Verkehr ’45: KMU brauchen leistungsfähige Strasseninfrastruktur
«Der Mensch bleibt im Zentrum»
SICHERHeiTSDIENSTLEISTUNGS-UNTERNEHMEN – Die Sicherheitsbranche befindet sich im Wandel. KI, Drohnen und Robotik erweitern das Tätigkeitsfeld, während Fachkräftemangel, Preisdruck und steigende Anforderungen die Unternehmen herausfordern. Im Zentrum steht die Frage, welche Rolle private Sicherheitsdienste künftig im Sicherheitsverbund Schweiz übernehmen.
Die Schweizer Sicherheitsbranche ist vielfältig aufgestellt und längst mehr als klassische Bewachung. Sie reicht von kleinen, regional tätigen Unternehmen bis hin zu grossen Sicherheitsdienstleistern mit schweizweitem Leistungsangebot. Zum Spektrum gehören Veranstaltungssicherheit, Verkehrs-, Kontroll- und Ordnungsdienste ebenso wie Zentralendienste und Sicherheitstransporte, Personen- und Güterschutz, Ermittlungen sowie Sicherheitsberatung und -planung. Gleichzeitig verändert sich die Branche. Die Dienstleistungen werden spezialisierter und technologischer. Mensch und Technik arbeiten zunehmend zusammen: Robotik, Drohnen zur Überwachung, Drohnenabwehr, künstliche Intelligenz und Cybersicherheit gewinnen an Bedeutung. «Der Mensch bleibt aber immer im Zentrum der Dienstleistungen», sagt Pascal Cattilaz, Direktor des Verbandes Schweizerischer Sicherheitsdienstleistungs-Unternehmen VSSU.
Zwei Partner, ein Sicherheitsauftrag
Die Aufgaben von privaten Sicherheitsdiensten und Polizei sind klar abgegrenzt. «Das Gewaltmonopol liegt klar beim Staat», sagt Cattilaz. Private Sicherheitsunternehmen übernehmen Schutz-, Präventions- und Sicherheitsaufgaben, ersetzen aber nicht die Polizei. Sie ergänzen und entlasten die öffentliche Sicherheit – etwa bei Veranstaltungen, im Objektschutz oder bei grösseren Einsätzen. Besonders deutlich wird dies bei Grossveranstaltungen. Ob WEF, G7-Gipfel, Street Parade, Festivals oder grossen Sportveranstaltungen: Private Sicherheitsdienste und Polizei arbeiten bereits bei der Planung und Vorbereitung eng zusammen. Die Kooperation reicht über gemeinsame Einsatz- und Führungszentralen bis zum Einsatz vor Ort. «Die Zusammenarbeit zwischen der privaten und der öffentlichen Sicherheit ist über die gesamte Wertschöpfungskette von zentraler Bedeutung», so Cattilaz.
Gleichzeitig sieht der VSSU Handlungsbedarf bei den unterschiedlichen kantonalen Regelungen. Unterschiedliche Bewilligungs-, Kontroll- und Qualitätsanforderungen erschweren die Arbeit von Unternehmen, die über Kantonsgrenzen hinweg tätig sind. Der Verband setzt sich deshalb für «schweizweit einheitliche, qualitätsorientierte und überprüfbare Standards» ein. Trotz ihrer Bedeutung ist die private Sicherheitsbranche heute kein direkter Akteur im Sicherheitsverbund Schweiz (SVS). Der VSSU ist mit dem SVS jedoch eng vernetzt und arbeitet bei verschiedenen Themen in Arbeitsgruppen mit. Langfristig strebt der Verband eine aktivere Rolle an. Cattilaz: «Unser langfristiges Ziel ist, ein aktives Mitglied des SVS zu werden, da wir überzeugt sind, dass die innere Sicherheit der Schweiz eine Verbundaufgabe ist, zu der die private Sicherheit einen wesentlichen Beitrag leistet.»
Qualität darf nicht
zum Preiskampf werden
Eine der grössten Herausforderungen ist der zunehmende Preisdruck. «Sicherheit darf nicht über den tiefsten Preis definiert werden», sagt Cattilaz. Wo Preisdumping betrieben werde, drohten Ausbildung, Arbeitsbedingungen und letztlich auch die Dienstleistungsqualität unter Druck zu geraten.
Hinzu kommt der Fachkräftemangel. Die Branche kann derzeit keine Ausbildung auf der Sekundarstufe II – etwa mit EBA, EFZ oder Berufsmaturität – anbieten. «Eine entsprechende breite berufliche Ausbildung innerhalb der Branche fehlt», sagt Cattilaz. Auf tertiärer Ebene gibt es mit der höheren Fachprüfung zwar einen anerkannten Abschluss, doch die Absolventinnen und Absolventen sind anschliessend auch als Sicherheitsexpertinnen und -experten in anderen Branchen gefragt. Auch das Image der Branche bleibt eine Herausforderung. «Einzelne negative Vorfälle prägen die öffentliche Wahrnehmung teilweise stärker als die tägliche Arbeit der zahlreichen seriösen Unternehmen und gut ausgebildeten Sicherheitsmitarbeitenden», sagt Cattilaz. Gleichzeitig sei vielen Menschen kaum bewusst, wie breit und anspruchsvoll das Tätigkeitsfeld inzwischen ist. Der VSSU will deshalb stärker sichtbar machen, welche Menschen, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten hinter den Sicherheitsdienstleistungen stehen. «Viele dieser Leistungen werden täglich erbracht, ohne dass sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.»
Technologie als Unterstützung
Künstliche Intelligenz, Drohnen und Roboter verändern auch die private Sicherheitsbranche. KI kann Videobilder analysieren, Alarme priorisieren und Informationen schneller aufbereiten. Sicherheitsmitarbeitende gewinnen dadurch Zeit für Aufgaben, bei denen menschliches Urteilsvermögen entscheidend bleibt: Situationen einschätzen, kommunizieren, deeskalieren und Verantwortung übernehmen. «KI ist deshalb kein Ersatz für professionelle Sicherheitsarbeit, sondern ein Werkzeug, das sie präziser und effizienter machen kann», sagt Cattilaz. Drohnen und Roboter sind bereits heute im Einsatz und sollen die menschliche Arbeit künftig noch stärker ergänzen. Gleichzeitig verändern sich die Anforderungen an die Mitarbeitenden: Digitale und technische Kompetenzen werden wichtiger. Neue Technologien bieten Chancen, Risiken früher zu erkennen und Mitarbeitende gezielt zu entlasten – auch in der Ausbildung. Gleichzeitig müssen Cyberangriffe, Datenschutzverletzungen und Systemausfälle berücksichtigt werden. «Technologie kann den Menschen stärken, aber sie darf ihm die Verantwortung nicht abnehmen.»
Qualität beginnt bei der Ausbildung
Professionelle Sicherheit beginnt mit gut ausgebildeten Mitarbeitenden. Je anspruchsvoller die Aufgaben werden, desto wichtiger sind Fachwissen, praktische Erfahrung und kontinuierliche Weiterbildung. Der Gesamtarbeitsvertrag Sicherheit (GAV-Sicherheit) definiert die minimale Basisausbildung. Der VSSU organisiert zudem die eidgenössischen Berufsprüfungen und entwickelt über seine Ausbildungskommission praxisnahe Lehrmittel sowie Aus- und Weiterbildungsangebote. «Dieser Weg muss konsequent weitergegangen und wo notwendig ergänzt werden», sagt Cattilaz. Denn das Zukunftspotenzial der Branche ist gross. Sicherheit ist ein Grundbedürfnis und wird in einer zunehmend komplexen Welt weiter an Bedeutung gewinnen. Digitalisierung, künstliche Intelligenz und neue Bedrohungslagen werden die Branche prägen. Gleichzeitig sieht Cattilaz darin eine Chance, den Stellenwert der privaten Sicherheit stärker sichtbar zu machen. «Gerade in der Schweiz ist sich die Gesellschaft noch nicht bewusst, was Sicherheit für einen Wert hat.»
Corinne Remund
DAS MACHT DER VSSU
30 Jahre für starke Sicherheitsbranche
Gegründet 1996: Der VSSU entstand aus einer stark fragmentierten Sicherheitsbranche. Fünf Unternehmen gründeten den Verband mit dem Ziel, einheitliche Standards, professionelle Ausbildung und verbindliche Qualitätsvorgaben zu fördern.
Heute: Der VSSU ist eine zentrale Plattform der Schweizer Sicherheitsbranche. Er vertritt die Interessen der Unternehmen gegenüber Politik, Behörden und Öffentlichkeit, setzt sich für faire Rahmenbedingungen ein und fördert Qualität und Professionalität.
Aus- und Weiterbildung: Der Verband organisiert die eidgenössischen Berufsprüfungen, entwickelt Aus- und Weiterbildungsangebote und stellt Lehrmittel für die Branche bereit.
Breite Abstützung: Heute gehören dem VSSU 101 Unternehmen mit rund 25 000 Mitarbeitenden an. Insgesamt gibt es in der Schweiz rund 800 Sicherheitsunternehmen. Rund 80 Prozent der Beschäftigten der Branche arbeiten in einem VSSU-Mitgliedsunternehmen.
Wirtschaftliche Bedeutung: Die private Sicherheitsbranche erwirtschaftet in der Schweiz einen jährlichen Umsatz von rund 1,9 Milliarden Franken. CR
ZUR PERSON
Pascal Cattilaz, Elektroingenieur HTL und EMBA International Management, ist seit dem 1. Oktober 2023 Direktor des Verbandes Schweizerischer Sicherheitsdienstleistungs-Unternehmen VSSU. Der Einstieg in die Sicherheitsbranche erfolgte 2002 bei der Securitas AG. Später war er unter anderem als Regionalleiter der Securiton AG in Bern tätig. Insgesamt verfügt er über rund 25 Jahre Erfahrung in der privaten Sicherheitsbranche. Seine Motivation für die heutige Aufgabe: «Mich hat vor allem die Möglichkeit gereizt, für die gesamte private Sicherheitsbranche etwas zu bewirken.» Besonders faszinieren ihn nach wie vor die Vielseitigkeit der Branche und der Zusammenhalt unter den Menschen.CR
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