PISA-Studie: Grundkompetenzen bleiben für Lehrbetriebe eine Herausforderung - Schulen sind gefordert
«Entscheidend ist, ob ein Schulabgänger lesen und rechnen kann»
JAN KOCH – Die neueste Pisa-Studie sieht die Schweiz zwar vorne, doch die Leistungen in Lesen und Mathematik gehen konstant zurück. Der Gerüstbauunternehmer Jan Koch spürt diese negative Entwicklung direkt: «Die Lehrlingsausbildung ist zu einer grossen Herausforderung geworden.»
Schweizerische Gewerbezeitung: Laut der neusten Pisa-Studie liegt die Schweiz in allen getesteten Kompetenzen über dem OECD-Durchschnitt und gehört weiterhin zu den leistungsstärksten Ländern. Alles paletti also?
Jan Koch: Nein, ganz und gar nicht. «Unter den Blinden ist der Einäugige König», bin ich versucht zu sagen. Hinter der international guten Position versteckt sich eine besorgniserregende Entwicklung: Die Leistungen in Lesen und Mathematik gehen zurück, und mehr als jeder dritte Jugendliche erreicht in mindestens einem der drei untersuchten Bereiche das Mindestniveau nicht. Mich als KMU-Inhaber interessiert zudem nicht, ob die Schweiz international ein paar Plätze weiter vorne oder hinten liegt. Entscheidend ist, ob ein Schulabgänger einen Plan lesen, eine Fläche berechnen und eine Arbeitsanweisung verstehen kann. Genau dort zeigt die Pisa-Studie eine negative Entwicklung. Als Lehrbetrieb spüren wir das direkt.
Wie konkret?
In der Gerüstbaubranche ist entscheidend, Pläne richtig lesen zu können. Viele Lehrlinge können einen zweidimensionalen Plan nicht in den dreidimensionalen Raum vor Ort übertragen. Obwohl genau eingezeichnet ist, wo Gerüstfuss, Rahmen und Belag hingehören, können sie nicht selbstständig mit dem Aufbau beginnen.
Auch beim Umrechnen von Plänen in andere Massstäbe bekunden sie Mühe, weil mathematische Grundfähigkeiten fehlen. Für uns als Lehrbetrieb bedeutet das, dass wir Schulabgänger in diesen Bereichen «nachschulen» müssen. Wir bilden gerne aus. Aber wir sollten Fachkräfte ausbilden und nicht fehlende Grundkompetenzen nachholen müssen.
Wie wirkt sich das auf den Arbeitsalltag aus?
Wir brauchen für alltägliche Arbeiten länger, weil wir mehr erklären müssen als früher. Zusätzlich führen wir Ausbildungsblöcke durch, in denen wir gezielt Grundkompetenzen «nachschulen». Das bedeutet mehr organisatorischen Aufwand und kostet Zeit und Geld. Etwas ist mir dabei wichtig: Das ist nicht die Schuld der Jugendlichen. Die meisten sind sehr motiviert, wollen etwas lernen und haben Freude daran.
Woran liegt es dann, dass die Grundkompetenzen in der Schule sinken?
Ich denke, wir diskutieren heute zu viel über Ferien, Entschädigungen für Lehrer, Entlastungen, Nachteilsausgleiche oder Joker-Tage. Über die Leistung und darüber, was Jugendliche beim Schulabschluss können müssen, wird hingegen zu wenig gesprochen.
Es ist an der Zeit, dass Lesen, Schreiben, Rechnen und Geometrie wieder stärker in den Fokus gerückt werden. Das muss nun auf den Tisch.
Wird Künstliche Intelligenz diese Defizite vielleicht beheben?
KI kann ein wertvolles Hilfsmittel sein. Aber wer nicht lesen, schreiben und rechnen kann, wird auch mit KI nicht plötzlich bessere Leistungen erzielen. Digitale Werkzeuge ersetzen keine soliden Grundkompetenzen. Das Fundament muss stimmen.
Zudem brauchen wir nicht nur mehr Jugendliche, die die Mindestanforderungen erfüllen. Die Schweiz lebt auch von ihren Spitzenkräften. Gerade technische Berufe sind auf junge Menschen angewiesen, die überdurchschnittlich gut rechnen und komplexe Zusammenhänge verstehen. Dass auch diese Gruppe kleiner wird, sollte uns zu denken geben.
Haben Sie sich schon überlegt, weniger Lehrlinge auszubilden?
Ja, das habe ich – zumal unsere Branche einem Gesamtarbeitsvertrag unterliegt. Die Lehrlinge profitieren dadurch zwar von besseren Bedingungen, für uns als KMU bedeutet das aber auch ein engeres Korsett. Die Lehrlingsausbildung ist zu einer grossen Herausforderung geworden.
Zur Person
Jan Koch ist seit 2021 Geschäftsführer und Inhaber der Luzi Gerüste AG mit Hauptsitz im bündnerischen Cazis, die er gemeinsam mit seiner Frau führt. Das KMU beschäftigt rund 125 Mitarbeiter und bildet stets Lehrlinge als Gerüstbauer aus – derzeit sind es zwei. Der 42-jährige Koch ist gelernter Wirtschaftsinformatiker und hat bereits bei seinem früheren Arbeitgeber Lehrlinge im Bereich Informatik ausgebildet. Er ist Vizepräsident des Bündner Gewerbeverbands und sitzt zudem für die SVP im Bündner Kantonsparlament.
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