Publiziert am: 22.09.2017

«Arbeitssicherheit muss man leben»

SWISS SAFETY – Der Verband Schweizer PSA-Anbieter fördert die «Sicherheit am Arbeitsplatz». Obwohl ein steigendes Sicherheitsbedürfnis besteht, vernachlässigen noch zu viele Betriebe die Arbeitssicherheit. Hier will der Verband noch mehr sensibilisieren.

Gemäss einer US-Studie wird der Markt für die Persönliche Schutzausrüstung (PSA) in den kommenden Jahren über sieben Prozent Wachstum zeigen. Der Mitarbeiterschutz durch den Einsatz von PSA ist in Schweizer Unternehmen ebenso ein wichtiges Thema. Eine Analyse zum Markt der PSA von swiss safety vor drei Jahren zeigt, dass die Umsatzentwicklung seitens der Anbieter mehrheitlich positiv oder in bestimmten Bereichen zumindest stabil zu bewerten ist. Dazu Dominique Graber, Präsident von swiss safety: «Der Markt wächst bezüglich Anbieter und Abnehmer. Besonders die Sparten Schutzbekleidung, Fussschutz und Hautschutz verbuchten steigende Umsätze.» Den Grund dafür sieht er in einem steigenden Sicherheitsbedürfnis am Arbeitsplatz. «Man ist körperbewusster und will sich schützen», so Graber, der als Unternehmer mit eigener Firma für Augenschutz die Branche bestens kennt. Das grösste Wachstum des Marktes beobachtet Graber bei der Absturzsicherung. «Hier ist man besonders auf eine sichere Arbeitsweise sensibilisiert, weil die Verletzungen meistens gravierend bis tödlich sein können.»

«Die Betriebe sind sich zum Teil nicht bewusst, was ein kranker Mitarbeiter im Tag kostet.»

Allerdings sei für KMU leider die Bedeutung der PSA oft noch zu klein. «Die Betriebe sind sich zum Teil nicht bewusst, was ein kranker Mitarbeiter im Tag kostet», so Graber. Ein Unfall und Arbeitsausfall koste viel Geld und menschliches Leid, diese Kette sei endlos. «Wer zum Beispiel sein Augenlicht verliert, geht einen unheimlich langen Weg, um ins private und berufliche Leben zurückzukehren. Arbeitgeber und PSA-Verantwortliche müssen sich solcher Dinge und auch ihrer restlichen Verantwortung bewusst sein», sagt Graber. Und er stellt fest: «Leider wird die PSA zu oft als notwendiges Übel angesehen.»

Häufigere Kontrollen

In diesem Zusammenhang stellt er in Frage, ob die Schweizer Gesetzgebung rund um PSA ausreichend ist. «Der Vollzug und die Kontrollen funktionieren meines Erachtens nicht gut genug», sagt Graber. «Die Ressourcen hierfür sind natürlich beschränkt und die Vollzugsstellen kommen schlicht nicht nach. Die Gesetze gäbe es zwar, und ich bin ein Gegner von noch mehr Regulierungen, aber die bestehenden Gesetze müssen auch vollzogen werden», so Graber. «Auf der Baustelle packt mich oft das Grauen, wenn ich die eingesetzten beziehungsweise nicht eingesetzten Schutzausrüstungen sehe.» Diese Firmen müsse man noch mehr in die Pflicht nehmen können und gewisse Mechanismen einbauen, um die Motivation, PSA nachhaltig anzuwenden, zu fördern. «Arbeitssicherheit ist eine Führungsaufgabe. Die Arbeitssicherheit muss von oben nach unten gelebt werden, wenn jedoch die Führung nicht gewillt ist, bringen unsere Bemühungen nicht viel», konkretisiert Graber. Es bedürfe einer stärkeren Sensibilisierung der verantwortlichen Menschen. «Es braucht Motivationstrigger einerseits, aber andererseits auch häufigere Kontrollen inklusive monetäre und nicht monetäre Folgen und ein griffiges Bonus-Malus-System. Doch das sind letztlich auch politische Fragen und Prozesse», gibt Graber zu bedenken.

Es gebe aber auch vorbildliche Betriebe, die ihre Mitarbeitenden bezüglich Arbeitssicherheit entsprechend vorbildlich ausrüsten und ausbilden würden. In dieser Beziehung beispielslos ist die Pharma- und Chemiebranche.

Zwei Minuten pro Tag 
für die PSA

Als grosse Aufgabe und auch Herausforderung erachtet Graber also, die Leute zu motivieren, die PSA auch einzusetzen. Dabei sensibilisiert swiss safety für die richtigen Präventivmassnahmen. Der Verband lancierte dazu die Kampagne 250 Leben und hat die Sicherheits-Charta der Suva unterzeichnet. «Damit setzen wir ein starkes Zeichen für die Arbeitssicherheit, für das Wohl der Mitarbeiter und für die nachhaltige Senkung der Unfallzahlen», erklärt Graber. Die Suva-Kampagne will damit in zehn Jahren 250 Leben retten, indem täglich die Mitarbeiter über alle Hierarchiestufen angehalten werden, zehn Minuten für die Arbeitssicherheit zu investieren. «Wir haben im Verband unsere eigene Version gestaltet und empfehlen den Betrieben, von diesen zehn Minuten zwei Minuten täglich in die persönliche Arbeitsausrüstung zu investieren», sagt Graber. Dazu wurde vor zwei Jahren das Merkblatt mit den zehn PSA-Regeln kreiert (siehe Kasten).

«Arbeitssicherheit 
ist eine Führungs­aufgabe.»

Der Verband hat zudem ab diesem September seine PSA-Präventionsmassnahmen um eine Toolbox erweitert: «Dabei kann der Vorarbeiter mit seinem Team die einzelnen Werkzeuge und Mittel, die zur Arbeitssicherheit dienen, erörtern. Auf dieser Basis wollen wir den Leuten PSA-Werkzeuge und -Regeln näherbringen. Denn die Arbeitssicherheit muss gelebt werden», betont Graber. Prävention und Sensibilisierung sind auch in der Aus- und Weiterbildung wichtig. So werden PSA-Schulungen in verschiedenen Modulen für Anfänger und branchenspezifisch Ausgebildete angeboten.

Eine grössere Hürde für die Branche wird das Umsetzen der neuen Verordnungen 425/2016, welche im kommenden Jahr die Direktiven 89/686/EWG der EU ablösen, sein. Aber auch immer wieder regulatorische und bürokratische Erneuerungen machen Herstellern und Anwendern das Leben schwer.

Industrie 4.0 gefordert

Der stetige Wandel des Marktes verbunden mit der Digitalisierung ist für die Branche Herausforderung und Chance zugleich. So dürfte bezüglich Absatzkanal der Verkauf via Internet weiter an Bedeutung gewinnen, der zurzeit noch eher einen kleinen Teil ausmacht. «Neue Hightechprodukte wie beispielsweise Kleidung mit Mikrochips oder Arbeitsschutzgeräte mit spezifischen QR-Codes erobern den Markt und werden immer wichtiger», weiss Graber. Gerade was den Schutzgedanken betrifft, sei die Industrie 4.0 gefordert.

Obwohl die handwerkliche Industrie immer mehr Arbeitsplätze auslagert, der Dienstleistungssektor immer wichtiger wird und es dementsprechend immer weniger Arbeitsplätze gibt, die Persönliche Schutzausrüstungen benötigen, hat die Branche gemäss Graber noch viel Potenzial. «Gemäss einer EU-Studie verfüge die Schutzidee über eine super Rendite, komme doch jeder Franken, der in PSA investiert werde, mit 2.20 Franken zurück, so Graber. «In unserer Branche ist noch viel zu tun. Das Bewusstsein um die Ergonomie und das Körpergefühl der Menschen wächst ständig und wir kennen immer mehr Themen, in denen wir uns entfalten möchten. Wir wollen gesünder und glücklicher sein – dazu gehört auch der persönliche Schutz», sagt Graber.

Corinne Remund

SWISS SAFETY KURZ ERKLÄRT

Kompetenzzentrum für PSA

Gründer des Verbandes Schweizer PSA-Anbieter swiss safety ist Beat Graber, der Vater des jetzigen Präsidenten Dominique Graber. 1975 führte er erste Gespräche mit den Branchenvertretern, um ihnen den Gedanken der Gemeinsamkeit näherzubringen. Seine Idee war es, dass sich die PSA-Hersteller zusammenschliessen, um sich gemeinsam für den Schutz der Arbeiter einzusetzen. Damit legte er den Grundstein von swiss safety und erreichte damit eine enge und harmonische Zusammenarbeit der Branche. Seit 1995 hat die Schweiz bezüglich gesetzliche Vorschriften und Normen das EU-Recht übernommen. Mittlerweile hat sich swiss safety zum Schweizer Branchenverband der führenden Hersteller und Importeure von Persönlichen Schutzausrüstungen (PSA) entwickelt. Die Mitglieder repräsentieren über zwei Drittel des PSA-Marktvolumens. Mit ihrem umfassenden Sortiment bieten sie erstklassige und zuverlässige Arbeitssicherheit «von Kopf bis Fuss».

Breites Netzwerk

Zu den Dienstleistungen des engagierten Verbandes gehören erstklassige Fachkompetenz in allen Belangen der Persönlichen Schutzausrüstung, kostenlose und neutrale Beratung, ein umfassendes Bezugsquellenverzeichnis, permanente Marktbeobachtung, aktive Durchsetzung der Normen und Vorschriften sowie ein international, weit verzweigtes Beziehungsnetzwerk für alle PSA-Belange. Der Verband pflegt Erfahrungsaustausch und ständig enge Kontakte zu anderen Fachverbänden sowie zur Suva und zum Gesetzgeber. Der Verband ist dank der Zusammenarbeit mit Normen-Organisationen, mit Material-Prüfanstalten und weiteren Fachstellen aus erster Hand über PSA informiert – dies auch auf internationaler Ebene. swiss safety ist Gründungsmitglied der European Safety Federation ESF mit Sitz in Brüssel. Der Verband hat 54 aktive Mitglieder. Die Branche generiert 246 Millionen jährlich.

CR

DIE 10 PSA-REGELN

Vorsehen oder Nachsehen?

10 Regeln, wie Sie mit Ihrer PSA einfach und effi­zient Arbeitsunfälle vermeiden können:

nKonsequentes Tragen der PSA und Anwendung der Stopp-Regeln bei Gefahr

nEinbezug der Mitarbeiter bei der Festlegung der internen PSA-Richtlinien in der Abstimmung auf Risiken und Arbeiten

nRegelmässige Rückmeldungen einholen über Tragakzeptanz, Funktion, Sicherheit, Komfort und Design

n Zusammenwirken verschiedener PSA beachten (Bedienungsanleitung) und Bewusstmachung von Restrisiken

n Berücksichtigung der Lebensdauer der PSA

n Beschaffung aufgrund nachhaltiger Wirtschaftlichkeit

n Nur konforme PSA (EN-Normen)

n Verwendung von (ausschliesslich) persönlich ­zugeteilter, individuell angepasster PSA

n Wiederholte Fachinstruktion zur korrekten Anwendung der PSA, inklusive Sensibilisierung 
für Risiken, Regeln und Sanktionen

n Regelmässige Pflege und Kontrolle der PSA 
und tägliche Benützerprüfung