Publiziert am: 22.05.2026

Mehr wirtschaftspolitischer Realismus

Freihandel – Das Abkommen mit den Mercosur-Staaten ist für exportorientierte KMU von grosser Bedeutung. Hochproblematisch ist, dass das Parlament es mit zusätzlichen Forderungen zur EU-Entwaldungsverordnung und mit Kompensationen für die Landwirtschaft verknüpfen will. Das schwächt die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz in einer Phase wachsender geopolitischer Unsicherheit.

Mit Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay umfasst Mercosur einen Wirtschaftsraum mit rund 270 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Bereits heute exportiert die Schweiz Waren im Wert von über vier Milliarden Franken in diese Länder. Gemäss Bundesrat sollen künftig rund 96 Prozent der Schweizer Exporte von Zollreduktionen profitieren.

Für viele Schweizer KMU ist das keine abstrakte Aussenwirtschaftspolitik, sondern eine konkrete Standortfrage. Maschinenbauer, Präzisionsunternehmen, Medtech-Zulieferer oder Spezialchemieunternehmen stehen zunehmend im Wettbewerb mit europäischen Konkurrenten, die dank des bereits in Kraft getretenen EU-Mercosur-Abkommens von besseren Zollbedingungen profitieren.

«Das Mercosur-Abkommen selbst enthält bereits Nachhaltigkeitsbestimmungen.»

Grosse Konzerne können Produktionsschritte innerhalb der EU verlagern, um von diesen Präferenzen zu profitieren. Viele Schweizer KMU können das nicht. Sie produzieren lokal, beschäftigen lokal und zahlen lokal Steuern. Gerade deshalb brauchen sie gleichwertige Rahmenbedingungen.

Zusätzliche Auflagen sind der falsche Weg

Vor diesem Hintergrund wirkt die parlamentarische Verknüpfung des Freihandelsabkommens der Schweiz mit den Mercosur-Staaten mit der EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) wenig überzeugend. Weitergehende Auflagen in das Freihandelsabkommen einzubauen, schafft keinen ökologischen Mehrwert, sondern vor allem zusätzliche Bürokratie. Besonders KMU verfügen oft nicht über eigene Compliance-Abteilungen oder internationale Rechtsdienste. Jede zusätzliche Dokumentationspflicht bindet Ressourcen, die bei Innovation, Investitionen oder Ausbildung fehlen.

Das Mercosur-Abkommen selbst enthält bereits Nachhaltigkeitsbestimmungen sowie ergänzende Verpflichtungen zum Waldschutz und zu nachhaltiger Landwirtschaft. Wer nun weitere Bedingungen nachschiebt, riskiert eine Verzögerung oder politische Blockade des Abkommens – und verschärft damit den Wettbewerbsnachteil der Schweizer Wirtschaft gegenüber der EU.

«Wer weitere Bedingungen nachschiebt, riskiert eine Verzögerung oder politische Blockade.»

Auch die diskutierte Kompensation möglicher Absatzrückgänge im Agrarbereich ist kritisch zu beurteilen. Natürlich sind sensible Branchen ernst zu nehmen. Doch neue staatliche Ausgleichsmechanismen bergen die Gefahr einer weiteren Ausweitung von Subventionen und Marktverzerrungen.

KMU brauchen offene Märkte statt neue Hürden

Die Schweiz lebt von offenen Märkten und verlässlichen Handelsbeziehungen. Gerade in Zeiten zunehmender geopolitischer Spannungen ist die Diversifizierung von Absatzmärkten zentral. Das gilt nicht nur für Grossunternehmen, sondern insbesondere für KMU, die ihre Produktion bewusst in der Schweiz halten.

Das Parlament ist deshalb gut beraten, das Mercosur-Abkommen pragmatisch und wirtschaftspolitisch kohärent zu behandeln: mit Augenmass bei Nachhaltigkeitsfragen, ohne zusätzliche bürokratische Verknüpfungen und ohne neue Kompensationsspiralen. Denn am Ende geht es um die Wettbewerbsfähigkeit jener Unternehmen, die das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft bilden.

Patrick DĂĽmmler, Ressortleiter sgv

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