Publiziert am: 15.05.2020

An der Krise wachsen

75 Jahre nach dem Krieg – Belastbarkeit, Disziplin, Ausdauer, Durchhaltewillen, Not, Verzicht, Opferbereitschaft, Bescheidenheit und Solidarität: Eigenschaften, die nach dem 2. Weltkrieg in der Schweiz gefragt waren, sind auch in der Corona-Krise gefragt.

Dieser Tage gedenken wir inmitten der Corona-Pandemie dem Ende des 2. Weltkrieges. Um den Kampf gegen das Virus zu bezeichnen, gaben Regierungen diesem die stärkste Bezeichnung «Krieg» und definierten Fronten. Dies erinnert an die Schweiz im 2. Weltkrieg und an unsere Grosseltern. Ihre Belastbarkeit, Disziplin, Ausdauer, Durchhaltewillen, Not, Verzicht, Opferbereitschaft, Bescheidenheit, gelebte Nachbarschaftssolidarität und soziale Hilfe. Parallelen zu gestern drängen sich heute auf.

Ein neuartiger Gegner

Während damals 700 000 Wehrmänner unsere Freiheit und Unabhängigkeit verteidigten, sehen wir heute die grösste Teilmobilmachung von gegen 5000 Wehrmännern. Es ist ein neuartiger Gegner. War es damals die deutsche Wehrmacht, sind es heute Viren. Politik, Wirtschaft, Gewerbe, Landwirtschaft, Gesellschaft und Armee waren damals stark gefordert und mussten mit belastenden Einschränkungen umgehen. Während die Wehrmänner unproduktiv an den Grenzen standen, hielten Frauen und ältere Mitbürger und Mitbürgerinnen die produktive Schweiz in Familien, verarbeitendem Gewerbe, Werkstätten, Fabriken, Läden und Spitälern am Laufen. Sie sind beeindruckende Retterinnen der Kriegswirtschaft.

Diese zeigte eine hohe Leistungsfähigkeit durch den Betrieb der Produktionsstätten zwischen Wechsel von Aktivdienst und produktiver Arbeit. Die Wirtschaft musste produzieren, damit die Schweiz als eingeschlossenes Land die existenziell wichtigen Güter wie Rohstoffe, Kohle, Eisen, Lebensmittel und Saatgut importieren konnte. Überleben, Import und Export sichern. Die neutrale Gratwanderung zwischen Widerstand und glaubwürdiger Neutralität spiegelte sich in den Wirtschaftsbeziehungen, sowohl zu den Achsenmächten als auch zu den Alliierten.

Unsere Rüstungslieferungen bewegten sich aber nur im kleinen Promillebereich des militärischen Bedarfs Deutschlands. Die Uhrenindustrie lieferte den Alliierten strategisch wichtige kriegswirtschaftliche Güter. Mit Notrecht, Rationierung und einschneidenden Massnahmen gelang es 1945, nach entbehrungsreicher Zeit ein unbeschadetes Land, intakte Infrastrukturen und einen Wirtschaftsstandort in Freiheit und Unabhängigkeit zu hinterlassen. Dies ermöglichte den Aufschwung nach 1945 und 1947 unter anderem die Einführung des wichtigsten Sozialwerkes, unsere Altersvorsorge AHV.

Gewaltige Schuldenlast

Die Bewältigung der aktuellen Corona-Krise erfordert heute Milliarden von Ausgaben. Die Staatsschulden der Eidgenossenschaft werden in der Folge enorm anwachsen und müssen von der kommenden Generation wieder abgetragen werden. 1938 betrug die Rechnung des Bundes 570 Millionen und stieg bis 1944 auf 1,6 Milliarden, die Bundesverschuldung im gleichen Zeitraum von 605 Millionen auf 2,6 Milliarden. Heute haben wir einen Staatsetat von über 70 Milliarden Franken, die Staatsschulden werden weit über 140 Milliarden hinausanwachsen, nachdem sie vor der Krise noch bei rund 90 Milliarden lagen.

Zeit, zu danken

Kriegswirtschaft ist eine auf die Notwendigkeit von Massnahmen ausgerichtete Wirtschaftsordnung, verbunden mit einem marktwirtschaftlich regulierenden Interventionismus-Mechanismus. Dabei erhöhen sich die Staatsausgaben sprunghaft. Es gilt unseren Vorfahren, dem Bundesrat, der Armee, Arbeitenden, KMU, Gewerbe, dem Werk- und Finanzplatz und der Landwirtschaft, insbesondere allen Frauen, unsere Dankbarkeit für die beeindruckenden Leistungen im 2. Weltkrieg zu danken. Heute danken wir all jenen Kräften, die in Gewerbe, Logistik, Detailhandel, Landwirtschaft, im Gesundheits- und Bildungswesen unter schwierigsten Rahmenbedingungen ihre Pflicht gegenüber Gesellschaft und Wirtschaft beispielhaft erfüllen. Die Schweiz und ihre Geschichte zeigen, dass es immer gelang, Krisen zusammen zu meistern, daran zu wachsen und Zukunft zu schaffen.

Hans-Ulrich Bigler,

Direktor sgv

Meist Gelesen