Publiziert am: 22.05.2026

«Lasst die Ärzte ihre Arbeit machen!»

SCHWEIZERISCHE BELEGÄRZTE-VEREINIGUNG – Die Belegärzte sind ein wichtiger Pfeiler der medizinischen Versorgung in der Schweiz. Gleichzeitig steht das Modell unter politischem und regulatorischem Druck, während administrative Belastungen steigen. Vor diesem Hintergrund plädiert der Verband für mehr unternehmerische und medizinische Freiheit im Alltag der Ärzteschaft.

In der Schweiz gibt es rund 3500 Belegärzte, wovon etwa die Hälfte in der Schweizerischen Belegärzte-Vereinigung (SBV) organisiert sind. Es handelt sich dabei um Fachärzte mit eigener Praxis, die ihre Patienten nicht nur ambulant, sondern auch im stationären Bereich behandeln und dafür Betten in Spitälern oder Tageskliniken belegen. Typischerweise erfolgen die Voruntersuchung sowie die Nachbehandlung in der eigenen Praxis, während der eigentliche Eingriff – sofern erforderlich – im Spital oder in einer Klinik durchgeführt wird. «Theoretisch ist das Belegarztmodell in so gut wie allen Fachrichtungen möglich. In der Praxis betrifft es jedoch vor allem jene Fachgebiete, in denen Behandlungen sowohl ambulant als auch stationär durchgeführt werden», erklärt Florian Wanner, Sekretär SBV. Der Patient profitiert von der hohen fachlichen Qualifikation der Belegärzte. Belegarzt wird man in der Regel nicht unmittelbar nach dem Studium und dem Erwerb des Facharzttitels, sondern erst nach mehreren Jahren klinischer Erfahrung, häufig als Kaderarzt oder gar Chefarzt, bevor eine Akkreditierung erfolgt. Der Belegarzt begleitet seine Patientinnen und Patienten entlang des gesamten Behandlungspfads – von der Voruntersuchung über den Eingriff bis hin zur Nachsorge. «Dadurch entsteht ein besonders enges Arzt-Patienten-Verhältnis, das von gegenseitiger Kenntnis und Vertrauen geprägt ist», so Wanner.

Zudem zeichnet sich der Belegarzt durch eine hohe fachliche und organisatorische Unabhängigkeit aus. «Das Spital ist nur eingeschränkt weisungsbefugt, wodurch der Belegarzt weitgehend selbst entscheidet, welche Behandlung am besten geeignet ist.» Diese Eigenständigkeit geht mit einer klaren persönlichen Verantwortung einher. Der Belegarzt steht mit seinem Namen für seine Entscheidungen ein und kann sich nicht hinter einer Spitaladministration verstecken.

«Ohne Belegärzte müsste die Bevölkerung tendenziell mit längeren Wartezeiten und einer weniger flexiblen Versorgung rechnen», betont Wanner. Studien und Erfahrungen aus Deutschland deuten darauf hin, dass Belegärzte in bestimmten Konstellationen effizienter arbeiten und dadurch auch kostengünstiger sein können – teilweise wird ein Effizienzvorteil von rund 10 Prozent genannt. Dazu Wanner: «In Deutschland wurde das Belegarztwesen in den vergangenen Jahren jedoch durch strukturelle und tarifliche Veränderungen unattraktiv gemacht, was in der Folge zu einem Rückgang dieses Versorgungsmodells geführt hat.» In der Schweiz gelten Belegärzte nach wie vor als wichtiger Bestandteil der medizinischen Versorgung und tragen wesentlich zur Systemstabilität und Versorgungssicherheit bei. «Die Schweiz braucht Belegärzte», konkretisiert Wanner.

Zunehmende Belastungder Ärzteschaft

Der politische Rahmen erschwert es frei praktizierenden Ärzten allerdings zunehmend, ihre Tätigkeit auszuüben. In den vergangenen Jahren wurde die Zulassung zur Abrechnung über die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) in mehreren Fachgebieten erneut verschärft, da teilweise von einem Überangebot an Leistungen ausgegangen wird. Ob diese Einschätzung zutrifft, ist umstritten. Zudem hat der Wettbewerb zwischen öffentlichen Spitälern und dem niedergelassenen Bereich deutlich zugenommen. Dabei kommt den Kantonen eine problematische Mehrfachrolle zu: Sie betreiben eigene Spitäler, entscheiden über die Zulassung von Leistungserbringern, vergeben Leistungsaufträge an Spitäler, legen Tarife fest und bestimmen über sogenannte gemeinwirtschaftliche Leistungen (GWL). «Dabei handelt es sich um eine Art Subventionierung von Leistungen, die über die Tarife nicht gedeckt sind, etwa für Ausbildungsstellen oder den Betrieb in Randregionen», stellt der SBV-Sekretär fest. Die daraus entstehenden Interessenkonflikte beschreibt er mit einer Analogie aus dem Sport: «Wenn ein Fussballclub gleichzeitig den Schiedsrichter stellt, die Regeln definiert, den Transfermarkt kontrolliert, Eintrittspreise festlegt und das eigene Team sowie Stadion subventioniert, wird deutlich, dass ein solches System problematisch ist.» Im Gesundheitswesen ist eine vergleichbare Konstellation teilweise Realität. «Das Problem ist seit Jahren bekannt, eine grundlegende Lösung bleibt jedoch aus.» Hinzu kommt eine zunehmende administrative Belastung der Ärzteschaft. Dazu Wanner: «Zahlreiche Berichte, Reportings und Registerpflichten führen zu einem erheblichen Aufwand, der in der Regel nicht vergütet wird und zulasten der direkten Zeit mit den Patientinnen und Patienten geht.»

Zu viele Regulierungen

Die SBV engagiert sich auch auf politischer Ebene. «Wir sind eine kleine Organisation; unsere schlanke Struktur ermöglicht uns jedoch eine hohe Flexibilität und Handlungsfähigkeit», so Wanner. «So können wir rasch reagieren und bei Bedarf unkompliziert Allianzen eingehen, ohne langwierige interne Entscheidungsprozesse abwarten zu müssen.» Ein Hauptanliegen des Verbands sind die zahlreichen regulatorischen Vorgaben im Gesundheitswesen, die Fehlanreize setzen können. «Diese werden wiederum oft mit zusätzlicher Regulierung zu korrigieren versucht, was neue Fehlanreize erzeugen kann – ein Kreislauf, der die Komplexität weiter erhöht», stellt Wanner fest. Ein Beispiel dafür sind die Tarifsysteme. Der bisherige Einzelleistungstarif TARMED weist bekannte Schwächen und Fehlanreize auf. Er wurde durch ein neues System ersetzt, das aus dem Einzelleistungstarif TARDOC und ergänzenden Pauschalen besteht. Kritisch wird dabei gesehen, dass auch dieses neue Modell in bestimmten Bereichen neue Fehlanreize setzt und die Abgeltung einzelner Leistungen nicht in jedem Fall als sachgerecht beurteilt wird. «Würde ein Arzt seine Patientinnen und Patienten in vergleichbarer Weise behandeln, wie die Tarife konstruiert worden sind, würde man ihm unter Umständen vorwerfen, nicht nach den anerkannten Regeln der medizinischen Sorgfalt gehandelt zu haben», so Wanner, und er fordert: «Lasst die Ärzte einfach ihre Arbeit machen!»

Die Branche steht vor mehreren zentralen Herausforderungen. Die alternde Bevölkerung führt zu einem steigenden Bedarf an medizinischen Leistungen, da altersbedingte Erkrankungen zunehmen. Gleichzeitig hat sich das Anspruchsdenken verändert: «Ärztliche Konsultationen erfolgen nicht mehr nur bei Krankheit, sondern auch zur Absicherung, dass man auch wirklich gesund sei, während das Kostenbewusstsein durch die Krankenversicherung abnimmt.» Erschwerend kommt der Nachwuchs hinzu, der ein verändertes Arbeitsverständnis mitbringt. «In Kombination mit bestehenden Fehlanreizen im Tarifsystem könnte dies den Zugang zu einer qualitativ hochstehenden Versorgung künftig zusätzlich erschweren», sagt Wanner. Für ihn ist das Zukunftspotenzial der Branche eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung und dem Wohlstand unseres Landes verbunden. Mit steigenden Ansprüchen der Bevölkerung und stabilen, verlässlichen Rahmenbedingungen kann das Gesundheitswesen weiter an Bedeutung gewinnen. «In diesem Umfeld können Belegärzte auch künftig einen wichtigen und wertvollen Beitrag zur medizinischen Versorgung leisten», ist Wanner überzeugt. «Insbesondere durch ihre hohe fachliche Qualität, ihre Kontinuität in der Patientenbetreuung und ihre effiziente Einbindung in das Versorgungssystem.» Corinne Remund

www.sbv-asmi.ch

Das MACHT die SBV

Fachliche Begleitung der Belegärzte

Die Schweizerische Belegärzte-Vereinigung (SBV) wurde auf Initiative der Privatkliniken Schweiz, heute Ospita, gegründet. Da die Belegärzte damals noch stärker als heute auf Privatkliniken beschränkt waren, bestand seitens des nationalen Verbands der Privatkliniken das Bedürfnis nach einem ärztlichen Pendant als Verhandlungspartner. Heute vertritt die SBV die Interessen ihrer Mitglieder gegenüber Politik, der Bevölkerung, Krankenkassen, Spitälern sowie weiteren Akteuren des Gesundheitswesens und verfügt über ein entsprechend breites Netzwerk. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass Patienten und Prämienzahler nicht immer identisch sind. Zu den vielfältigen Dienstleistungen der SBV gehören Seminare und Webinare zu betrieblichen und rechtlichen Themen ebenso wie Kurse zu Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz im Rahmen der EKAS-Vorschriften. Darüber hinaus unterstützt der Verband seine Mitglieder in Tariffragen. Belegärzte müssen ihren Arztanteil häufig mit Spitälern verhandeln und werden dabei fachlich begleitet und unterstützt. Für die Tätigkeit als Belegarzt ist zudem eine Zulassung beziehungsweise Akkreditierung erforderlich, damit sie Patienten in den jeweiligen Spitälern behandeln können. Da die einzelnen Spitäler unterschiedliche Anforderungen stellen, unterstützt die SBV ihre Mitglieder dabei, Verträge zu verstehen sowie Vertragsänderungen zu verhandeln.

Ein weiterer Schwerpunkt der Verbandsarbeit liegt in der Öffentlichkeitsarbeit. Diese soll den wichtigen Beitrag der Belegärzte zur medizinischen Versorgung sichtbar machen. Obwohl Belegärzte oftmals als «Rosinenpicker» kritisiert werden, leisten sie einen wesentlichen Beitrag zum Schweizer Gesundheitswesen. Der Verband weist deshalb regelmässig darauf hin, dass die Schweiz auch künftig auf Belegärzte angewiesen ist.

Die Mitglieder der SBV sind Belegärzte sämtlicher Fachrichtungen. Der Verband zählt heute rund 1200 Mitglieder. Neben den klassischen Belegärzten gehören auch zahlreiche Konsiliarärzte der SBV an. Freiberuflich tätige Anästhesisten werden nach Auffassung der SBV ebenfalls den Belegärzten zugerechnet. CR

Meist Gelesen