Publiziert am: 17.04.2026

Priorisieren mit Augenmass

Verkehr 2045 – Der Bundesrat legt mit «Verkehr 2045» den Grundstein für die weitere Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur in der Schweiz. Für den sgv ist zentral, dass diese KMU-tauglich ausgestaltet wird. KMU sind auf einen guten Verkehrsfluss und ein zuverlässiges Netz angewiesen – insbesondere auf der Strasse, die das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft bildet.

Mit «Verkehr 2045» hat der Bundesrat einen grundlegenden Richtungsentscheid in der Verkehrspolitik eingeleitet. Auslöser waren das Nein zur Autobahnvorlage 2024 sowie stark steigende Kosten im Bahnausbau. Seither ist klar: Die Schweiz kann sich künftig nicht mehr alle geplanten Infrastrukturprojekte leisten – und muss ihre Prioritäten neu ordnen.

Die Dimensionen sind beträchtlich. Insgesamt stehen Projekte im Umfang von rund 100 bis 120 Milliarden Franken zur Diskussion. Für die nächsten Ausbauschritte dürfte jedoch nur ein Bruchteil davon zur Verfügung stehen – rund 30 bis 40 Milliarden Franken. Die Differenz ist erheblich und zwingt dazu, genauer hinzuschauen: Welche Projekte bringen tatsächlich den grössten Nutzen, und wo kann zugewartet werden?

Problematische Verschiebung hin zur Schiene

Genau hier setzt «Verkehr 2045» an. Erstmals werden Strasse, Schiene und Agglomerationsverkehr gemeinsam betrachtet und gegeneinander abgewogen. Der Ansatz markiert einen Bruch mit der bisherigen Praxis, in der die Verkehrsträger weitgehend getrennt geplant wurden. Künftig soll stärker aus einer Gesamtsicht entschieden werden. Dieser neue gesamtheitliche Ansatz ist grundsätzlich zu begrüssen.

Die bisherigen Entscheide lassen allerdings eine klare Tendenz erkennen. Für den nächsten Ausbauschritt sind sieben Bahn-Grossprojekte, aber lediglich zwei Nationalstrassenprojekte vorgesehen. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt deutlich zugunsten der Schiene. Zu den wenigen prioritären Strassenprojekten zählt etwa der Rheintunnel in Basel, der einen wichtigen Engpass im nationalen Verkehrsnetz beseitigen soll.

Für KMU ist diese Entwicklung hin zur Schiene problematisch. Die Strasse bleibt das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft und trägt den Grossteil des Güterverkehrs. Engpässe im Nationalstrassennetz wirken sich unmittelbar auf Lieferketten, Dienstleistungen und die Erreichbarkeit von Betrieben aus. Eine Priorisierung, die diese Realität nicht ausreichend berücksichtigt, droht die Funktionsfähigkeit des Gesamtsystems zu schwächen.

Werden notwendige Kapazitätserweiterungen aufgeschoben oder nicht umgesetzt, verschärfen sich diese Probleme. Investitionen in die Behebung der Engpässe auf den Nationalstrassen sind daher unerlässlich, um die Funktionsfähigkeit des Verkehrsnetzes aufrechtzuerhalten.

Schlankere Verfahren

Gleichzeitig ist unbestritten, dass die finanziellen Mittel begrenzt sind und ein «Weiter wie bisher» nicht möglich ist. Neben der Auswahl der Projekte rückt deshalb eine zweite Frage stärker in den Fokus: die Effizienz. Verzögerungen, komplexe Verfahren und Kostenüberschreitungen treiben die Ausgaben seit Jahren in die Höhe. Fachleute sehen hier erhebliches Potenzial. Mit besseren Planungsprozessen, schlankeren Verfahren und dem gezielten Einsatz neuer Technologien könnte mit den vorhandenen Mitteln deutlich mehr erreicht werden.

«Verkehr 2045» ist noch kein Ausbauprogramm, sondern bildet die Grundlage für die nächsten politischen Entscheide. Zur genauen Ausgestaltung der Vorlage wird sich der Schweizerische Gewerbeverband sgv im Rahmen des für Sommer 2026 geplanten Vernehmlassungsprozesses konkreter äussern. Klar ist bereits heute: Die kommenden Entscheide werden darüber bestimmen, wie leistungsfähig und wirtschaftsfreundlich das Verkehrssystem der Schweiz in Zukunft sein wird.

Philipp Bauer, Ressortleiter sgv a.i.

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