Publiziert am: Freitag, 20. Februar 2015

Der Tiger ist bisher zahm geblieben

INDIEN – Noch zu Beginn der 2000er Jahre dachte man, Indien würde China überholen. Es war die Rede von Kreativität und ­Humankapital. Doch die Hoffnungen in den Subkontinent haben sich bisher nicht erfüllt. Nun erneuern sie sich aber – zu Recht?

«Indien ist mysteriös», sagt Paul Gregor, ein langjähriger Investor in den Subkontinent. «Mysteriös nicht nur als Kulisse, sondern im Prinzip. Deshalb ist es so schwer vorauszusehen, wie sich das Land entwickeln wird.» Dabei gibt es Potenzial zwischen Himalaya und Indischem Ozean: In Indien lebt die zweitgrösste Bevölkerung auf dem Planeten, das Land verfügt über eine solide und wachsende Binnennachfrage und eine Masse gut ausgebildeter, junger Fachkräfte. Doch Indien ist gleichzeitig kompliziert, bürokratisiert und protektionistisch.

Was sagen die Zahlen aus?

Das Bruttoinlandprodukt (BIP) Indiens betrug im Jahr 2013 um die 2129 Milliarden Dollar – was aber bei einer Bevölkerung von 1,22 Milliarden Personen lediglich 1389 Dollar pro Person ergibt. In der Schweiz sind es 78 881 Dollar pro Person. Damit ist Indien nominell die zehntgrösste Wirtschaft der Welt, belegt aber lediglich den 133. Platz, wenn die Wertschöpfung pro Kopf gemessen wird.

«INDIEN BIETET VIEL POTENZIAL – FÜR LEUTE MIT GUTEN NERVEN.»

Auch wenn der indische Dienstleistungssektor etwa zwei Drittel des indischen BIP ausmacht, bleibt Indien hinsichtlich der Beschäftigung immer noch stark rural geprägt: Der Agrarsektor trägt lediglich circa 12 Prozent zum indischen BIP bei, beschäftigt aber immer noch 51 Prozent der Bevölkerung. Der indische Industriesektor ist im Vergleich zu anderen Schwellenländern Asiens noch wenig entwickelt und generiert knapp 20 Prozent des BIP. Nur etwa 10 Prozent der erwerbstätigen indischen Bevölkerung sind im formellen Sektor beschäftigt. Im «Doing Business» 2013 der Weltbank – ein Mass für die Einfachheit der wirtschaftlichen Betätigung in verschiedenen Ländern – figuriert Indien von 185 untersuchten Volkswirtschaften auf Rang 132. Zum Vergleich: Singapur belegt Platz 1, die Schweiz Platz 20, China Platz 91, Brasilien Platz 130 und Russland Platz 112.

Was hat Indien zu bieten?

Indien hat sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem Kompetenzzentrum für Software und Informationstechnologien sowie zu einer Atommacht gewandelt. Die industrielle Revolution und die Überwindung der Armut für breite Bevölkerungsschichten scheinen noch bevorzustehen. Darin tun sich Chancen für Schweizer Firmen auf. Unternehmen, welche Infrastrukturprojekte planen, durchführen oder zuliefern, sind gefragt. Aber auch Lebensmitteltechnik, Umwelttechnik und Energie sind heisse Themen. Die zunehmende Urbanisierung wird auch die Nachfrage in den Bereichen Transport, Logistik, Handel und Bau vorantreiben.

Noch viel Potenzial

Heute sind die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Schweiz und Indien noch nicht weit fortgeschritten. Eine Ausnahme ist der Goldhandel. Durch den grossen Wert Schweizer Gold-Exporte nach Indien ist unser Land sogar der viertgrösste Handelspartner des (lahmen) Tigers. Weitere Handelspartner sind die Vereinigten Arabische Emirate, China, die USA, Saudi-Arabien und Singapur.

Indien ist der viertwichtigste Handelspartner der Schweiz in Asien. Das Exportvolumen im Jahr 2013 betrug 2,6 Milliarden Franken. Vor allem Schmuckwaren, Maschinen und Medikamente waren auf dem Subkontinent gefragt. Das Handelsvolumen mit Indien entspricht aber erst rund einem Prozent des gesamten Warenaustausches der Schweiz.

«Protektionistischer Sünder»

«Diverse Hindernisse wie hohe Importzölle und komplexe Tarifstrukturen stehen einem offeneren Handel entgegen», warnt der Experte Paul Gregor. «Indien ist als protektionistischer Sünder bekannt.»

«BESONDERS HEIKEL IST DER SCHUTZ DES
GEISTIGEN EIGENTUMS.»

Der Schutz des geistigen Eigentums etwa erweist sich als überaus heikel. Das Urteil des obersten Gerichts Indiens vom April 2013, dem Pharmakonzern Novartis kein Patent für das Krebsmittel Glivec zu gewähren, hat die Diskussionen nicht einfacher gemacht. Und der Ausgang der Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz (im EFTA-Verbund) und Indien scheint derzeit noch völlig ungewiss.

Gergor fasst die Lage so zusammen: «Indien hat viel zu bieten. Aber man muss Abenteuergeist haben. Und starke Nerven.»

Henrique Schneider, Ressortleiter sgv

ERFOLGSGESCHICHTE GANSER CRS AG

Einspritztechnologie für indische Lokomotiven

Die Ganser CRS AG, spezialisiert auf Einspritztechnologie für Dieselmotoren, rüstet Diesel-Lokomotiven der indischen Staatsbahnen aus.

Das Winterthurer Unternehmen – Pionier auf dem Gebiet der Common-Rail-Einspritztechnologie für Dieselmotoren – rüstet seit Jahrzehnten erfolgreich Schiffe, Lokomotiven und Baumaschinen aus. Im Jahr 2006 nahm das vor 30 Jahren gegründete Familienunternehmen ein ambitioniertes Exportprojekt ins Visier. Ziel war, die indischen Staatsbahnen Indian Railways mit modernsten, elektronisch gesteuerten Common-Rail-Einspritzsystemen für deren bestehende sowie neue Dieselmotoren zu beliefern. Ein ambitioniertes Unterfangen, denn Indien betreibt nach Russland das grösste Staatsbahnunternehmen der Welt – mit 1,5 Millionen Mitarbeitenden und Tausenden Lokomotiven. Diese sind zum Teil in die Jahre gekommen und verfügen über ein enormes Modernisierungspotenzial.

Fünf Jahre Vorarbeit

Bis der Exportsprung gelang, vergingen fünf Jahre für die Vorarbeiten, den permanenten Kontakt mit Indian Railways sowie die aufwendige Suche nach lokalen Partnern. Unterstützt wurde die Ganser CRS AG von Switzerland Global Enterprise (S-GE). Mit Hilfe des lokalen Swiss Business Hubs von S-GE in Mumbai wurden Kontakte geknüpft und Verhandlungen geführt. 2011 konnte der Joint-Venture-Vertrag mit einem indischen Partnerunternehmen unterzeichnet werden, und Ende 2013 wurden die ersten mit der Ganser-Technologie ausgerüsteten Lokomotiven in Betrieb genommen.Sc