Publiziert am: 22.01.2016

Dem Wandel anpassen – aber schnell

Arbeitswelt – Der Arbeitsmarkt der Zukunft, der Fachkräftemangel und die rasch voranschreitende Digitalisierung 
der (Arbeits-) Welt: Dies waren wichtige Themen der 67. Gewerblichen Winterkonferenz in Klosters.

Professor Andreas Beerli von der KOF ETH Zürich beleuchtete Chancen und Risiken von Digitalisierung, Globalisierung und Immigration. Katastrophenmeldungen, wie sie in den Medien vermehrt verbreitet werden, empfahl Beerli, mit Skepsis zu begegnen. Wie bereits in der industriellen Revolution nicht alle automatisch arbeitslos geworden seien, bestehe auch angesichts der Digitalisierung kein Grund zur Panik.

Entscheidend seien drei Faktoren. Medien legten den Fokus häufig einzig auf die Substitution, also die Frage, in welchen Tätigkeiten Menschen von Robotern resp. Computern ersetzt werden könnten. Die Frage nach der Komplementarität – wo und wie können Maschinen uns unterstützen – und nach den Veränderungen bei Preisen und Einkommen blieben oft unerwähnt.

Beerli beobachtet eine Polarisierung bei Erwerbstätigkeit und Lohnverteilung. Berufe mit einem hohen Grad an Routine werden weniger nachgefragt, während bei manuellen, tief­qualifizierten Arbeitskräften eine leichte und bei abstrakten, interaktiven und kreativen Tätigkeiten eine starke Zunahme der Nachfrage zu verzeichnen sei. Eindeutige Verlierer des Einzugs der Computer in die Arbeitswelt seien Bürokräfte sowie handwerkliche Berufe mit einem hohen Grad an Routinetätigkeiten.

Entsprechend werde vor allem bei den Niedrig- und den Hochqualifizierten ein Lohnanstieg registriert, während die Löhne der «Verlierer» nur leicht gestiegen seien. Beerli plädierte dafür, komplementäre Fähigkeiten wie Problemlösungen, Kreativität, Kommunikation und Kundenorientierung zu fördern, um die Folgen der Digitalisierung abzufedern.

Mehr Bildung und Innovation

Der oft beklagte Fachkräftemangel ist für Myra Fischer-Rosinger sowohl ­Realität als auch Mythos. In erster Linie beobachtet die Direktorin des Verbands der Personaldienstleister swissstaffing ein Ungleichgewicht am Arbeitsmarkt. Während «Fortschritts-Verlierer» aus dem Arbeitsmarkt fallen, fehlen der Wirtschaft infolge des Strukturwandels die nötigen Spezialisten. In diesem «Mismatch» ortet Fischer gesellschaftlichen Sprengstoff. Es entstehe ein Misstrauen gegenüber der Wirtschaft. Diese könne Vertrauen zurückgewinnen, indem sie etwa das Inländerpotenzial besser ausschöpfe. Fischer warnte aber davor, die hervorragende Wettbewerbsposition der Schweiz zu untergraben, indem der liberale Arbeitsmarkt – Stichworte: Ausbau des Kündigungsschutzes oder der flankierenden Massnahmen (FlaM) – ausgehebelt werde. Vielmehr müsse verstärkt in Bildung und Innovation investiert werden.

Die Schweiz ist keine Insel

Für eine spannende Podiumsdiskussion sorgten unter Leitung von Martina Fehr (Chefredaktorin «Südostschweiz»), Vania Alleva (Präsidentin Gewerkschaft unia), Gian-Luca Lardi (Unternehmer und Präsident Schweizerischer Baumeisterverband SBV), Michel Pernet (Präsident Verband Kreativwirtschaft Schweiz) und Oliver Rosa, Begründer der Swiss Music Awards.

Wenig überraschend votierte die ­Gewerkschafterin Alleva für mehr Regulierung, einen Ausbau der FlaM und für Verschärfungen etwa bei der Solidarhaftung im Baugewerbe.

«Die Schweiz ist keine Insel», konterte SBV-Präsident Lardi. Zunehmende Regulierungskosten griffen die Konkurrenzfähigkeit der Schweiz an, und die FlaM dürften nicht zur Fessel für die Bauwirtschaft werden. Trotz der Solidarhaftung, die im übrigen einzig und alleine für das Baugewerbe gelte, zeige die unia weiterhin ständig auf «den Bau» – mit dem Zweck, immer neue Regulierungen zu verlangen.

Lardi wehrte sich dagegen, angesichts der immer schneller voranschreitenden Veränderungen der Arbeitswelt «immer engere Korsetts zu schnüren» und verlangte stattdessen mehr Flexibilität, mehr Selbstverantwortung und eine ständige Bereitschaft zur Aus-, Weiter- oder Umbildung: «Nur so kann die Schweiz international wettbewerbsfähig bleiben.»

Das Staunen der «Kreativen»

Für mehr Flexibilität und weniger Regulierung sprach sich auch Kreativwirtschafter Pernet aus. Statt aber die Risiken der Digitalisierung zu fürchten, solle sich die Schweiz auf ihre Stärken besinnen. «Die weltweit am häufigsten benutzten Schriften ‹Helvetica› und ‹Frutiger› wurden in der Schweiz kreiert», sagte Pernet und forderte, dass sowohl Arbeitnehmer wie auch Arbeitgeber die anstehenden Veränderungen annehmen und sich der Tatsache stellen müssten, dass der Begriff «Arbeit» als solcher daran sei, seine Bedeutung zu verändern. «Angestellt sein» könne bald der Vergangenheit angehören. Anstelle von «Stelle» und «Firma» trete die Identifikation mit der Arbeit: «Spass und Sinn werden wichtiger als der Lohn», gab sich Pernet überzeugt.

«In der Musikindustrie ist die Digitalisierung nicht bloss eine Chance, sondern Realität – und das seit 20 Jahren», stellte Rosa fest. Angesichts der Diskussionen um die Arbeitszeit­erfassung oder fast schon atavistischen Begriffe wie «Überzeit» frage er sich, ob Gewerkschaften und Arbeitgeber «sich der riesigen Herausforderungen tatsächlich bewusst sind, die uns allen bevorstehen». En