Publiziert am: 06.11.2015

«Die Messlatte ist extrem hoch»

FLEISCHFACHFRAUEN – Sandra Linder aus Rüegsau BE sowie Natacha Henzer aus Lanzenhäusern BE trainieren intensiv für die ­Europameisterschaften 2016 in Frankfurt. Die beiden Bernerinnen wollen dabei die Goldmedaille verteidigen.

Konzentriert, mit ruhiger Hand schneidet Sandra Linder den Fettrand des Rindsstotzens und löst das Fleisch von den Knochen. Wenn es ums Anpacken in der Metzgerei geht, dann stellt sich die Schweizer Meisterin der Fleischfachleute 2014 äusserst geschickt an. Sie kann gut anpacken. Momentan übt sie sich im Ausbeinen, einer der sechs anspruchsvollen Disziplinen an der Europameisterschaften vom 6. und 7. Mai 2016 in Frankfurt. Zusammen mit Natacha Henzer, Vize-Schweizer-Meisterin 2014, wird sie für die Schweiz starten. Die beiden Bernerinnen haben beide ihre Lehre in der «Veredlung» abgeschlossen und kennen sich von der Berufsschule respektive von den Swiss Skills 2014 in Bern, wo sie sich für die Europameisterschaften im Frühling qualifiziert haben.

Den Titel verteidigen

Der Titel der Schweizer Meisterin sei eine grosse Überraschung gewesen, sie könne sich noch gut daran erinnern, als ob es gestern gewesen sei, so Linder. «Für mich war es ein gros­ses Erlebnis, mitmachen zu können. Zudem war für mich klar, dass Natacha gewinnen würde», erinnert sich die versierte Fleischfachfrau. Auch für Natacha Henzer war dies ein unvergessliches Erlebnis: «Ich habe mich so für Sandra gefreut und bin zufrieden mit meinem zweiten Platz.»

«Bei der EM geht es nicht ums Mitmachen, sondern ums Gewinnen.»

Die Europameisterschaften seien jedoch ein anderes Kaliber. «Hier geht es nicht ums Mitmachen, sondern ums Gewinnen», konkretisiert Linder, und Henzer ergänzt: «Der Druck ist gross, haben wir doch eine Goldmedaille im Team sowie Silber und Bronze in den Einzelwertungen zu verteidigen.» Beide Frauen haben Respekt vor dieser Topleistung ihrer Vorgängerinnen (siehe Kasten). «Die Messlatte ist hoch. Ich war in Holland dabei, es ist aber schwierig abzuschätzen, was ausschlaggebend ist, um zuoberst auf dem Podest zu stehen», so Linder.

Die 23-Jährige, die ihre Lehre in der Metzgerei Gygax in Lützelflüh absolviert hat, ist ganz spontan zu diesem Beruf gekommen. Nach einer beruflichen Grundbildung als Floristin hängte die Emmentalerin eine Zweitlehre als Fleischfachfrau an. «Mein Chef Adrian Gygax hat mich spontan als Aushilfe eingestellt, danach hat es mir den Ärmel reingenommen und jetzt bin ich immer noch da», schmunzelt Linder. Henzer ist von Kindsbeinen an vertraut mit dem Metzgeralltag. «Mein Grossvater hat mich immer zum Wursten mitgenommen, so bekam ich Freude an diesem Beruf.» Sie arbeitet bei Kurt Jaun in der Dorfmetzgerei Neuenegg BE, wo sie auch ihre Lehre absolvierte.

Egal, ob eine kalte Platte arrangieren, ein Buffet gestalten oder die Kundschaft im Laden beraten und bedienen – die beiden jungen Frauen haben grossen Spass an ihrem Beruf. Besonders schätzen sie den Kontakt zu den Kunden sowie die Kreativität mit dem Naturprodukt Fleisch. Getragen und unterstützt fühlen sich die beiden Fleischfachfrauen von ihren engagierten Chefs Adrian Gygax und Kurt Jaun. «Wir sind sehr dankbar, dass wir so tolle Lehrmeister haben. Sie unterstützen uns nicht nur extrem im Training, sondern ihre Freude am Beruf überträgt sich auch auf uns», freuen sich die beiden Frauen. Es sei ein gegenseitiges Nehmen und Geben. «Es herrscht immer eine tolle, motivierende Atmosphäre bei uns in der Metzgerei», strahlt Linder. «Wir sind wie eine grosse Familie, wo man sich wohlfühlt.» Und Henzer ergänzt: «Es ist nicht selbstverständlich, dass man während der Arbeitszeit üben kann, hier zeigen sich unsere Chefs sehr grosszügig.»

Teamwork grossgeschrieben

Wichtig für das Teamwork an den Europameisterschaften sei ein gegenseitiges Mögen und Vertrauen. «Zwischenmenschlich muss es stimmen, das ist eine Bedingung, um zu gewinnen», so Linder, und Henzer bestätigt: «Wir können viel voneinander profitieren, wir motivieren uns und unterstützen uns gegenseitig, auch mental.»

Bald werden sie ihr Training im Ausbildungszentrum in Spiez noch intensivieren. «Dort werden wir mit einem Coach zusammenarbeiten sowie mit einem Mentaltrainer», sagt Linder. Sie trainiert bereits jetzt schon ein bis zwei Mal während der Arbeitszeit und in ihrer Freizeit. «Die Zeit bis zum 6. Mai ist kurz. Jetzt kommt dann noch das Weihnachtsgeschäft, wo wir uns hauptsächlich auf den Laden konzentrieren müssen, und dann bleiben nicht mehr viele Monate», rechnet Henzer.

«Zwischenmenschlich muss es stimmen, das ist eine Bedingung, um zu gewinnen.»

Eine grosse Herausforderung sei das Ausbeinen des Rinderhaxens. «Hier fehlt uns einfach die Praxis, das müssen wir mit intensivem Üben aufholen», so Linder. Bei den anderen Disziplinen liegt die grosse Hürde darin, dass das Fleisch gekocht sein muss und dementsprechend geschmacklich getestet wird. «Das ist neu für uns und eine ganz andere Ausgangslage. Es ist ein Unterschied, ob man rohes oder gekochtes Flesich mariniert und würzt», erklärt Linder. Momentan steht ein optimales Training im Vordergrund, doch je näher die Europameisterschaften rücken, desto mehr liegen die Nerven blank. Da erhoffen sich die beiden Frauen noch eine paar wertvolle Tipps von ihrem Mentalcoach.

Besser Informieren

Für die Zukunft wünschen sich die beiden Bernerinnen nicht nur, die Goldmedaille an den Europameisterschaften erfolgreich zu verteidigen, sondern dass ihr Beruf bei den Jungen wieder attraktiver wird. Es herrsche noch ein grosses Informationspotenzial. «Ich war an den Schweizer Meisterschaften überrascht, wie viele nicht wussten, dass unser Beruf in drei Fachrichtungen unterteilt ist», bemerkt Linder und sie fordert: «Gerade Schulabgänger müssen besser informiert werden. Oft haben diese nämlich noch falsche und veraltete Vorstellungen.»

Corinne Remund

EM DER FLEISCHFACHLEUTE

Berner Frauenpower holt Gold

Das Schweizer Team der Fleischfachleute ist auf ­Erfolgskurs: An den letzten drei Europameisterschaften erkämpften sich die Cracks der Fleischbranche jeweils den zweiten Platz. Dieses Jahr holten die Vize-Schweizer-Meisterin 2013 Claudia Jaun (20) und die Schweizer Meisterin 2013 Luzia Mathys (21) an den Europameisterschaften im höllandischen Houten Gold. Sie setzten sich gegen insgesamt fünf Nationen (Deutschland, Frankreich, England, Österreich und die Niederlande) durch. Dabei lagen sie nicht nur in der Teamwertung deutlich vorne, sondern sicherten sich noch sechs weitere Medaillen in den Einzelwertungen – Silber für Jaun und Bronze für Mathys. Die beiden Bernerinnen verdanken diese Topergebnisse unter anderem auch ihrem Coach Mirko Zürcher, der teilzeitlich als Fachlehrer am Ausbildungszentrum der Schweizer Fleischwirtschaft (AZB) in Spiez tätig ist. Die beiden Europameisterinnen können ihr grosses Know-how ebenso auf die profunde Aufbauarbeit in ihren Lehrbetrieben – der Metzgerei Jaun in Neuenegg BE sowie der Metzgerei Schlüchter in Dürrenroth BE – zurückführen. Eine siebenköpfige internationale Fachjury bewertete die Arbeiten in sechs anspruchsvollen Disziplinen. In der Jury vertreten war auch der Schweizer Fachlehrer Silvan Stöckli. CR