Publiziert am: Freitag, 6. November 2015

Auf dem richtigen Weg?

TITELGEBUNG – Das SBFI schlägt bezüglich des englischen Titels für Abschlüsse der Berufsbildung einen eigenwilligen Weg ein. Der sgv akzeptiert dies nicht und wehrt sich vehement.

Der Schweizerische Gewerbeverband sgv ging noch im Juli davon aus, dass Bundesrat und das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI seine Anliegen zur Stärkung der höheren Berufsbildung ernst nehmen würden. Der Entscheid aus Sicht des Bundes scheint jedoch nun gefällt zu sein. «Wenn es nach dem SBFI geht, wird es definitiv keinen ‹professional Bachelor› und keinen ‹professional Master› bei den englischen Übersetzungen der Titel in der höheren Berufsbildung geben. Die Berufsverbände sind aber weiterhin für die Bezeichnungen ihrer Berufsabschlüsse verantwortlich», sagt sgv-Vizedirektorin Christine Davatz. Und weiter fragt sich die Bildungsverantwortliche beim sgv: «Geht das überhaupt auf, und wird das SBFI wirklich zustimmen, wenn sich ein diplomierter Bäcker-Konditor – in der Umgangssprache wohl immer noch Bäckermeister genannt – plötzlich Master Baker nennen will?»

Gegen den Antrag des sgv

Wie angekündigt, hat Ende Oktober die eidgenössische Berufsbildungskommission EBBK die Weichen in der Frage der englischen Titel in der höheren Berufsbildung gestellt. Konkret hat sie beschlossen, bei den englischen Titelübersetzungen in der höheren Berufsbildung den Vorschlägen zu folgen, die das SBFI bereits Anfang dieses Jahres vorgestellt, im Juni an einer Tagung präsentiert und dann in eine kurze Anhörung geschickt hatte. Alle Fragen, Vorbehalte und Zweifel, die der Schweizerische Gewerbeverband sgv und zahlreiche seiner Mitgliedverbände gegenüber der nun vorliegenden Lösung eingebracht hatten, wurden dabei in den Wind geschlagen. «Ist diese Lösung wirklich bis zu Ende gedacht oder bloss nur eine Zwängerei?», fragt sich da Davatz, die auch Mitglied der EBBK ist. Man werde dann bei der Umsetzung sehen, ob es geht oder nicht, hiess es und schliesslich habe sich die Politik klar für die SBFI-Lösung ausgesprochen. Wirklich? «Immerhin wurde die Motion Aebischer, die kurze englische Titelübersetzungen in der HBB verlangte, vor einem Jahr im Nationalrat angenommen, nur der Ständerat lehnte sie ab und der Bundesrat folgte mutlos», so Davatz. «Ist das der klare politische Wille der Politik? Und was machte man mit den kritischen Bemerkungen oder anderen Vorschlägen aus den eigenen Reihen?», fragt man sich da zu recht im sgv. Die Lösung des SBFI sieht folgendermassen aus (siehe Grafik): Das Bildungsniveau, welches im Nationalen Qualifikationsrahmen definiert ist, würde im Diplomzusatz beschrieben und der Abschluss hiesse bei einer Berufsprüfung mit Abschluss Fachausweis Federal Diploma of Higher Education, respektive bei der Meisterprüfung mit Diplom HFP Advanced Federal Diploma of Higher Education. Die Berufsbezeichnung wäre hingegen weiterhin Sache der Berufsverbände, respektive der Trägerschaften, hiess es. So dürfte sich dann beispielsweise ein Coiffeur mit eidgenössischem Fachausweis licenced Hairdresser, Federal Diploma of Higher Education nennen oder ein diplomierter Bäcker-Konditor wäre möglicherweise ein registered Master Baker, Advanced Federal Diploma of Higher Education. Master Baker soll nun doch möglich sein. «Unabhängig vom Niveau gemäss Nationalem Qualifikationsrahmen?», fragt sich Davatz und beantwortet die Frage gleich selbst: «Offenbar schon, man lehnt sich dann ja nicht an die akamedischen Titel... wie das SBFI sagt.»

«Ist die Lösung wirklich bis zu Ende gedacht oder bloss eine Zwängerei?»

Bei den höheren Fachschulen ist das SBFI gekippt und hat seine Forderung, dass auch ihr Diplom HF mit einem Federal versehen wird, akzeptiert. «Dass damit der Abschluss einer HF gleich bezeichnet wird wie der Abschluss einer eidgenössischen höheren Fachprüfung, obwohl es eigentlich eine Schulprüfung ist, mutet etwas seltsam an», stellt Davatz fest. Das SBFI wehre sich nämlich seit jeher vehement dagegen, und jetzt solle es plötzlich möglich sein. Für den sgv ziemlich verwirrend.

sgv kämpft für seine Unternehmerinnen und Unternehmer

Als grösster Dachverband der Schweizer Wirtschaft vertritt der sgv 250 Verbände und gegen 300 000 Unternehmen. Die Berufsbildung und insbesondere die Stärkung der höheren ­Berufsbildung gehören zu seinen Kerngeschäften. «Unser Ziel ist, dass der Wert dieses Bildungswegs endlich anerkannt wird. Dazu gehört auch ein anständiger englischer Titel der Berufsabschlüsse in der höheren Berufsbildung», fordert Davatz. Dafür zu kämpfen, sei der Auftrag, den die Unternehmerinnen und Unternehmer dem sgv gegeben hätten, auch wenn einige ihrer Verbandsvertreter dies offenbar nicht gleich sähen.

«Der sgv fodert attraktive englische Titel der Berufsabschlüsse in der Höheren Berufsbildung.»

«Wir wollen die höhere Berufsbildung stärken, für Junge und Eltern als Karrieremöglichkeit attraktiv machen und im Ausland das Niveau dieses Bildungswegs verdeutlichen», so Davatz. «Da unser Bildungssystem aber ausgesprochen durchlässig ist und beide Wege – der rein schulisch-akademische und der Berufsbildungsweg mit beruflicher Grundbildung und höherer Berufsbildung – gemäss Verfassung gleichwertig sind, soll dies auch bei den englischen Titeln zum Ausdruck kommen», konkretisiert die Bildungsfachfrau.

Das englischsprachige Ausland kenne als höhere Bildungsabschlüsse ohnehin nur diejenigen der akademischen Welt – also Bachelor und Master. Analog zum Hochschulbereich, wo Niveau 6 «Bachelor» und Niveau 7 «Master» bedeuten, könne dies gemäss sgv auch für die englischen Übersetzungen der Titelbezeichnungen in der höheren Berufsbildung übernommen werden. Dabei gehe es nicht darum, die höhere Berufsbildung zu verakademisieren oder die heute geltenden Titel in den drei Amtssprachen abzulösen. «Unseres Erachtens muss es das Ziel sein, für den englischsprachigen Raum die Niveaus dieser Abschlüsse zu verdeutlichen. Nur so wird die höhere Berufsbildung auch als eigenständiger Weg gestärkt, denn es braucht dann keinen Wechsel in die akademische Laufbahn, um mit dem gleichen Niveau einen analogen Titel und damit Ansehen zu erlangen», hält Davatz fest. Zudem werde mit den englischen Übersetzungen «Professional Bachelor» oder «Professional Master» den Jugendlichen aufgezeigt, dass sie mit einer Berufslehre und der höheren Berufsbildung gleichwertige Karrierechancen zum gymnasialen Weg hätten, was zweifellos auch auf die Eltern wirke. Mit der Ergänzung Professional (Professional Bachelor oder Professional Master) sei auch die Abgrenzung zu den Hochschulabschlüssen deutlich gemacht.

Ab dem 1. Januar 2016 sollen gemäss Fahrplan des SBFI die englischen Titelbezeichnungen im Rahmen der Umsetzung des Nationalen Qualifikationsrahmens Berufsbildung (NQR-BB) und der dazugehörigen Zeugniserläuterungen für die Grundbildung und bei den Diplomzusätzen für die höhere Berufsbildung eingeführt werden. So könnten die heutigen heterogenen englischen Titelbezeichnungen ersetzt werden. Zusätzlich zu den Amtssprachen sind die Titelbezeichnungen im offiziellen Berufsverzeichnis des SBFI auch in Englisch aufzuführen. Wenn eine Prüfungsordnung revidiert wird, sind die neuen englischen Bezeichnungen ebenfalls anzupassen. Der sgv ist von dieser Gangart des SBFI nicht überzeugt und stellt sich da die Frage: «Ist der nun vermeintlich definitiv eingeschlagene Weg des SBFI wirklich der richtige?»

Corinne Remund

DAS fodert der SGV

Verbundpartnerschaftlich klären

dass die Inkraftsetzung der vorgeschlagenen Empfehlung bezüglich der englischen Titelbezeichnungen zurückgestellt wird;

dass sämtliche offenen Fragen (z.B. die Umsetzung der «Zertifizierung» durch die Trägerschaften, Verbindlichkeit der englischen Übersetzungen, Bezeichnung der HF-Abschlüsse oder Abstimmung bezgl. Diplomanerkennung) vorgängig verbundpartnerschaftlich zu klären sind; dabei sind auch Berufsbildungsexperten und -expertinnen aus dem deutschsprachigen Ausland beizuziehen;

dass umgehend eine Zusammenführung der beiden Nationalen Qualifikationsrahmen (NQR-BB und NQR-HS) angegangen wird. Nur ein einziger Qualifikationsrahmen für das gesamte Bildungssystem ist europakompatibel und macht unser Bildungssystem für die übrigen Länder verständlich.

RANDNOTIZ

Eigenwillige 
Zwängerei des SBFI

Auch Einwände von englischsprachigen Übersetzungsprofis wurden vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI nicht zur Kenntnis genommen. Mit wenigen Worten wurden sie als altbacken und frech abgetan und ihr Gegenvorschlag zur wenig schmeichelhaften Abkürzung PET (Professional Education and Training für Titel der höheren Berufsbildung) oder für das jetzt vom SBFI favorisierte «Diploma of Higher Education» einfach in der Schublade versteckt. Wieso wohl? Weil der Gegenvorschlag genau dem entsprach, was der sgv immer wollte: professional Bachelor’s degree (für Abschlüsse der HBB auf dem NQR-Niveau 6) und professional Master’s degree (für NQR-Niveau 7).