Publiziert am: Freitag, 22. September 2017

Chinas Energiehunger nimmt zu

SCHWEIZ – CHINA – Das Land leidet unter grosser Umweltbelastung. Die politische Führung in Peking will den gigantischen 
Öl­verbrauch mit einer forcierten Elektrifizierung drosseln.

China zählt über 1,3 Milliarden Einwohner. Sie alle brauchen Strom und Wärme. Weil es dem Reich der Mitte gelungen ist, über eine Milliarde Menschen aus der Armut zu befreien, braucht das Land besonders viel Strom und Wärme. Das muss kein Dilemma sein.

Mehr Solar und Nuklear

Im Jahr 2016 konsumierte China 5920 Terawattstunden (TWh) Strom; das waren circa vier Prozent mehr als im Vorjahr. Das ist etwa das durchschnittliche Wachstum des Strombedarfs im Jahr in der letzten Dekade. Rund 55 Prozent des Stroms wird in Kohlekraftwerken hergestellt; etwa 20 Prozent kommen aus der Wasserkraft; weitere zehn Prozent sind Wind. Gas, Solar- und Nuklearenergie machen je fünf Prozent aus.

Doch aufschlussreicher sind die Zahlen, die hinter dem Mix stehen. Das sind die Investitionen in neue Stromerzeugungsmöglichkeiten und Kapazitätsausbauten. Vom Jahr 2015 auf 2016 hat China seine Investitionen in Solarkraft um circa 80 Prozent erhöht. Im nuklearen Bereich wurden 30 Prozent mehr Mittel aufgewendet.

Integrale Strategie

Dieser Ausbau der Solar- und Nuklearenergie erfolgt gezielt. Einerseits ist der chinesische Bedarf nach Öl auch enorm. Bis zum Jahr 2020 soll er über acht Milliarden Tonnen pro Jahr betragen. Das macht der politischen Führung Angst. Erstens verfügt China nur über kleine Ölreserven, und zweitens leidet das Land unter grosser Umweltbelastung. Die politische Führung glaubt, diesen Ölverbrauch mit einer Elektrifizierung der Gesellschaft drosseln zu können.

«JE MEHR ELEKTRIZITÄT, DESTO WENIGER ÖL: 
DIE SCHWEIZER GLEICHUNG IST AUCH IN CHINA GÜLTIG.»

Je mehr Elektrizität, desto weniger Öl: So lautet die Gleichung, welche auch in der Schweiz gültig ist. Um die entsprechende Elektrifizierung hinzubekommen, muss China massiv Produktionskapazitäten ausbauen. Daher stammen die spektakulären Wachstumszahlen in Investitionen. Mit der Nukleartechnologie möchte China genügend Bandenergie produzieren und gleichzeitig die Umwelt schonen. Die Solarkraft bedient die Bedarfsspitzen.

Investitionen in Forschung

Nicht umsonst investiert das Land nicht nur in den Ausbau der Kapazität, sondern vor allem in der Forschung. Chinesische Universitäten und Unternehmen wetteifern um einen technologischen Vorsprung. Sei es durch die Nutzbar-Machung eines Nukleargenerators der vierten Generation oder durch die Erhöhung des Wirkungsgrades von Solarzellen. Weil China Hunger hat, arbeiten die Köche mit Hochdruck.

Schweizer Exportmarkt

«China braucht Energie- und Umwelttechnologie. Das ist eine Riesenchance für die Schweizer Wirtschaft», sagt sgv-Präsident und Nationalrat Jean-François Rime, der im August eine Unternehmerreise nach China führte (vgl. Kasten). Schweizer KMU-Vertreter informierten sich dabei über die grossen Fortschritte und auch die Geschäftschancen, die sich im Reich der Mitte ergeben. Ob in Peking, Shanghai, Xian oder Guangzhou; ob in der Solar-, Wind-, Nuklearkraft; ob in der Energieeffizienz oder in der Umwelttechnik: China braucht Schweizer Technologie und will Schweizer Produkte kaufen.

Die vom Schweizerischen Gewerbeverband und dessen China-Delegierten Yang Yuming organisierte Reise brachte die Unternehmerinnen und Unternehmer auf Tuchfühlung mit chinesischen Partnern. Sie diente dazu, erste Kontakte herzustellen, die später individuell vertieft werden. «Schon heute sind viele Schweizer Unternehmen in China tätig – vor allem KMU», stellt sgv-Direktor und Nationalrat Hans-Ulrich Bigler fest und komplementiert: «Sie haben einen Vorteil dank besserer Technologie. Den spielen sie in China aus.» Sc

STIMMEN ZUR CHINA-REISE 2017 des sgv

«Bestens organisiert, professionell gemacht»

Der frühere Obwaldner CVP-Nationalrat Adriano Imfeld nahm im August an der vom sgv organisierten Reise nach China teil (vgl. Haupttext). Mit seiner in Sarnen domizilierten Imfeld Consulting AG widmet sich der dipl. Wirtschaftsprüfer und Revisionsexperte heute der Beratung und dem Coaching von KMU in der deutschsprachigen Schweiz. «Ich verfolge seit langer Zeit aufmerksam und fasziniert die ambitiöse und sehr langfristig ausgerichtete Politik der Volksrepublik China», so Imfeld. «Die bestens organisierte und professionell durchgeführte sgv- Chinareise 2017 gab mir die einmalige Gelegenheit, meine Erkenntnisse resp. meinen Wissensstand in Bezug auf Politik, die Wirtschaft, die Infrastruktur und die Gesellschaft vor Ort und mit den dafür Verantwortlichen abzugleichen. Ich kam von dieser Reise begeistert und voller Eindrücke nach Hause, welche ich nun laufend am Verarbeiten und Einordnen bin. Gerne werde ich China wieder einmal ­zusammen mit Vertretern des sgv besuchen.»

Interessante neue Kontakte

Auch der im bernischen Huttwil tätige Unternehmer Urs Nyffenegger und Gattin Erika nahmen ebenfalls an der sgv-Reise nach China teil. Der im Metallbau tätige Chef von anytech ist mit der Tochterfirma anytech Solar AG auch im Bereich Photovoltaik aktiv. Anja Russo hat die Geschäftsleitung der anytech Metallbau AG inne und reiste im August mit nach China. «Wir konnten neue, interessante Kontakte knüpfen, lernten eine neue Kultur kennen und kamen mit interessanten Technologien in Kontakt», erinnert sich Russo. Nebst dem erhellenden Austausch mit Firmen und Privatpersonen, den Firmenbesichtigungen und touristischen Ausflügen sind ihr vor allem die chinesische Gastfreundlichkeit und das gute Essen in bester Erinnerung.En