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Papier wird zur Poesie
PAPIERSCHNITT – Mit ruhiger Hand und scharfem Messer verwandelt der Aargauer Bruno Weber schwarze Papierbögen in zauberhafte Welten voller Geschichten und Symbole. Seine filigranen Papierschnitte laden dazu ein, genauer hinzuschauen – und hinter dem Sichtbaren eine zweite Wirklichkeit zu entdecken.
Jedes Kunstwerk beginnt mit einem einzigen Blatt Papier und ist zauberhaft. Durch sorgfältige Schnitte und feine, filigrane Linien verwandelt Bruno Weber ein schwarzes Papier in ausdrucksstarke Bilder. Damit macht er die Schönheit kleiner Details sichtbar und hält Emotionen in einer Kunstform fest, die zugleich traditionell und zeitlos ist. Charakteristisch für seine Papierschnitte ist die tiefe Symbolik hinter seinen Bildern. «Die handwerkliche, gestalterische Ebene ist für mich Voraussetzung. Vielmehr möchte ich mit meinen Bildern den Betrachtenden eine Botschaft mit auf den Weg geben», erklärt Weber. Dabei vermittelt der ehemalige Werklehrer aus dem Wiggertal den Betrachtern Lebensweisheit und erzählt Geschichten, die man (meistens) erst auf den zweiten Blick erkennt. «Wer sich in seine Papierschnitte vertieft, der entdeckt hinter dem Vordergründigen eine zweite andere Wirklichkeit: Aus dem Vergänglichen tritt uns das Ewige entgegen, das Eigentliche, das, was uns bedingt angeht», schreibt Rudolf Schmid, im Vorwort seines ersten Buches «Spiegelungen des Lebens», das 2005 im Hauptverlag erschienen und nun vergriffen ist.
«Das Messer liegt mir einfach besser. Allerdings war es am Anfang verpönt, alles mit dem Messer zu schneiden.»
Weber hat seit rund 30 Jahren in Vordemwald ein grosszügiges Atelier, in dem er arbeitet, seine Bilder auf drei Stockwerken zeigt und früher Papierschnittkurse gegeben hat. Seine bodenständigen und dennoch vielschichtigen Papierwelten faszinieren vom ersten Augenblick an und laden dazu ein, immer neue Details zu entdecken.
Von Félix Vallotton inspiriert
Bereits seit über 40 Jahren beschäftigt sich der einstige Primarlehrer mit der Kunst des Papierschnittes. Bereits als Kind war er kreativ tätig und zeichnete und malte oft, wenn er nicht auf dem elterlichen Bauernhof mithalf. «Mein Zeichnungslehrer in der Bezirksschule hat mich immer sehr gefördert», erinnert sich der 72-Jährige. Nach Abschluss des Lehrerseminars arbeitete er als Primarlehrer und liess sich später an der Kunstgewerbeschule zum Werklehrer ausbilden. Danach bildete er während vieler Jahre angehende Primar- und Realkräfte im Fach Werken aus. «So richtig den Ärmel reingenommen hat es mir, als ich mit meinen Viertklässlern Papierschnitte hergestellt habe», erinnert er sich. Der passionierte Papierschneider ging von Anfang anders an die Kunstform Scherenschnitt heran: Er tauschte die Schere gegen das Messer aus und prägte so den Fachbegriff Papierschnitt. «Das Messer liegt mir einfach besser. Allerdings war es am Anfang etwas verpönt, alles mit dem Messer zu schneiden.»
Wie beim klassischen Scherenschnitt faltet Weber das Papier, sodass beim Schneiden symmetrische Muster und Formen entstehen. Nach dem Aufklappen verfeinert er jene Bereiche, die kein spiegelbildliches Pendant besitzen. So wachsen aus einem einzigen Blatt Papier vielschichtige und detailreiche Papierwelten heran. «Der letzte Schnitt ist das eigentliche Schneiden des Papiers», so Weber. Dabei gilt es, das richtige Mass zu finden und mit viel Fingerspitzengefühl bedächtig die feinen Verzierungen und Muster zu kreieren sowie die spezielle Struktur zu geben. Oftmals zeichnet Weber den Entwurf auf die Rückseite des schwarzen Papiers, das er für fast alle Werke verwendet. «Oft fertige ich vorher eine Skizze von einem spannenden Motiv an», so Weber.
Spiel mit Licht und Schatten
Inspiration findet er draussen auf seinen Spaziergängen durch Felder und Wälder, beim Betrachten eines Fotos oder einfach im Alltag. Der Aargauer Künstler lässt sich auch von den Holz- und Linolschnitten des französischen Malers Félix Vallotton inspirieren. «Seine Art, Licht darzustellen und Schatten auf das Wesentliche zu reduzieren, fasziniert mich. Diese Methode übernehme ich auch in meinen eigenen Werken.» So geht etwa die Rückenlinie einer Kuh nahtlos in den Horizont über, während der Betrachtende die fehlende Linie im Kopf ergänzt. «Diese Technik macht ein Bild lebendiger und spannender», erklärt Weber. Seine Papierwelten zu kreieren, ist für ihn oftmals wie eine Meditation: «Wenn es der Kopf zulässt, schneidet die Hand von selbst.»
Ausstellung im In- und Ausland
Bruno Weber durfte seine Kunst in seiner über 40-jährigen Tätigkeit schon auf der ganzen Welt präsentieren und verkaufen. Ein eindrückliches Erlebnis war für ihn dabei eine der drei Ausstellungen in China. «Dort machte ich sogar einen Workshop mit den Studierenden», erinnert er sich gerne an dieses prägende Erlebnis zurück. Gerade eben waren viele seiner Werke an der Gemeinschaftsausstellung «Cut it!» im Kunsthaus Zofingen zu sehen. Nebst den Schwarz-Weiss-Papierschnitten gehören auch Metallschnitte mit LED-Beleuchtung zu seiner Werksammlung. Diese werden aus Chromnickelstahl gefertigt, sind rost- und wetterfest und werden nach seinen Vorlagen gelasert. «Sie sind allerdings äusserst aufwendig zu machen», gibt er zu bedenken.
Gerne malt der dreifache Vater und sechsfache Grossvater zwischendurch auch ein schlichtes, aber nicht weniger zauberhaftes Aquarell. Eine neue Herausforderung sind für ihn die sogenannten Mobiles. Diese faltet er sorgfältig, bevor er sie ausschneidet, sodass sie aufgeklappt eine filigrane Form ergeben und geschlossen wieder ein Ganzes bilden. «Hier kann ich mich durch Einschränkungen kreativ ausdrücken respektive entsteht alles aus einem einzigen Stück», erklärt er. Ebenso beschäftigt er sich zurzeit vermehrt mit dreidimensionalen Papierschnitten.
«Wenn es der Kopf zulässt, schneidet die Hand von selbst.»
Bruno Weber blickt mit grosser Zufriedenheit auf sein umfangreiches kreatives Schaffen zurück. «Ich habe mehr erreicht, als ich vor bald 60 Jahren als Kind je zu träumen gewagt hätte», sagt er mit einem Lächeln. Mit seiner unermüdlichen Kreativität, seiner Vielseitigkeit und der Freude am künstlerischen Ausdruck hat er ein beeindruckendes Lebenswerk geschaffen. Und auch heute noch entstehen in seinem Atelier neue Ideen und Werke – ein Zeichen dafür, dass die Leidenschaft für die Kunst ihn weiterhin begleitet.
Corinne Remund
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