Publiziert am: 05.06.2015

Der Weg ist noch sehr lang und hart

INDIEN – Bundesrat Johann Schneider-Ammann deponierte zusammen mit einer Wirtschaftsdelegation aus der Schweiz die Schweizer Vision für eine gemeinsame Zukunft: Ein Freihandelsabkommen. Welche Visionen hat Indien für sich selbst?

Rund 1,25 Milliarden Menschen leben in Indien. Nur China hat noch mehr Einwohner. Doch das Reich der Mitte ist flächenmässig viel grös­ser als der Subkontinent. In Indien leben die Menschen dicht an dicht. Und die Zukunft wird noch urbaner. Heute leben etwa 900 Millionen Menschen auf dem Land und 350 Millionen in den Städten. Doch jedes Jahr migrieren um die 11 Millionen Menschen vom Land in die Stadt. Für das Jahr 2050 gilt folgende Projektion: Indien wird um die 1,7 Milliarden Einwohner zählen, die Hälfte auf dem Land, die Hälfte in den Städten.

«IM REFORMPAKET FEHLEN BILDUNG, INNOVATION UND KMU-POLITIK.»

Indien wird in einigen Jahren auch die jüngste Bevölkerung auf der Welt haben. Während eine alternde Gesellschaft in Europa und Japan schon lange Realität und in China ab dem Jahr 2030 zu erwarten ist, wird Indien bis etwa ins Jahr 2050 ein Nettowachstum an jüngeren Jahrgängen beobachten. Doch die wollen nicht nur materielle Sicherheit, sondern auch Aufstiegschancen.

Reformpaket – realistisch?

Die jetzige indische Regierung ist sich der Lage und der Entwicklung bewusst. Sie lancierte darum ein ambitioniertes Reformpaket. Ob dieses aber realistisch ist, ist eine ganz andere Frage. Dazu gehören:

n Bis zum Jahr 2015 hätten 75 Millionen Bankkonti eröffnet werden sollen. Das Ziel wurde sogar übererfüllt, denn um die 150 Millionen sind eröffnet worden. Doch: Rund 85 Millionen Konti haben kein Geld darauf.

n Bis zum Jahr 2015 sollten eine Milliarde Menschen elektronische Identifikationsnummer haben; bisher haben sich ca. 850 Millionen ange­meldet.

n Bis April 2016 sollte eine Steuerreform mit Mehrwertsteuer stattfinden. Da dafür aber eine Verfassungsänderung notwendig ist, scheint sie zunehmend nicht machbar.

n 30 Kilometer Strassen sollten täglich gebaut werden; heute sind es deren 10.

n Bis zum Jahr 2017 sollte Indien in den ersten 50 Rängen des «Ease of Doing Business» stehen. Heute belegt das Land den 142. Platz (die Schweiz kommt an 20. Stelle; China an 90.). Experten sagen jedoch, schon alleine unter den ersten 100 abzuschliessen, werde sehr schwer sein.

n Indien will bis zum Jahr 2020 100 «smart cities» bauen. Heute gibt es eine. Zumindest ist sie im Bau.

n Bis zum Jahr 2022 will Indien den Anteil der Industrie am Bruttoinlandprodukt von heute 16 auf 25 Prozent ausbauen (in Thailand und China sind es über 30 Prozent, in Indonesien und Malaysia um die 25). Dafür hat es das Programm «make in India» lanciert.

n Ebenfalls bis zum Jahr 2022 will Indien alle Slums beseitigt haben. Das bedeutet die Erstellung von 
65 Millionen Häusern pro Jahr.

Erstaunlich, aber wahr: In diesem grossen Reformpaket fehlen die Bildung, die Innovation oder auch die KMU-Politik. Es fehlt zudem eine Reform des Arbeitsmarktes, der heute extrem unflexibel ist und widersprüchlichen Gesetzen untersteht. Während des bundesrätlichen Besuchs sagte ein Beamter: «Wenn sich eine Firma an 100 Prozent des Arbeitsrechst hält, bricht sie automatisch 10 Prozent davon.»

Trotz allem wichtig

Indien ist ein Land voller Schwierigkeiten. Trotzdem hält die Schweizer Wirtschaftsdiplomatie an der Wichtigkeit des Subkontinents fest. Denn dort, wo die Risiken hoch sind, sind auch die Ertragschancen höher.

Henrique Schneider, Ressortleiter sgv