Publiziert am: Freitag, 20. November 2015

«Attraktiver Standort bleiben»

MARTIN SCHMID – Der Bündner FDP-Ständerat und Präsident von Entwicklung Schweiz über die neue Positionierung des Verbandes.

Schweizerische Gewerbezeitung: Der ehemalige Verband Schweizerischer Generalunternehmer VSGU wurde in Entwicklung Schweiz umgetauft. Was steckt hinter diesem neuen Namen?

Martin Schmid: Entwicklung Schweiz ist ein Branchenverband von Unternehmen, die Gesamtdienstleistungen im Bau- und Immobilienmarkt anbieten. Wir wollen das Image der Branche verbessern. Der neue Name soll primär ein Versprechen nach aussen abgeben, dass wir uns zukünftig noch stärker als Gesamtdienstleister für komplexe Immobilienentwicklungsprojekte positionieren wollen.

Bodennutzung und Raumplanung sind ein grosses Thema von Entwicklung Schweiz. Wo liegen die grössten Herausforderungen in den nächsten Jahren?

In letzter Zeit hat es viele neue Regulierungen gegeben, welche sich negativ auf die Wirtschaftsfreiheit auswirken. Auch in nächster Zeit drohen neue staatliche Interventionen, welche die Rahmenbedingungen verschlechtern. Wir wollen uns dieser Themen annehmen, aber auch eigene Themen und Lösungen für die gesellschaftlichen Fragen ins Gespräch bringen, so zum Beispiel den Ersatzneubau, der vor allem in den Städten grosses Potenzial bietet. Oft ist der Wiederaufbau – kombiniert mit einer besseren Ausnützung – die bessere Lösung als die Sanierung.

Zudem müssen im Zusammenhang mit der Energiestrategie 2050 und der zunehmenden Mobilität der Bevölkerung neue Lösungsansätze gefunden werden. Auch die Entwicklung alter Industrie- und Gewerbeareale ist ein wichtiges Thema. Bezüglich revidiertes Raumplanungsgesetz sind wir bemüht, auf Staatsebene mit unseren Anliegen präsent zu sein. Themen im Zusammenhang mit der Nutzungsoptimierung, dem nachhaltigen Umgang mit Ressourcen sowie die Förderung der Standort- und Lebensqualität stehen im Vordergrund.

Wo gibt es wirtschaftlich Handlungsbedarf?

Im Bereich Wirtschaft und Markt geht es darum, im zunehmend globalen Umfeld faire Bedingungen für die Schweizer Gesamtdienstleister zu erhalten. Es gilt, marktkonforme Lösungsansätze und nicht staatliche Subventions- und Interventionsprojekte zu unterstützen. Dies sowohl in Bezug auf das Thema des günstigen Wohnraumes wie auch bei der künftigen Energie- und Gebäudepolitik, die einen grossen Einfluss auf Immobilienprojekte haben wird.

Zudem spricht sich Entwicklung Schweiz gegen eine rigidere, sprich theoretische Raumplanung aus, weil diese strengeren Einschränkungen die Innovationskraft der Immobilienwirtschaft bremsen.

«Mit Entwicklung Schweiz wollen wir auf die Regulierung politisch Einfluss nehmen.»

Wir befassen uns sehr damit, dass die Bauvorschriften sich so präsentieren, dass mit guter Architektur und Steigerung der Ausnützungsziffern mehr Wohnraum geschaffen und die herrschende Wohnsituation (Zersiedelung, Pendlerströme) verbessert werden kann. Letztlich ist aber auch für unsere Branche eine positive Gesamtentwicklung der Wirtschaft von grösster Bedeutung. Davon hängt ab, ob viele Projekte realisiert oder eben nicht realisiert werden.

Kann Entwicklung Schweiz die Rahmenbedingungen in der Raumplanung überhaupt mitgestalten?

In der Tat: Die politische Einflussnahme ist uns ein wichtiges Anliegen, denn die Immobilien- und Bauwirtschaft ist, wie Umfragen zeigen, nach der Lebensmittelbranche die am stärksten regulierte Branche in der Schweiz. Trotz ihrer grossen Bedeutung hat die Branche bisher zu wenig Gehör gefunden. Die unterschiedlichen Zuständigkeiten bei Bund, Kantonen und Gemeinden vereinfachen dies nicht. Der Föderalismus bietet allerdings auch viele Chancen, dass sich die beste Lösung in einem Ideenwettbewerb durchsetzt. Mit Entwicklung Schweiz wollen wir auf allen Ebenen politisch Einfluss auf die Regulierung nehmen und positive Lösungsansätze einbringen. Wir hoffen, dass insbesondere auch die Städte die Wichtigkeit dieser Diskussionen vermehrt erkennen.

Was halten Sie von der Verordnung zum neuen Raumplanungsgesetz?

Bisher überwiegen die kritischen Stimmen. Die Annahme des revidierten Raumplanungsgesetzes hat eine neue Phase der Immobilienentwicklung eingeläutet. Wie kann Verdichtung realisiert werden? Wie können Industrieareale umgenutzt werden? Wie verändern sich die Anforderungen an Wohnungen und Arbeitsumgebungen? Solche Fragen verlangen nach intelligenten gesamtheitlichen Antworten, die auch Aspekte wie Mobilität und Energie berücksichtigen. Leider fehlt in der Praxis bisher die Umsetzung dieser politisch gewünschten Entwicklungen. Unsere Mitglieder können solche Antworten erarbeiten. Deshalb wollen wir als Entwicklung Schweiz darauf hinzuarbeiten, dass unsere Mitglieder frühzeitig in die entsprechenden Projekte in den Gemeinden und Städten einbezogen werden. Gleichzeitig erachten wir es als wichtig, dass in konkreten Projekten der Leistungswettbewerb der guten Ideen spielen kann – und nicht nur auf den nackten Preis der Investition ohne Beachtung der Lebenszykluskosten und der Nutzungsmöglichkeiten eines Projekts geachtet wird.

«Die regulatorischeN Veränderungen 
haben den Standort Schweiz insgesamt geschwächt.»

Mit welchen Anreizen können Ersatzneubauten gefördert werden?

Zur Förderung des Ersatzneubaus braucht es Anreize, wie das im Sanierungsbereich bereits der Fall ist. Sinnvoll wäre hier mindestens eine Gleichbehandlung von Ersatzneubauten und energetischen Gebäudesanierungen. Ersatzneubauten können – auch unter Berücksichtigung grauer Energie – einen nachhaltigen und markanten Beitrag zur Energieeffizienz und so zur Minimierung des Gesamtenergieverbrauchs leisten. Das Steuerrecht und Mietrecht sind so anzupassen, dass für Vermieter und Mieter ein Anreiz besteht, Gebäude energieeffizienter zu machen und gleichzeitig neuen Wohnraum gegen innen zu schaffen. Letztlich ist es eine Frage der Anreize für Private und Investoren, und da hat es der Staat in der Hand, in die gewünschte Richtung zu lenken. Es braucht jedoch einen gesamtheitlichen Blick auf das Problem unter Einbezug aller Sektoralpolitiken.

Die Entwicklung der Schweizer Bau- und Immobilienwirtschaft ist eng an die der Gesamtwirtschaft des Landes gekoppelt. Wie schätzen Sie diesbezüglich die Lage ein?

Für die Schweizer Wirtschaft stellen der starke Franken, die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative und weitere Initiativen sowie die Unsicherheiten der Unternehmenssteuerreform III (USTR III) erhebliche volkswirtschaftliche Risiken dar. Insgesamt bin ich trotzdem verhalten optimistisch, wenn die Schweiz ihre Probleme mit Europa lösen kann und wenn wir die Rahmenbedingungen für unsere Unternehmen nicht laufend verschlechtern. Die regulatorischen Veränderungen haben allerdings den Standort Schweiz insgesamt geschwächt und da muss die Politik in der nächsten Legislatur zurückhaltender werden.

Interview: Corinne Remund

ENTWICKLUNG SCHWEIZ

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Entwicklung Schweiz repräsentiert als Branchenverband Unternehmen, die Gesamtdienstleistungen im Bau- und Immobilienmarkt anbieten. Die Mitglieder übernehmen Leistungen wie die Entwicklung, Planung und Realisierung von Immobilien. Sie tragen unternehmerische Risiken, gesellschaftliche Verantwortung und zeichnen sich durch innovative und ökologische Lösungen aus. Der Verband zählt zurzeit 21 Mitgliedsfirmen, die im Immobilienbereich rund 50 Prozent des schweizerischen Gesamtdienstleistungsvolumens erbringen. Die angeschlossenen Unternehmen beschäftigen rund 10 000 Mitarbeitende und erzielen einen jährlichen Umsatz von über 10 Milliarden Schweizer Franken.CR