Publiziert am: 05.05.2017

Bewegung im Winter-Tourismus

INNOVATION – Eine Skisaison für 222 Franken. Saas-Fee hat es möglich gemacht. Die Aktion hat einer ganzen Tourismusregion zum Aufschwung verholfen, aber auch die Konkurrenz verärgert.

Die Zahl 222 ist untrennbar mit Saas-Fee verbunden. Die Saisonkarte für 222 Franken dominierte die Schlagzeilen und Stammtischgespräche der Wintersportler. In Sachen PR ist der Ferienregion damit ein Coup gelungen, die Aktion polarisierte und tut es noch immer. Innovatives Marketing oder einfach nur Dumpingpreis? Einig sind sich alle zumindest in einem Punkt: Skifahren in der Schweiz muss günstiger werden.

Zurück auf die Skipisten

«Innovation ist die Triebfeder eines Unternehmens und damit auch der Markt­wirtschaft», sagt Urs Zurbriggen, COO der Saastal Bergbahnen AG. «Sie dient dazu, dass ein Unternehmen seine Produkte selbstkritisch hinterfragt und stetig optimiert – im Spezialfall sogar mit einem ganz neuen Ansatz.» So ein ganz neuer Ansatz war auch die 222-Franken-Saisonkarte der Freien Ferienrepublik Saas-Fee. Die Anzahl der Tage, die Wintersportler auf der Skipiste verbringen, sei ständig zurück­ge­gangen. Weil die Kapazitäten aber vorhanden wären, sei die Idee eines Crowd­fundings aufgekommen. Dieses funktioniere nur dann, wenn sich viele daran beteiligten. «Es war also eine innovative Idee in einem schwierigen Marktumfeld», sagt Zurbriggen. Das Crowdfunding war gross und die 222-Franken-Saisonkarte Tatsache geworden. Skifahren wurde faktisch ab dem dritten Tag gratis.

«Wir können im alpinen Raum nur überleben, wenn wir die Kosten senken.»

Die Aktion rief auch Kritiker und die Konkurrenz auf den Plan. Die Rede war von «Dumpingpreisen», «Rabattschlachten» und «Marketing-Gags». «Es handelt sich nicht um einen Dumpingpreis, sondern um ein Crowd­funding», wehrt sich Zurbriggen gegen die Vorwürfe. Nur dank einer definierten Anzahl teilnehmender Kunden konnte der Preis überhaupt angeboten werden. Die Kritik könne er zwar auch verstehen, «aber uns ging es vor allem darum, Schneesportler zurück auf die Pisten zu holen und gegenüber den ausländischen Winterdestinationen wieder konkurrenz­fähig zu werden.» Recht gibt einem in der Regel der Erfolg und den kann Zurbriggen vorweisen: «Wir konnten Logiernächte, Ersteintritte und Gästeankünfte im Vergleich zum Vorjahr im zweistelligen Prozent-Bereich steigern.» Von solchen Aufwärtstendenzen können andere Destinationen nur träumen. Saas-Fee habe Schwung in den Markt gebracht, meint Pascal Jenny, Kurdirektor von Arosa Tourismus: «Die Aktion von Saas-Fee trifft den Zahn der Zeit und die Zahlen geben ihnen Recht. Zumal auch der Crowdfunding-Gedanke im Tourismus wichtiger werden wird.» Jenny erkennt neidlos an: «Die Umsetzung war echt stark.» Dennoch bereite ihm die Entwicklung Sorgen. «Für die Branche ist diese Preisreduktion nicht gut. Es ist ein direkter Angriff auf die Mitbewerber im eigenen Land, unabge­sprochen und mit grossen Auswirkungen.» Es zeige auch die teilweise vor­herr­schende Verzweiflung im Land. «Wir können im alpinen Raum nur überleben, wenn wir die Kosten senken.» Sein Fazit laute, dass die Aktion Gefahren berge, im Ansatz aber richtig sei: «Vielleicht trägt die Aktion von Saas-Fee zu Fo+lge-Innovationen im Bereich Bergbahnkosten bei.»

Verschiedene Wege zum Erfolg

Wie könnten weniger drastische Alternativen aussehen? In Arosa beispielsweise wurde vor vier Jahren das Angebot «Skischule Inklusive» lanciert für die Kinder der Hauptzielgruppe: der Familie. Auch dieses Konzept funktioniere. Die Finanzierung werde durch Marketinggelder, Sponsoren und Beiträge der Leistungsträger finanziert «und ist ein grosser Erfolg», sagt Jenny. In Zahlen ausgedrückt sind das 8000 Familienneugäste in drei Jahren für den Bündner Ferien- und Erholungsort.

«Grosses Engagement und Innovation sind weiterhin gefragt.»

Das Saas-Fee-Crowdfunding dagegen sei eine Bereicherung für eine ganze Tourismusregion. «Viele touristische Leistungsträger konnten durch den Zuwachs profitieren und die Wertschöpfung über die gesamte Destination Saas-Fee/Saastal konnte in ­diesem Winter enorm gesteigert ­werden», sagt Urs Zurbriggen. Klaus Hab­egger ist einer dieser touristischen Leistungsträger und spürt als Vorstandsmitglied des Hoteliervereins Saas-Fee/Saastal und Geschäftsführer des Sunstar Hotels Beau-Site den Puls der Hotelliers. Er spricht von einem «volkswirtschaftlichen Produkt für das Saastal», denn jede zusätzliche Frequenz an den Bergbahnen bringe für die Leistungsträger Mehrumsätze. Nun gelte es, einen Schritt weiter zu gehen. «Damit die Nachfrage gehalten oder sogar gesteigert werden kann, ist weiterhin grosses Engagement und Innovation gefragt.» Dass Habegger nicht von allem Anfang an in das Projekt eingeweiht war, stört ihn überhaupt nicht. «Ein grosser Kreis an Involvierten hätte das Projekt stark gefährdet. Das Überraschungsmoment war im ersten Jahr sehr wichtig.» In seinem eigenen Betrieb konnte er eindeutige Aufwärtstendenzen feststellen. «Die Zufriedenheit bei den Gästen ist deutlich höher. Früher kamen bei Schlechtwetter viele Annullationen, heute kommen die Gäste auch mal so nach Saas-Fee.»

Neue Ideen sind immer gefragt

Ob Dumpingpreis oder nicht: Für 222 Franken wird man auch in der nächsten Saison die Saisonkarte beziehen können, denn seit Ende April ist klar: Das Crowdfunding kommt erneut zustande. Über 77 000 Reservationen sind eingegangen, der Deal somit besiegelt. Und weil Stillstand Rückschritt bedeute, seien laut Urs Zurbriggen auch in Zukunft ständig neue Ideen gefragt: «Die Schweiz ist bekannt als innovatives Land und besonders die Tourismusbranche ist gefordert, im harten Marktumfeld mit der Konkurrenz aus dem Ausland neue Spezialideen zu finden, um eine breite Masse an Wintersportlern anlocken zu können.»

Adrian Uhlmann