Schweizerische Gewerbezeitung: Die Schweiz hat mit dem Ukraine-Länderprogramm einen mehrjährigen Wiederaufbaupfad definiert. Welche Rolle soll der Schweizer Privatsektor dabei spielen?
Jacques Gerber: Der Bundesrat misst der Unterstützung der Ukraine langfristig wichtige Bedeutung bei: Die Ukraine und die Region sollen bis 2036 mit insgesamt fünf Milliarden Franken unterstützt werden. Für den Zeitraum zwischen 2025 und 2028 hat das Parlament 1,5 Milliarden gesprochen.
Die Bedürfnisse des Wiederaufbaus sind immens und können nicht allein durch die öffentliche Hand getragen werden. Daher sind von den 1,5 Milliarden 500 Millionen für Massnahmen reserviert, die den Schweizer Privatsektor stärker in den Prozess des Wiederaufbaus einbinden. Schweizer Unternehmen können mit ihrer Expertise und ihrem Fachwissen, aber auch mit innovativen und qualitativ hochwertigen Produkten beim Wiederaufbau in der Ukraine eine wichtige Rolle spielen. Die geförderten Projekte sollen der ukrainischen Wirtschaftstätigkeit zugutekommen, die Widerstandsfähigkeit der Ukraine fördern und die schweizerisch-ukrainische Wirtschaftspartnerschaft stärken.
Neben bisherigen Projektaufrufen spielt auch das bilaterale Wiederaufbauabkommen eine wichtige Rolle. Welche politischen und administrativen Wegmarken sollten Schweizer KMU in den nächsten 6 bis 24 Monaten im Auge behalten?
Erste Projektaufrufe richten sich an Schweizer Unternehmen mit einer Niederlassung in der Ukraine. Dadurch sichert die Schweiz lokale Arbeitskräfte und stärkt die Wertschöpfung in der Ukraine. Das bilaterale Abkommen, welches die generelle Zusammenarbeit ermöglicht – auch mit Schweizer Unternehmen, die noch nicht in der Ukraine registriert sind – soll vorbehaltlich der Zustimmung des Parlaments im Herbst dieses Jahres in Kraft treten. Nach Inkrafttreten wird die Bedarfsliste der Ukraine gemeinsam mit ihr finalisiert. Die benötigten Güter werden anschliessend öffentlich in der Schweiz ausgeschrieben und an Schweizer Unternehmen vergeben. Erste Beschaffungen könnten bereits im nächsten Jahr erfolgen.
Viele Schweizer KMU stehen noch am Anfang eines möglichen Ukraine-Engagements. Welche sinnvollen Vorbereitungsschritte können solche Unternehmen bereits heute unternehmen?
Auch künftig werden Schweizer Unternehmen die Projekte umsetzen, die sie selbst eingereicht haben und die ausgewählt wurden. Dabei übernehmen sie die gesamte Durchführung, von der Lieferung bzw. dem Transport der Güter bis hin zur Installation und der Inbetriebnahme vor Ort. Es lohnt sich daher schon heute, sich mit den Gepflogenheiten in der Ukraine vertraut zu machen, potenzielle lokale Partner zu identifizieren und entsprechende Netzwerke aufzubauen.
Ebenso wichtig ist es, die ukrainischen Prioritäten des Wiederaufbaus zu verstehen. Die Schweiz richtet ihre Unterstützung danach aus. Dazu gehört die Schaffung von Arbeitsplätzen, die positive Auswirkungen haben auf die Umwelt, und die Verbesserung der Lebensumstände der ukrainischen Bevölkerung. Unternehmen, die bereits heute Kontakte vor Ort knüpfen, werden auch später besser positioniert sein, um konkrete Wiederaufbauprojekte umzusetzen.
Ein gutes Produkt ist noch kein prüfbares Wiederaufbauprojekt. Woran erkennen Bern und Kiew, dass eine Projektidee wirklich Ukraine-relevant, umsetzbar und prüfbar ist?
Die Bedarfs- und Angebotslisten werden in enger Abstimmung mit der Ukraine, dem SECO und den Schweizer Wirtschaftsverbänden entwickelt. Damit wird sichergestellt, dass Projekte den tatsächlichen Bedürfnissen des Landes entsprechen und einen konkreten Beitrag zum Wiederaufbau leisten. Gleichzeitig wird geprüft, ob die angebotenen Güter und Dienstleistungen den technischen Anforderungen in der Ukraine entsprechen und zeitnah umgesetzt werden können. Alle Projekte werden vorgängig sorgfältig hinsichtlich des lokalen Bedarfs, der Umsetzbarkeit und nachhaltigen Wirkung geprüft.
Welche Fehler sehen Sie bei Unternehmen, die sich für eine Aktivität in der Ukraine interessieren, besonders häufig?
Schweizer Unternehmen zeichnen sich durch hohe Innovationskraft, Flexibilität und qualitativ hochwertige Produkte und Dienstleistungen aus. Viele passen sich sehr rasch an die Gegebenheiten vor Ort an. Gleichzeitig muss man sich bewusst sein, dass die Ukraine nach wie vor im Krieg ist. Die ukrainischen Behörden sind auf allen Ebenen gefordert – deshalb braucht es manchmal etwas Geduld, um Vorhaben voranzubringen. Das sollte Unternehmen jedoch nicht von einer Investition abhalten. Entscheidend ist vielmehr, die lokalen Rahmenbedingungen und Risiken zu verstehen und die lokalen Partner zu kennen. Unser Ziel ist es, dass Schweizer Unternehmen langfristig zu einem nachhaltigen Wiederaufbau der Ukraine beitragen können.
Was raten Sie Gewerbebetrieben, die ein Ukraine-Engagement verantwortungsvoll, realistisch und nützlich prüfen wollen?
Wir raten Unternehmen, frühzeitig mit relevanten Wirtschaftsverbänden und potenziellen lokalen Partnern in Kontakt zu treten. Ebenso sinnvoll ist die Teilnahme an Fachveranstaltungen und internationalen Konferenzen wie der ReBuild Ukraine. Solche Plattformen ermöglichen es, die Bedürfnisse vor Ort besser zu verstehen, Netzwerke aufzubauen und realistische Einschätzungen zu Chancen und Risiken zu gewinnen.
Enrique Georg Zbinden,
KMU-Koordinator Schweiz–Ukraine,
Ukrainisch-Schweizerischer Wirtschaftsverband (USBA)
www.ukraine-swiss.ch