Publiziert am: Freitag, 6. April 2018

Einkaufen und tanken fast rund um die Uhr

VTSS – Während der Detailhandel gesamthaft in den letzten Jahren kaum vom Fleck kam, ziehen Tankstellen und -shops mit ihren vorteilhaften Öffnungszeiten und guten Parkmöglichkeiten die Kunden an.

Die erste Tankstelle im heutigen Sinn nahm 1907 in Seattle ihren Betrieb auf, und 1917 stellte Standard Oil of Indiana einen Einheitstyp von Tankstellen vor: mit Zapfsäulen, Dach, Kassenhäuschen und dem Preismast an der Strasse. In Abwandlung besteht dieser Tankstellentyp noch heute – und doch ist natürlich alles ­anders. Mit dazu beigetragen haben auch der Siegeszug der Tankstellenshops und der Trend, zu jeder Tages- und Nachtzeit einkaufen zu können.

Drei Viertel des Treibstoffs 
fliessen an Tankstellen mit Shops

Anfang 2018 wurden in der Schweiz laut einer Erhebung der Erdöl-Vereinigung knapp 3400 öffentlich zugängliche Markentankstellen gezählt. Rund 1300 Tankstellenshops boten ihren Kunden die Möglichkeit, ihre Einkäufe mit dem Tanken zu verbinden. Die Vorteile dieser Dienstleistung zeigen sich deutlich: Die Tankstellen mit Shop trugen im vergangenen Jahr 73 Prozent zum gesamten Treibstoffabsatz bei, und an Standorten mit einer grösseren Shopfläche wurde auch wesentlich mehr Treibstoff getankt.

Dementsprechend sind die Tankstellenshops auch ein wichtiger Wettbewerbsfaktor unter den Markengesellschaften. «Der Standort ist neben dem Treibstoffpreis der wichtigste Faktor für den Erfolg eines Tankstellenshops», erklärt Ueli Bamert, Geschäftsführer des Verbands der Tankstellenshop-Betreiber der Schweiz VTSS. «Entsprechend umkämpft ist der Markt für gute Standorte. Wir stellen folglich seit einigen Jahren eine Konsolidierung fest – neue ­Tankstellenshops werden nur noch vereinzelt gebaut, dafür wird das ­Angebot an bestehenden Standorten tendenziell ausgebaut.»

Öffnungszeiten als Hauptvorteil

Der grösste Vorteil der Tankstellenshops gegenüber dem restlichen Detailhandel liegt in den vorteilhaften Öffnungszeiten, etwa sonntags oder spät abends. Auch die gute Erreichbarkeit und die optimalen Parkmöglichkeiten sind ein grosses Plus. Bamert sagt dazu: «Ganz generell betrachten wir unsere Branche als einen Vorreiter für das Konsumverhalten einer Gesellschaft, die immer flexibler wird.»

Gleichzeitig gehört die Aufrechterhaltung der vorteilhaften Öffnungszeiten auch zu den grössten Herausforderungen der Branche. Der VTSS konstatiert immer wieder Versuche, hier Einschränkungen einzuleiten und den Shops Steine in den Weg zu legen. In weiten Teilen der Bevölkerung findet dieses Vorgehen wenig Unterstützung, denn die Menschen wissen die flexiblen Öffnungszeiten zu schätzen oder sind sogar darauf angewiesen, weil sie selber aussergewöhnliche Arbeitszeiten haben oder viel unterwegs sind.

Bamert sagt dazu, dass die Kundschaft auch einen Querschnitt der Gesellschaft darstelle. Und dazu gehörten eben nicht nur Autofahrer. Je nach Standort müsse ein Shop zum Beispiel am Wochenende auch auf die Bedürfnisse von Velofahrern oder Wanderern vorbereitet sein.

Frisch, regional, biologisch

Ein sichtbarer Trend in den Shops ist die Aufwertung des gastronomischen Angebots. Aus der schlichten «Kaffee-Ecke» wird vielerorts ein modern gestalteter Bereich, in dem sich Reisende und Pendler gerne aufhalten. Die Angebotspalette wird ausgebaut, und Shop-Betreiber legen Wert auf frisch zubereitete, regionale und biologische Produkte.

Die «Tankstelle der Zukunft»

Doch nicht nur das veränderte Einkaufsverhalten fordert die Branche, auch der sinkende Kraftstoffverbrauch, neue Antriebssysteme und die gestiegene Mobilität treiben den Wandel. Ueli Bamert sieht die «Tankstelle der Zukunft» denn auch als ­einen Rundum-Dienstleister im Mobilitätsbereich. Mit Dienstleistungen für diejenigen, die ihr Elektrofahrzeug laden, mit einem ausgebauten Gastronomieangebot und einer ganzen Palette an modernsten Treibstoffen. Und er ergänzt: «Wäre es nicht praktisch, man könnte künftig etwa sein Postpaket auf dem Heimweg abgeben oder abholen?»

Patrick Gunti

DAS IST DER VTSS

Ein noch junger Verband

Der Verband der Tankstellenshop-Betreiber der Schweiz VTSS setzt sich für günstige Rahmenbedingungen für die Tankstellenshops in der Schweiz ein. Diese geniessen aufgrund der Tatsache, dass sie in der Regel am Sonntag und teilweise in der Nacht geöffnet haben, eine Sonderstellung im Detailhandel. Mitglied beim VTSS sind die einzelnen Shops bzw. deren Betreiberfirmen, meist Franchisenehmer der grossen Mineralölgesellschaften.

Derzeit zählen rund 700 Shops zu den Mitgliedern des VTSS. Vertreten sind dabei ­praktisch alle bekannten Brands, einige mit mehr Shops, andere mit weniger.

Der VTSS ist ein junger Verband, der seinen Hauptfokus bis anhin auf die Verhandlung des GAV gesetzt hat. Daher stehen derzeit ­insbesondere mit dem GAV verbundene Dienstleistungen wie Beratung, Vermittlung oder Information im Vordergrund. Daneben führt der Verband im Bereich Jugendschutz (Alkohol und Tabak) auch Schulungen, Testkäufe und eine Informationskampagne durch. Mittelfristig, d.h. wenn der GAV in der Branche eingeführt und akzeptiert worden ist, wird der Verband sein Dienstleistungsportfolio weiter ausbauen.

JOBS AN TANKSTELLEN

«Fortschrittliche und faire Arbeitgeber»

Schweizerische Gewerbezeitung:Seit dem 1. Februar 2018 gilt für die Angestellten von Tankstellenshops ein neuer GAV. Welche Bedeutung hat dieser für die Branche?

Ueli Bamert: Der GAV ist für unsere Branche zentral, denn er führt erstens zu einem guten Einvernehmen mit den Sozialpartnern, er sorgt zweitens für gleich lange Spiesse ­zwischen den Marktteilnehmern und drittens verbessert er das Ansehen der Branche in der Öffentlichkeit: Tankstellenshopbetreiber sind faire und fortschrittliche Arbeitgeber, die sich an die Spielregeln halten!

Welche Verbesserungen bringt der GAV mit sich?

Der GAV bringt Mindestlöhne, Vorgaben für Ferien und Feiertage, einen 13. Monatslohn, einen Lohnzuschlag für Sonntagsarbeit und weitere arbeitsrechtliche Verbesserungen. Aufgrund der ausgeprägten Fragmentierung der Branche liegen noch keine genauen Zahlen zu den Angestellten vor. Wir gehen aber von ca. 13 000 – 14 000 Angestellten aus.

Wie hoch sind die festgelegten Mindestlöhne?

Wir haben zwei Lohnkategorien festgelegt: In den meisten Kantonen erhalten Ungelernte 3700 Franken, Angestellte mit einer zweijährigen Lehre 4000 Franken und solche mit einer dreijährigen Lehre 4100 Franken. In ­einigen vom Tank-Tourismus besonders betroffenen Grenzkantonen liegen die drei Kategorien je 100 Franken tiefer. Für den Kanton Tessin gelten gemäss Bundesratsentscheid keine Mindestlöhne.Interview: pg