Publiziert am: 22.03.2019

«Bauen ist Kultur»

BAUKULTUR UND REGULIERUNG – Im Berner Raiffeisen-Forum trafen sich Baufachleute, um die Zukunft des Bauens zu diskutieren. Dabei wurde klar: Überregulierung schadet auch beim Bauen – sie verhindert Innovation und schafft Unsicherheit bei den Bauherren.

«Technik, Kultur und Ökonomie müssen in Balance sein.» Dies hielt Oliver Martin zum Auftakt des von Green Building Schweiz und Raiffeisen Schweiz organisierten Treffens fest. Der Leiter der Sektion Heimatschutz und Denkmalpflege im Bundesamt für Kultur rief dazu auf, «die Trennung zwischen Denkmalpflege und dem Bauen zu überwinden». Bauen sei, so Martin, ein kultureller Akt, in dessen Zentrum sich stets der Mensch respektive die Nutzer der Bauten befinden müssten.

Die Schweiz habe in den vergangenen Jahrzehnten einen Verlust an Baukultur und -qualität erlitten; die grosse Masse der Gebiete sei «trivialisiert». Martin verwies in diesem Zusammenhang auf die «Davos Declaration» aus dem Jahr 2018. Das von den europäischen Kulturministern verabschiedete Weissbuch des Bauens soll aufzeigen, wie eine «hohe Baukultur» auf europäischer Ebene politisch und strategisch verankert werden kann. Weiter erinnerte Martin an das Bundesinventar schützenswerter Ortsbilder (ISOS), in dem rund ein Fünftel der 6000 Ortsbilder der Schweiz beschrieben sind. ISOS sei, so Martin, «eine Grundlage, nicht aber ein Planungsinstrument».

«ISOS als Rekursinstrument»

In der von Green-Building-Schweiz-Geschäftsführer Peter Burkhalter moderierten Diskussion nahmen teil: der Luzerner Unternehmer und FDP-Nationalrat Peter Schilliger, Geschäftsleiter Herzog Haustechnik AG, Stefan Cadosch, Präsident des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA), Balz Halter, Verwaltungsratspräsident der Halter AG, und Oliver Martin vom BAK.

Halter forderte die Fachpersonen im Denkmalschutz dazu auf, vermehrt eine Güterabwägung zwischen den legitimen Schutzbedürfnissen des bestehenden Baubestandes und den Bedürfnissen der heutigen Nutzer vorzunehmen, und fragte: «Sind tatsächlich 1274 von 6000 Ortsbildern schützenswert – und muss dieser Schutz wirklich auf eidgenössischer Ebene stattfinden?» Nationalrat Schilliger unterstützte Halters Haltung und forderte ebenfalls mehr Verhältnismässigkeit in der Umsetzung denkmalpflegerischer Vorgaben. Und der Unternehmer ging gar einen Schritt weiter: «Leider sind zu viele lokale Bauverwalter absolut unqualifiziert.»

SIA-Präsident Cadosch setzte sich dafür ein, «die unsägliche Einspruchskultur zurückzubauen»; ISOS werde oft – aus ganz anderen als denkmalpflegerischen Interessen – als Rekursinstrument missbraucht.

Gute Beispiele statt Gesetze

Cadosch beklagte zudem eine massive Überregulierung im Bereich Bauen: «Ganze 400 000 Gesetzes­artikel sind zu beachten – ein jeder von uns steht immer mit einem Bein im Gefängnis.» Mehr politischer Freiraum und mehr Know-how seien gefordert.

«LEIDER SIND ZU VIELE LOKALE BAUVERWALTER UNQUALIFIZIERT.»

Schilliger betonte die Rolle der Politik; sie müsse die verschiedenen Bedürfnisse zusammenführen. Wichtig seien die Vernetzung mit dem Umfeld – Arbeitsplätze, Mobilität und Energieeffizienz –, der Föderalismus – Entscheide werden vor Ort gefällt – und vor allem eines: «Baukultur soll nicht einfach archivieren.» Politische Vorgaben wirkten weit weniger als gute Beispiele, ist Cadosch überzeugt, «vor allem die kommunale Gesetzgebung ist oft hilflos und provoziert geradezu den Widerstand.»

Auch Halter stellte fest, dass zu viele Gesetze die dringend nötige Innovation verhinderten. Weniger sei auch hier oft mehr: «Wenige, dafür klare Regulationen geben Bauherren mehr Sicherheit – und führen zu besseren Bauten.»

Gerhard Enggist

www.greenbuilding.ch

www.isos.ch

www.davosdeclaration2018.ch

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