Publiziert am: 06.10.2017

Der Preis der Innovation

GROUPE MUTUEL – Die Gründe für den Anstieg der Gesundheitskosten sind zahlreich. 
Insbesondere wirkt sich die Innovation auf die Medikamentenpreise aus.

In einem hochindustrialisierten Land wie der Schweiz scheinen der Innovation keine Grenzen gesetzt zu sein. Die Investitionen müssen jedoch rentabel sein, denn letztendlich finden jede anerkannte neue medizinische Leistung und jedes zugelassene neue Medikament die entsprechenden Abnehmer. Damit setzt sich eine Spirale in Gang.

Die Pharmaindustrie weist immer wieder darauf hin, dass die Medikamentenkosten «nur» 10 Prozent der gesamten Gesundheitskosten ausmachten. Die jährlichen Kosten unseres Medikamentenverbrauchs, in den Apotheken und in den Spitälern, machen rund 25 Prozent der Leistungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) aus. Unsere Krankenversicherungsprämien hängen somit stark von der verbrauchten Menge und dem Preis der jeweiligen Medikamente ab, deren Nutzen niemand anzweifelt.

Auf der Suche nach Lösungen

Vor diesem Hintergrund suchen die Krankenversicherer seit Jahren nach Lösungen, um die Kosten dieser Produkte wo immer möglich zu senken. Dabei berücksichtigen sie den Beitrag, den die Schweizer Pharmaindustrie in Bezug auf die Beschäftigung und den wissenschaftlichen Mehrwert leistet – es handelt sich dabei um 100 000 Arbeitsplätze und Spitzenforschung, womit die Debatte unweigerlich politisch wird. In den vergangenen Jahren wurden insbesondere Verhandlungen geführt, um die Kosten bestimmter Produkte in Schach zu halten. Dennoch sind die Preise in der Schweiz nach wie vor hoch, was nicht immer ganz berechtigt ist.

Das Territorialitätsprinzip

Seit jeher wehrt sich die Pharmaindustrie erfolgreich gegen den ­Parallelimport von Medikamenten. Sie begründet dies damit, dass ein neues Produkt in der Schweiz entwickelt wird – zu den Lohnbedingungen und logistischen Anforderungen der Schweiz, die im Durchschnitt höher sind als in den Nachbarländern. Hinzu kommt die bescheidene Grösse des Schweizer Markts, auf dem Umsatzeinbussen, die sich durch einen niedrigeren Preis ergeben würden, nicht durch die Menge kompensiert werden können.

Dieses Argument ist nur teilweise 
zulässig, denn von den 2949 auf der Spezialitätenliste (SL) aufgeführten Produkten (von insgesamt 9784 in der Schweiz zugelassenen Produkten) stammt nur ein Viertel von Unternehmen mit Forschungs- oder Produktionssitz in der Schweiz. 75 Prozent der Medikamente stammen aus dem Ausland, ohne Investitionen in Forschung und Produktion in der Schweiz. Auch sind diese Preise verglichen mit den Nachbarländern zu hoch, was den Kampf der Krankenversicherer rechtfertigt.

Um ihren Versicherten das Leben zu erleichtern, hatten die Krankenversicherer damit begonnen, auch einige im Ausland gekaufte Medikamente zu übernehmen, sofern die folgenden drei Voraussetzungen erfüllt waren: Das Medikament musste in der Schweiz durch Swissmedic anerkannt sein, es musste günstiger sein als dasselbe Produkt in der Schweiz und es musste ärztlich verordnet sein. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat die Versicherer allerdings zur Ordnung gerufen und sie zur strikten Einhaltung des Territorialitätsprinzips aufgefordert.

Neue Medikamente: wirksam, aber sehr teuer

Durch neue Produkte, die wirksam, aber sehr teuer sind, wurde die Diskussion rund um das Territorialitätsprinzip neu entfacht. Am kennzeichnendsten dafür ist die neue Generation der Hepatitis-C-Medikamente (Sovaldi, Epclusa). Früher beliefen sich die Kosten für eine 6-monatige Behandlung auf rund 10 000 Franken, wobei keine Heilungschancen bestanden. Die neuen Medikamente kosten für einen Zeitraum von 3 bis 6 Monaten zwischen 45 000 und 90 000 Franken – allerdings mit der Aussicht auf vollständige Heilung nach Abschluss der Behandlung. Seit Einführung der Medikamente konnten die Preise bereits um 25 Prozent gesenkt werden, die Kosten bleiben aber hoch. Im Ausland kosten die gleichen Produkte deutlich weniger.

In ihren regelmässigen Vergleichen des Medikamentenmarkts schätzt santésuisse den Preisunterschied zwischen der Schweiz und dem Ausland bei patentierten Medikamenten auf 14 Prozent, bei Generika auf 53 Prozent. Deshalb üben die Krankenversicherer Druck aus, damit beim gleichen Wirkstoff nur die günstigsten Preise rückvergütet werden.

10 Milliarden Sparpotenzial 
über alle Kostenblöcke

Es gibt durchaus Wege, um die Gesundheitskosten besser in den Griff zu bekommen. Allerdings nicht durch gross angelegte Massnahmen. im Gegenteil. Dieses Ziel kann man nur in kleinen, technischen und unspektakulären Schritten bei allen wichtigen Kostenblöcken erreichen. Gemessen an der stetigen Mengenausweitung der medizinischen Leistungen würden laut Bundesrat Einsparungen in Milliardenhöhe möglich sein. Er spricht von 10 Milliarden Franken, was die Gesundheitsausgaben auf den Stand Anfang der 2000er Jahre zurückversetzen würde.