Publiziert am: Freitag, 4. März 2016

«Der Begriff ist respektlos und falsch»

integration – Bundesrätin Sommaruga will die Wirtschaft verstärkt in die Pflicht nehmen, 
bei der Integration von Migranten mitzumachen – und erfindet flugs eine «Flüchtlingslehre».

Seit dem Spätsommer 2015 ist Europa mit einer Flüchtlingswelle historischen Ausmasses konfrontiert. Die übermütigen «Selfies» der deutschen Kanzlerin Angela Merkel mit Flüchtlingen, per Smartphones in die weite Welt getragen, taten das Ihre und heizten die Migration ins erhoffte Schlaraffenland weiter an. Die Folgen sind bekannt: Europa ist seither – stärker als je zuvor – mit sich selbst beschäftigt. Und mit der Frage: Was tun mit all den Immigranten?

Auch die Schweiz kann sich dem Zustrom nicht verschliessen. Der Bundesrat – konkret: das Staatssekretariat für Migration (SEM) der zuständigen Bundesrätin Simonetta Sommaruga – hat deshalb kurz vor Weihnachten ein «Pilotprogramm zur Flüchtlingslehre» lanciert. Es soll «die Erwerbsintegration von anerkannten Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen» erleichtern. Wenig überraschend sieht das SEM «in erster Linie die Wirtschaftsbranchen mit einem Arbeitskräfte- oder Lehrlingsmangel» in der Pflicht, mitzuziehen.

Was heisst hier «Lehre»?!

Einmal mehr soll’s also «die Wirtschaft» richten. Daran hat Hans-Ulrich Bigler, der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands sgv, grundsätzlich nichts auszusetzen: «Die Wirtschaft ist interessiert daran, fähige jugendliche Flüchtlinge zu integrieren.» Als «gelinde gesagt problematisch» bezeichnet Nationalrat Bigler jedoch den Versuch, das Ganze als «Flüchtlingslehre» zu deklarieren. «Der Begriff ist völlig falsch gewählt», kritisiert Bigler und warnt davor, nun – wie etwa im IV-Bereich auch schon geschehen – ohne Absprache mit den Berufsverbänden neue Modelle auf die Beine zu stellen, um die Integration voranzutreiben. Bigler verlangt, dass die Eingliederung der jungen Migranten aufgrund bestehender Strukturen der Berufsbildung, insbesondere der zweijährigen Attestlehre, geschehen muss. «Alles andere kommt einer massiven und inakzeptablen Abwertung der Berufsbildung gleich und ist ihr gegenüber absolut respektlos.»

Die Wirtschaft ist längst aktiv

Ins gleiche Horn stösst sgv-Bildungsexpertin Christine Davatz. «Der Begriff ‹Lehre› für eine einjährige Ausbildung von frisch zugezogenen Migranten ist ganz einfach imageschädigend – oder würde jemand ein einjähriges ‹Flüchtlings-Studium› wirklich ernst nehmen?» Davatz erinnert daran, «dass die Wirtschaft längst daran ist, Flüchtlinge zu integrieren» und verweist auf entsprechende Projekte, die etwa in der Hotellerie, der Gastronomie oder der Bauwirtschaft erfolgreich sind. Vor allem aber plädiert die sgv-Vizedirektorin dafür, als Erstes abzuklären, welche Kompetenzen die Flüchtlinge tatsächlich mitbringen und welche nicht. «Erst wenn wir ihre Neigungen und Eignungen kennen, können wir beginnen, jene, die hier bleiben dürfen, nach bestehenden Vorgaben zu schulen und für den ersten Arbeitsmarkt fit zu machen. » En

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