Publiziert am: Freitag, 22. Januar 2016

Das Zauberwort heisst «Respekt» – ob auf der Baustelle oder in der Schule

Integration – Kaum ein Gewerbe ist so international wie der Bau. Ausländische Arbeitnehmer stellen seit jeher das Gros. Bei ihrer Integration kommt den Arbeitgebern eine bedeutende Rolle zu. Einer von ihnen ist Markus Ramseier, CEO der Ramseier AG in Bern. Er fördert seine Mitarbeiter mit Deutschkursen. Diese werden vom Schweizerischen Baumeisterverband SBV organisiert und vom Staatssekretariat für Migration SEM koordiniert.

Staub. Lärm. Schutt. Bohrer dröhnen aus dem grauen Gebäude beim PostParc in Bern nach draussen, Hämmer schlagen auf Metall. Bretter liegen am Boden, Stimmen und Rufe sind zu hören. Mittendrin steht Markus Ramseier. Der 38-Jährige ist seit Oktober letzten Jahres als CEO in vierter Generation im Familienunternehmen tätig. Um ihn herum stehen drei Bauarbeiter in orangen Sicherheitswesten. «Und, wie geht es vorwärts?», fragt Ramseier. Die drei nicken. «Gut, gut», bekräftigen sie. Wenn Ramseier mit ihnen spricht, tut er dies langsam. Braucht deutliche, einfache Worte. Er benutzt seine Hände. Wenn er von fünf Zentimetern spricht, formt er diese Distanz mit den Fingern. Der Grund: Die meisten seiner Mitarbeiter stammen aus dem Ausland, sprechen nur radebrechend Deutsch. «Manchmal rede ich mit ihnen auch Spanisch», sagt Ramseier. Das könne er. Zumindest ein bisschen. Rund 210 Leute beschäftigt die Ramseier AG in Bern und Biel gesamthaft. Der grösste Teil von ihnen sind Spanier, Portugiesen und Italiener. «Jeder Einzelne macht seinen Job wirklich gut», so der CEO, «ich könnte nicht auf sie verzichten.»

Prozesse optimieren, Kosten ­reduzieren

Kabel ziehen sich durch die Baustelle. Rot, blau, grün. Bereits im Frühling soll hier alles stehen und die drei Gebäude eröffnet werden. «Das urbane Zentrum am Puls von Bern», so PostFinance über ihr neues Areal in der Bundesstadt. Es entstehen Büroräume, Läden und Res­taurants. Seit vier Jahren ist die Ramseier AG hier als eines von vier Unternehmen mit am PostParc beschäftigt. «Wir sind stets bemüht darum, möglichst viele verschiedene Bauwerke realisieren zu können, darum gehören öffentliche und 
institutionelle Bauherren genauso zu unseren Auftraggebern wie auch Private», sagt der Firmenchef. Ramseiers Produktesortiment reicht vom Waschmaschinensockel bis hin zu anspruchsvollen Grossprojekten. «Wir sind professionell, leistungsfähig, gut diversifiziert und optimal organisiert.» Die Ramseier-Gruppe samt Tochterfirmen ist am Standort Bern und Biel gut positioniert. «Klar spüren wir den Preiskampf und den Margendruck», so Ramseier. «Sie zwingen uns dazu, tagtäglich unser Bestes zu geben, Dinge zu hinterfragen, Prozesse zu optimieren, Kosten zu reduzieren und die Effizienz zu steigern.» 
Die Firma hat hauptsächlich vier bis fünf grössere Mitbewerber. «Das Einvernehmen untereinander ist aber gut. Wir sind fair zueinander, achten und respektieren uns», so Ramseier.

«Mitarbeiter sind unser Kapital»

Auch wenn die Situation im Bauhauptgewerbe nicht immer einfach sei: Sparen wolle man bei den Mitarbeitern nicht. «Sie sind unser Kapital», sagt Ramseier. Deshalb ermöglicht er es seinen ausländischen Mitarbeitern schon seit dem Jahr 2008, neben ihrer Arbeit einen Deutschkurs zu absolvieren. Dies, damit sie sich besser in der Schweiz und im Unternehmen integrieren können.

«DEr cHEF spricht langsam, kLAR und Deutlich – oft auch mit den Händen.»

Momentan besuchen fünf Mitarbeitende einen Deutschkurs. Dies jeweils zweimal pro Woche für zwei Lektionen. Einer von ihnen ist Hector Ortells. Der 30-jährige Spanier ist vor vier Jahren in die Schweiz gekommen. «Ich fand in Valencia keine Arbeit mehr», sagt er, währenddem er ein Loch in den Boden bohrt. Vorsichtig nimmt er die Pistole mit dem Füllmaterial, stopft das Loch. Seine dunklen Augen verengen sich zu Schlitzen. Staub quillt aus dem Loch. Ortells hustet, zieht sich seinen Helm tiefer ins Gesicht und den Kragen seines Pullovers über den Mund. «Ich bin sehr froh, dass ich hier die Möglichkeit habe, Deutsch zu lernen.» Bevor er vor einem Jahr in der Ramseier AG zu arbeiten begann, sei er selten mit Deutsch konfrontiert worden. Jetzt sei ihm aber bewusst geworden, wie wichtig es sei, die Landessprache zu beherrschen. «Ich will meinem Chef mitteilen können, welche Arbeiten erledigt sind, Formulare ausfüllen oder einen Termin für eine Wohnungsbesichtigung vereinbaren können.» Alles Dinge, die er im Deutschkurs lernt. Doch auch das Lernen on-the-job, also direkt im Arbeitsalltag, sei sehr wichtig. Das weiss auch Ramseier. «Ich bin der Meinung, dass, wenn unsere Leute die Arbeit zu unserer Zufriedenheit erledigen, sie auch Unterstützung verdient haben», sagt er.

Deutschkurse bereits seit 2008

Schon lange sei es ihm bewusst, wie wichtig die Integration ausländischer Mitarbeiter in der Unternehmung und in der Schweiz allgemein sei. Deutschkurse bietet die Ramseier AG ihren Mitarbeitern erstmals im Jahr 2008 an. «Je besser integriert jemand ist, desto bessere Leistungen erbringt er», so Ramseier. Wie das? Der CEO wirkt nachdenklich. Er zieht beide Augenbrauen hoch, richtet sich seinen Helm. Wischt sich mit dem Ärmel seiner rechten Hand über die Stirn. «Loyale Mitarbeiter verdienen es, fair behandelt zu werden. Nur so fühlen sie sich ernst genommen und gefördert.» Ramseier hebt ein Brett vom Boden hoch, dreht es in den Händen hin und her. «Eigentlich ist es ja einfach: Wenn sie sich keine Sorgen machen müssen, dass sie ihren Alltag nicht bewältigen können, sind sie freier, weniger absorbiert und zufriedener.»

Somit sei klar: Fühlten sich die Spanier, Portugiesen und Italiener hier wohl, würden sie schliesslich auch bessere Leistungen erbringen. «Es spielt keine Rolle, woher jemand kommt. Auch nicht, welche Sprache er spricht oder welche Nationalität er hat. Es braucht wenig, dass sich die Leute verstanden und nicht lediglich als eine Nummer fühlen.» Respekt sei dabei das Zauberwort.

Deutsch für mehr Teamgeist

Markus Ramseier wird seinen ausländischen Mitarbeitern auch in Zukunft die Möglichkeit bieten, Deutschkurse zu absolvieren. Schliesslich habe sich dadurch auch die Kommunikation im Betrieb massgeblich verbessert. «Das gilt genauso in den Baustellenteams untereinander wie auch im Umgang mit mir persönlich.» Zu bemerken sei vor allem auch ein wachsender Teamgeist, ein besseres Zusammengehörigkeitsgefühl. Nicht selten passiere es, dass die Teams nach Feierabend zusammen noch ein Bier trinken gingen.

«DAS TEAM WÄCHST ZUSAMMEN – NUN gEHEN SIE NICHT SELTEN AUCH MAL EINS TRINKEN.»

Vor Kurzem sei Hector Ortells mit dem Wunsch auf ihn zugekommen, er wolle gerne eine Weiterbildung absolvieren. Ramseier rät deshalb auch anderen KMU-Unternehmern dazu, ihre ausländischen Mitarbeiter mit Deutschkursen zu fördern. «Auf dem Weg zu motivierteren und leistungsfähigeren Angestellten ist die Kommunikation im Team sehr wichtig, ja sogar die Basis.»

Projekt soll optimiert werden

Gerade deshalb hat sich die Ramseier AG vor drei Jahren im Projekt «Deutsch auf der Baustelle» engagiert. Seit jeher stammt nämlich auf Schweizer Baustellen ein Grossteil der Mitarbeiter aus dem Ausland. «Das hängt mit dem zu Unrecht noch immer zu gering geschätzten Berufsbild des Bauarbeiters zusammen», weiss Ramseier. Viele Leute müssten ausserhalb der Landesgrenzen rekrutiert werden. Das führe schliesslich zwingend zu einem Sprach- und Integrationsproblem. «Da der Arbeitsplatz der ideale Ort ist, um in einem fremden Land erfolgreich Deutsch zu lernen, haben wir uns sofort dazu bereit erklärt, beim Pilotprojekt mitzumachen.» Begonnen hatte das Pilotprojekt des Schweizerischen Baumeisterverbandes mit dem Namen «Deutsch auf der Baustelle» im Herbst 2012. Während rund einem halben Jahr besuchten etwa 50 Bauarbeiter Deutschkurse direkt auf der Baustelle und hatten so die Möglichkeit, sich einen deutschen Basiswortschatz anzueignen. Die Kosten wurden vom Paritätischen Fonds der Sozialpartner getragen (vgl. Kasten «Das Projekt»).

«Wenn sich die 
Ausländer hier wohlfühlen, sind sie auch leistungsfähiger.»

Geklappt habe das Ganze aber nicht so, wie man es sich in der Theorie vorgestellt habe, so Ramseier. Weshalb? «Einerseits ist es schwierig, alle Kursteilnehmer auf einer bestimmten Baustelle zu versammeln, und andererseits entstehen Fehlzeiten, die irgendwie wieder kompensiert werden müssen.» Die Kurse hätten meist zu Randzeiten, also am Morgen oder am Abend, für jeweils zwei Stunden stattgefunden.

Deshalb optimiert der Schweizerische Baumeisterverband die Idee nun (vgl. Kasten «Das Angebot»). Seit einem Jahr finden die Kurse nicht mehr direkt auf der Baustelle statt, sondern im Ausbildungszentrum Maurerlehrhalle in Bern. Und dies auch später am Abend, so dass sich die Kursteilnehmer nach der Arbeit noch zu Hause umziehen und duschen können.

Tschüss, ciao, adiós

Draussen wird es dunkel. Es war ein langer Tag im PostParc. Die Bauarbeiter ziehen ihre Leuchtwesten aus, schnappen ihre Rucksäcke. Hector Ortells zündet sich eine Zigarette an. «So, jetzt ab in den Deutschkurs.» Heute zum letzten Mal, bald findet die Prüfung statt. «Ich hoffe, dass ich bestehe», sagt der werdende Vater. Ob er danach noch einen weiteren Kurs besuchen werde, sei zwar noch nicht ganz klar, aber auf jeden Fall denkbar. «Ich kann mich noch sehr viel mehr verbessern.»

Tschüss. Ciao. Adiós. Die Bauarbeiter ziehen von dannen. Morgen kommen sie wieder. Vielleicht können sie dann schon ein paar deutsche Wörter mehr.

Stéphanie Jenzer

DAS Projekt

«Deutsch auf der Baustelle»

Wer in der Schweiz arbeitet, hat beste Voraussetzungen für eine gute Integration. Dafür muss er oder sie aber eine Landessprache beherrschen. Seit Oktober 2012 versuchen Bund, Arbeitgeberverbände und die Sozialpartner mehrerer Branchen – die sogenannte tripartite Agglomerationskonferenz TAK –, die Integration von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen zu verbessern.

Koordiniert werden die Bestrebungen vom Staatssekretariat für Migration SEM. Michèle Laubscher, Fachreferentin im Direktionsbereich Zuwanderung und Integration, weiss, weshalb eine gelungene Integra­tion am Arbeitsplatz beginnt: «Jeder zweite Einwanderer kommt in die Schweiz, weil ihm eine Stelle angeboten wird, und macht die ersten Integrationsschritte am Arbeitsplatz.» Es sei deshalb wichtig, dass Zuwanderer hier Akzeptanz und Wertschätzung erfahren würden. Zu den im Projekt engagierten Verbänden zählt auch der Schweizerische Baumeisterverband. Mit seinem Pilotprojekt «Deutsch auf der Baustelle» versucht der Verband, massgeblich zur ­Integration ausländischer Arbeitskräfte beizutragen. Die Kosten werden vom Paritätischen Fonds der Sozialpartner getragen. stj

DAS angebot

«Die ersten Erfahrungen sind sehr positiv»

Kaum ein Gewerbe ist so international wie der Bau, seit jeher arbeitet auf Schweizer Baustellen eine grosse Zahl von ausländischen Arbeitnehmern. Die Ansprüche an die Migranten steigen laufend, auch was die Sprache angeht. Der Schweizerische Baumeisterverband SBV engagiert sich deshalb seit mehreren Jahren für eine bessere Integration von ausländischen Arbeitnehmern. Das Pilotprojekt «Deutsch auf der Baustelle» habe sich aus Sicht des Verbandes somit klar gelohnt, sagt Matthias Engel, Mitarbeiter Medien und Politik beim SBV. Ursprünglich machten am Projekt gesamtschweizerisch drei Unternehmen mit. Im Winter 2012 ⁄13 fanden erstmals auf Bauarbeiter zugeschnittene Sprachkurse à 52 Lektionen in den Firmen Implenia AG (Basel), Ramseier AG (Bern) und Stutz AG (Hatswil ⁄ TG) statt. Seitdem wurden Kurse in den Kantonen Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Bern, Graubünden, Luzern, Obwalden, Schwyz, Thurgau, Zürich und Zug durchgeführt. Wie schon 2014 waren es auch 2015 wieder über 400 Mitarbeitende, die an Deutschkursen teilnahmen. «Die ersten Erfahrungen sind sehr positiv», sagt Engel. «Wir werden Mitte 2016 das Pilotprojekt abschliessen und die gemachten Erfahrungen auswerten. Dann werden wir auch abschätzen können, ob und in welchem Umfang die Kurse weitergeführt werden.»stj