Publiziert am: 24.02.2017

Argentinien und Brasilien finden sich

FREIHANDEL – Die beiden grössten Länder Südamerikas kommen sich näher. Die Wirtschaftsinteressen ganz Lateinamerikas gehen aber weit über die Kontinentalgrenzen hinaus. Das Jahr 2017 soll zum Wendepunkt des Wirtschaftsraums Mercosur werden.

Spinnefeind – aber im gleichen Wirtschaftsraum Mercosur. Direkte Konkurrenten – aber mit sich ergänzenden Industrien. Kämpfer um politische Bedeutung – aber mit unterschiedlich guten Aussichten. Nach Jahren der Entfremdung möchten Argentinien und Brasilien stärker kooperieren.

«Die grössten Unsicherheiten bleiben die Politik – und die Korruption.»

«Die Welt wird heute mit vielen Fragen konfrontiert», sagte der argentinische Präsident Mauricio Macri bei seinem Staatsbesuch in Brasilien. Er fuhr fort: «Der Mercosur (Argenti­nien, Brasilien, Paraguay, Uruguay) und Lateinamerika sollten neue Geschäftshorizonte suchen. Lassen Sie uns dafür sorgen, dass 2017 ein Jahr der positiven Wendepunkte für diese strategische Allianz sein wird. Dies vor allem zwischen Brasilien und Argentinien.»

Neue Freundschaften – auch mit der Schweiz

Nach dem Ausschluss Venezuelas gibt der Wirtschaftsraum nun Vollgas bei Handelsvereinbarungen mit der Europäischen Union EU. Macri hat ebenfalls vorgeschlagen, dass sich der Mercosur «jetzt entschiedener der Pazifik-Allianz (Chile, Peru, Kolumbien und Mexiko) nähert». Auch mit der Schweiz und der Efta stehen Diskussionen über ein Freihandelsabkommen an; Bundespräsidentin Doris Leuthard reist im April sogar auf Staatsvisite nach Argentinien.

Der Zeitpunkt scheint günstig gewählt, um die Annäherung der beiden Wirtschaftsblöcke Mercosur und der Pazifik-Allianz auf die Agenda lateinamerikanischer Staaten zu setzen. «In einem Moment der Zerrissenheit, der Isolation und des Protektionismus antworten Argentinien und Brasilien mit mehr Annäherung, Dialog und mehr Handel», warb der brasilianische Präsident Michel Temer. Er selbst betonte auch, dass die Interessen Lateinamerikas besonders global seien.

Grosses Potenzial

Im Jahr 2017 rechnet Argentinien mit einem Wirtschaftswachstum von 2,7 Prozent. Das hat mit der Rekordernte der Landwirtschaft zu tun. Sie kurbelt auch Investitionen in der Lebensmittelverarbeitung und der Logistik an. Aber auch der Bausektor boomt. Mit der Freigabe des Wechselkurses wurde auch die Geldentwertung gedrosselt. Betrug sie im Jahr 2016 noch um die 40 Prozent, werden für das Jahr 2017 «lediglich» 18 Prozent erwartet.

In Brasilien sieht die Sache anders aus. Die Politik ist unbeständig und die Wirtschaft liegt am Boden. Und trotzdem nehmen ausländische Investitionen zu. Denn die Trends zeigen in die richtige Richtung. Die Inflation soll bei unter zehn Prozent das Jahr beschliessen, das Wachstum kann bis zu sechs Prozent betragen und selbst das Staatsbudget zeigt Entschuldung an. Die grössten Unsicherheiten bleiben jedoch die Politik und der «Odebrecht»-Korruptionsskandal. Zwischen der Justiz, der Regierung und dem Parlament werden einmal mehr die Kräfte gemessen.

Für KMU interessant?

Brasilien und Argentinien gehören zu den ersten Auslandmärkten für Schweizer KMU. Mit vielen deutsch- und französischsprachigen Kontaktpersonen vor Ort verkleinert sich auch die Kommunikationsbarriere. Aber beide Märkte sind pickelhart. Erstens, weil lokal bereits Know-how vorhanden ist. Europäische Preise kann man nur schwer durchsetzen. Und zweitens, weil die Politik immer wieder für Überraschungen sorgt.

Henrique Schneider,

Stv. Direktor sgv

Freihandelsblöcke

In Südamerika existieren folgende Freihandelsblöcke (nur Vollmitglieder):

nMercosur: Argentinien, Brasi­lien, Paraguay und Uruguay

nPazifik-Allianz: Chile, Kolum­bien, Mexiko, Peru

nNordamerikanische Freihandelszone Nafta: Kanada, Mexiko, USA

Daneben bestehen politische Kooperationsgruppen, die ebenfalls den Freihandel als Ziel angeben. Zum Beispiel die Andengemeinschaft, die Karibische Kooperation Caricom oder die zentralamerikanische Freihandelszone.