Publiziert am: 07.06.2019

Ein Sommer mit grossen Fragezeichen

Noch haben die Parteien sechs Wochen Zeit, um sich intern auf die kommenden Herbstwahlen vorzubereiten. Während die Gesichtsfarbe der FDP Schweiz eine grünliche Färbung angenommen hat, was wohl auf dem Schreck beruht, den die stürmische Kurvenfahrt ihrer Parteipräsidentin ausgelöst hat, bohrt sich die SVP nach etlichen Niederlagen in den Gräben der EU- und Migrantenfeindlichkeit ein. Daran wird sich nichts ändern, denn in der nicht enden wollenden «Ära Blocher» hat sie mit keinem anderen Programm mehr Stimmen machen können.

Unser Bundesrat, neu, wie er zusammengesetzt ist, zeigt sich mehr denn je als Spielball der Parteien, wo der persönliche Ehrgeiz der Magistratinnen darüber entscheidet, welche politische Schlagseite das Departement in seinen Entscheiden nimmt.

Weil man von der CVP Schweiz nichts mehr erwarten darf, profilieren sich Grüne und Grünliberale mit kaum erkennbaren politischen Zielen, die den Wähler nur eines kosten werden: viel Geld. Die SP Schweiz, den rasch ablaufenden Untergang ihrer deutschen Partnerpartei vor Augen, rafft sich zu kämpferischen Ankündigungen auf, deren Umsetzung die jetzige Parteiführung nicht mehr erleben wird.

Insofern ist auf der politischen Bühne vieles klar geworden: Alles rennet, rettet, flüchtet, niemand ist dem Volk verpflichtet. Ja, dieses Volk, ganz ausser Rand und Band, löst bei den bürgerlichen Parteien Überlebens- und Bestandsängste aus, war es doch bisher so schön, wenn nur wenige zur Urne gingen und darunter möglichst die eigenen Parteifreunde.

Dieses, in seinen Sorgen und Ängsten um die eigene Zukunft und die seiner Kindeskinder, klammert sich an die Reste seiner Sicherheiten: Eine Wohnung oder ein Haus von den Eltern oder Grosseltern, ein wenig Erspartes, weil von der Bank ohnehin kein Geld in Form von Zinsen mehr kommt. Die Männer arbeiten weit mehr und länger, als es die Gesamtarbeitsverträge erlauben. Wer als Frau noch keinen Job hat, sucht sich einen. Wie soll man sonst als achtbarer und gut verdienender Schweizer dastehen?

Die alten Flaggschiffe der Schweizer Wirtschaft, die noch verbliebenen zwei Grossbanken, sind international fast bedeutungslos geworden. Einige wenige Kantonalbanken verdienen noch gutes Geld, viele aber schon weniger. Über Raiffeisen schwebt der Schatten von Pierin Vincenz und neue Lichtgestalten sind bisher nicht erkennbar.

Sogar die Migros muss sparen und entlässt Mitarbeiter. Offensichtlich hat man die Anpassungen an die Gegenwart weniger rasch geschafft als Coop. Aber alle, auch die Fenaco/Volg, leben noch vom politischen Landesschutz, der eigene Produkte ausländischen gegenüber begünstigt. Donald Trump könnte es nicht besser machen.

Was bleibt von der wirtschaftlichen Weltmacht Schweiz? Die pharmazeutische und die chemische Industrie erfreut die Aktionäre und die Standort-Regierungen. Wen aber sonst?

Die Pharma- und Chemiehauptstadt Schweiz, Basel, bietet zunehmend ein groteskes Bild: Auf der einen Seite die beiden Weltkonzerne Novartis und Roche, dazu einige kleinere Firmen. Auf der anderen Seite ein Basler Bürgertum, das zusehends an Selbstvertrauen verliert. Basel, trotz seiner gewaltigen Museen und Ausstellungshäuser, sieht zunehmend alt und oft ärmlich aus. Auch die Bevölkerung.

Es ist, im Gegensatz dazu, der Kampfgeist der besten KMU- und Gewerbebetriebe, der die weltberühmte «Schweizer Art», modisch «Swissness» genannt, verkörpert. Während vierzig Prozent des Schweizer Volkes einen Abwehrkampf gegen Ausländer und Migranten führen, sind die grossen Firmen längst genau an diese Ausländer verkauft: Russen, Araber, Chinesen, Deutsche, Holländer. Es waren die alten Schweizer Familien, die daraus grosse Gewinne gezogen haben.

Ich denke also, wir haben noch genügend harte Köpfe, Frauen wie Männer, die auch ohne eigentliche Sprachkenntnisse, wie Ueli Maurer dies in der amerikanischen Hauptstadt Washington D.C. glanzvoll bewiesen hat, unsere Anliegen durchzusetzen wissen.

Aus der Sicht des Auslands: Was ist das nur für ein grossartiges Volk in den europäischen Alpen, dessen Sprachen wir nicht verstehen, die auch uns nicht verstehen, und die dennoch einigermassen wohlhabend geworden sind!

Deshalb haben wir die Sommerferien 2019 redlich verdient. Hinein in das Flugzeug; um das CO2 mögen sich die Inder und Chinesen kümmern.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon (ZH)

www.stöhlker.ch