuerte Raumkonzept Schweiz verabschiedet, das als gemeinsame Strategie von Bund, Kantonen und Gemeinden für die Raumentwicklung dient. Es formuliert viele nette Ziele, doch es verfehlt den entscheidenden Punkt: Die Schweiz hat kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem.

Die Schweiz hat ein Wohnungsproblem. Wohnraum ist knapp, die Nachfrage steigt, und die Preise geraten unter Druck. Gleichzeitig verfolgt die Raumplanung seit Jahren eine klare Strategie: Verdichtung nach innen. Mehr Wohnungen sollen auf bestehender Fläche entstehen. Doch genau diese Verdichtung kommt vielerorts nicht voran.

Das aktualisierte Raumkonzept Schweiz knüpft an dieser Logik an. Es formuliert Leitlinien für die räumliche Entwicklung bis 2050 und setzt konsequent auf eine effizientere Nutzung des bestehenden Siedlungsraums. Grundsätzlich ist dieser Ansatz richtig. Der Boden ist begrenzt, und eine weitere Zersiedelung ist weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll.

Bremsende Wirkung

Das Problem liegt nicht in der Zielsetzung, sondern in der Umsetzung. In der Praxis wird Verdichtung häufig blockiert – durch langwierige Verfahren, hohe Regulierungsdichte und zahlreiche Einsprachen. Bauprojekte verzögern sich oder scheitern. Investitionen werden unsicherer, Kosten steigen, und das Wohnungsangebot wächst zu langsam. Der Schweizerische Baumeisterverband spricht deshalb zu Recht von einem «Verdichtungsversagen».

Damit zeigt sich ein grundlegender Widerspruch: Politisch wird Verdichtung gefordert, institutionell wird sie erschwert. Das Raumkonzept trägt diesem Widerspruch zu wenig Rechnung. Es beschreibt Zielkonflikte zwischen Verdichtung, Umweltanliegen und Lebensqualität, bleibt aber vage bei deren Auflösung. Statt klarer Prioritäten dominiert der Anspruch, alles gleichzeitig zu erreichen – mit entsprechend bremsender Wirkung.

Hinzu kommt eine Verschiebung der Gewichte. Klima-, Umwelt- und Landschaftsaspekte prägen zunehmend die Raumplanung. Wirtschaftliche Anforderungen stehen faktisch unter Vorbehalt. Für das Gewerbe bedeutet dies geringere Planungssicherheit und enger werdende Spielräume.

Fragmentierung als Ergebnis

Eine zentrale Rolle spielt die föderale Struktur der Schweiz. Sie ist eine grosse Stärke: Kantone und Gemeinden kennen ihre Gegebenheiten und können differenziert entscheiden.

«Beim neuen Raumkonzept stehen Wirtschaftliche Anforderungen faktisch unter Vorbehalt.»

Gerade in der Raumplanung ist diese Nähe zur Realität unverzichtbar. Doch hier liegt auch die Schwäche des aktuellen Ansatzes. Das Raumkonzept setzt auf Koordination, unterschätzt aber die Konsequenzen der dezentralen Umsetzung. Der Bund formuliert Leitlinien, deren Wirkung vollständig von der Umsetzung vor Ort abhängt. Dort treffen sie auf unterschiedliche Prioritäten, Widerstände und Verfahren. Das Ergebnis ist weniger Koordination als Fragmentierung. Das Problem ist daher nicht der Föderalismus – sondern ein Konzept, das seine institutionellen Grenzen unterschätzt.

Wer Verdichtung will, muss sie auch ermöglichen. Dazu braucht es effizientere Verfahren, weniger regulatorische Hürden und klarere Prioritäten. Solange Bauprojekte Jahre dauern und Investitionen hohe Risiken tragen, bleibt Verdichtung ein politisches Schlagwort.

Das Raumkonzept setzt wichtige Impulse. Es verfehlt jedoch den entscheidenden Punkt: Die Schweiz hat kein Erkenntnisproblem in der Raumplanung, sondern ein Umsetzungsproblem. Gerade angesichts der Wohnungsknappheit ist das zentral. Denn neue Wohnungen entstehen nicht durch Leitbilder – sondern durch Projekte, die auch realisiert werden können.

Philipp Bauer, Ressortleiter sgv a.i.

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