Publiziert am: 08.08.2014

Drucker stehen unter starkem Druck

THOMAS GSPONER – Die grafische Industrie steckt in einer Krise. Der Direktor des Branchenverbands Viscom ist sich aber sicher, diese überwinden zu können – auch dank Flexibilisierung.

Schweizerische Gewerbezeitung: Die grafische Industrie in der Schweiz befindet sich nach Ihren Worten nach wie vor in der Krise. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

n Thomas Gsponer: Die grafische Industrie steckt in einem tiefen strukturellen Wandel. Die Hauptursachen sind erstens technische Veränderungen, das Aufkommen des Internets sowie die Konkurrenzierung vom Print durch Online- und Mobilmedien. Diese Veränderungen haben dazu geführt, dass der Markt für Printprodukte und Druckerzeugnisse an Volumen und an Nachfrage verlor. Zweitens ist heute primär eine crossmediale Kommunikation gefragt. Print nimmt in diesem Umfeld eine zentrale Rolle ein. Dazu kommt die Öffnung des Printmarkts. Es ist problemlos möglich, Daten über die Grenzen zu verschieben und Printprodukte im Ausland herstellen zu lassen. Wir spüren einen massiven Druck vom Ausland. Dieser wurde verschärft durch den schwachen Euro. Der Import steigt ständig und die Exporte sind auf ein Minimum zurückgegangen. Drittens haben wir grosse Überkapazitäten. Sie führen zu einem enormen Preiswettbewerb und dadurch zu Rentabilitätsproblemen.

Weshalb nehmen Printprodukte nach wie vor einen wichtigen Stellenwert ein?

n Viele Studien beweisen, dass Print­erzeugnisse nachhaltiger und vielschichtiger wirken. Sie sprechen mehr Sinne – seien es die Haptik oder der Geruchssinn – an, als dies bei Online- oder Mobilkommunikation der Fall ist. Die Farben wirken in ­einem Printprodukt mindestens genauso gut oder sogar besser als bei Onlinemedien.

«Das Internet und die Konkurrenzierung durch Online drängen uns in die Krise.»

Die Wertschöpfung der Branche ist seit Jahren im Sinkflug, sie ist seit dem Jahr 2000 um 30 Prozent gesunken. Weshalb diese dramatische Entwicklung?

n Dies hat mit dem Nachfragerückgang und der erhöhten Konkurrenzierung durch Online- und Mobilkommunikation zu tun. Trotz diesem dramatischen Rückgang versuchen wir das Positive zu sehen. Unsere Branche erzielt nach wie vor einen Umsatz von rund 10 Milliarden Franken, verfügt über 20 000 Arbeitsplätze, rund 1100 Unternehmungen und 2000 Lernverhältnisse. Die Zahl der Arbeitsplätze hat sich innerhalb von 20 Jahren halbiert und bei den noch vorhandenen Firmen findet ein enormer Konzentrationsprozess statt. Volkswirtschaftlich haben wir aber eine grosse Bedeutung, trotz der Tatsache, dass wir an Substanz verloren haben. Wir sind Teil der Wachstumsbranche Kommunikation. Viele unserer Betriebe sehen sich nicht mehr als reine Printunternehmen, sie bezeichnen sich als Medienhäuser und Kommunikationsunternehmen.

Welches ist die grösste Herausforderung, der die grafische Industrie in den kommenden Jahren begegnen wird?

n Der Druck aus dem Ausland. In der Schweiz haben wir komparative Kostennachteile, die vor allem durch die hohen Lohnkosten zustande kommen. Die Produktion teilweise ins Ausland zu verlagern, kommt für uns aber nicht in Frage. Wir wollen Integrität schaffen und dafür sorgen, dass alle Produktionsstufen – das heisst die Vorstufe, der Druck sowie auch die Weiterverarbeitung – alle in einem Betrieb durchgeführt werden können. Allerdings dürfen sich die Rahmenbedingungen nicht mehr weiter verschlechtern.

Während die grafische Industrie in der Schweiz schrumpft, konnte die Branche etwa in Bulgarien deutlich zulegen. Welches sind die Gründe für diese Verlagerung des Druckgeschäfts nach Osten?

n Die Märkte verschieben sich von West- nach Osteuropa. Osteuropa ist uns voraus. Man arbeitet zwar mehr oder weniger mit derselben Technologie, wie wir sie hier in der Schweiz kennen, hat aber tiefere Produktionskosten, vorab tiefere Lohnkosten. Somit ist der Osten preislich klar und deutlich wettbewerbsfähiger. Und Printprodukte sind relativ einfach austauschbar.

Wie kann die Schweiz hier verlorene Marktanteile zurückholen?

n Für unsere Betriebe bedeutet das, dass sie noch innovativer sowie wettbewerbsfähiger werden und höhere Wertschöpfungen generieren müssen. Wir müssen uns als Dienstleister sehen und noch besser auf die Kundenbedürfnisse eingehen. Auch eine Modernisierung der Sozialpartnerschaft wäre von Vorteil. Es braucht zudem eine grössere Flexibilisierung der Arbeitsmarktbedingungen.

Viscom hat das Label «Printed in Switzerland» kreiert. Mit welchem Ziel?

n «Printed in Switzerland» ist ein klares Bekenntnis zum Produktions­standort Schweiz. Man schafft damit eine gewisse Identität und ein klares Bekenntnis zur Swissness. Weiter schafft man mit dieser Ursprungsbezeichnung auch eine Differenzierung zu Produkten aus dem Ausland. Wenn «Printed in Switzerland» draufsteht, kann man als Kunde davon ausgehen, dass die Dienstleistung tatsächlich in der Schweiz erbracht und die Mittel sinnvoll eingesetzt wurden. Verbunden ist das neue Label auch mit einer Imagekampagne, die im Herbst lanciert wird. Sie soll dazu dienen, das Label bekannter zu machen. Wir schaffen positive Assoziationen zwischen Marken mit hoher Anerkennung und dem Produktionsstandort Schweiz. Bei der Kampagne dabei sind beispielsweise Coop, Victorinox, Ragusa Die Mobiliar, Rivella und Raiffeisen.

Nachhaltigkeit ist ein zunehmend wichtiges Thema. Wie steht es in der grafischen Branche darum?

n Printprodukte in der Schweiz werden nachhaltig hergestellt. Wir haben in der grafischen Branche ein Nachhaltigkeitskonzept eingeführt, welches auf Sozialpartnerschaft und dem Gesamtarbeitsvertrag basiert. Wir ­haben klare ökologische Kriterien ­definiert. Dazu gehören das klima­neutrale Drucken und die Senkung des CO2-Ausstosses.

Um Lehrlinge auf Ihre Branche «gluschtig» zu machen, gibt’s neu den Beruf «Interactive Media Designer». Was muss man sich darunter vorstellen?

n Mit diesem neuen Berufsbild wollen wir unseren Betrieben den Eintritt in die crossmediale Welt erleichtern. Der «Interactive Media Designer» beherrscht die verschiedenen Medien und kennt sich mit Apps, Internet, Fernsehen, Fotografie, Video aber selbstverständlich auch Print aus. Es gibt den Beruf schon länger in der Westschweiz, allerdings nicht als ­duale Ausbildung, sondern rein schulisch. Ab Herbst wird er erstmals im dualen System ausgebildet. Das neue Berufsbild ist eine Antwort auf die strukturellen Veränderungen in der grafischen Branche.

Interview: Stéphanie Jenzer

zur person

Thomas Gsponer (56) ist seit acht Jahren Direktor des Branchenverbands der grafischen Industrie Viscom. Nach dem Studium und der Promotion der Volkswirtschaftslehre arbeitete Gsponer bei der UBS und war Direktor der Wirtschaftsförderung im Ober­wallis. Anschliessend fungierte er 
15 Jahre lang als Direktor der Walliser Industrie- und Handelskammer.

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Thomas Gsponer (56) ist seit acht Jahren Direktor beim Branchenverband der grafischen Industrie Viscom. Nach dem Studium und der Promotion der Volkswirtschaftslehre arbeitete Gsponer bei der UBS und war Direktor der Wirtschaftsförderung im Oberwallis. Anschliessend fungierte er 15 Jahre lang als Direktor der Walliser Industrie- und Handelskammer.