Publiziert am: 22.01.2016

«Es braucht Berufslehre und Gymnasium»

Bildung – Die Berufsbildung steht mit der Gleichwertigkeit vor einer grossen Herausforderung. Handlungsbedarf besteht aber auch bei der Finanzierung und den Titelvergaben in der höheren Berufsbildung HBB – der sgv setzt sich vehement dafür ein.

«Tages-Anzeiger»-Kolumnist Andreas Pfister betrachtete die Berufslehre mit einem kritischen Blick. In fünf Thesen verteidigte der Gymnasiallehrer den unter Druck geratenen akademischen Weg. Seiner Meinung nach braucht es mehr Hochqualifizierte. Die Schweiz bilde nur einen Teil ihrer Hochqualifizierten selber aus und müsse dies vermehrt selber tun. Dabei gehe es ihm um die Wettbewerbsfähigkeit. Eine Fachkräfte-Initiative solle in erster Linie eine Bildungsoffensive sein. Diese umfasse allerdings sowohl die gymnasiale als auch die Berufsmaturität: «Es braucht beides: Sowohl die gymnasiale als auch die berufliche Maturitätsquote sollte erhöht werden. Berufsmaturität und Fachhochschulen haben den dualen Weg zusätzlich zur höheren Berufsbildung aufgewertet», so Pfister. ­Allerdings dürfe das Wachstum der Berufsmaturität nicht zulasten des Gymnasiums gehen. «Beide können wachsen, unter den Jugendlichen gibt es Potenzial genug», sagte Pfister. Die Berufsmaturität sei ein starkes Konzept – trotzdem müssten kritische Fragen erlaubt sein.

Handwerklicher Aspekt

Als Vollblutvertreter der Berufslehre diskutierten Simon Hämmerli, Direktor des Verbands Schweizer Elektro-Installationsfirmen VSEI, sowie der Unternehmer Livio Coduri. Für Hämmerli gibt es in jedem Beruf hochqualifizierte Fachkräfte. Allerdings müsse man, um dem Problem der zu wenig qualifizierten Lernenden abzuhelfen, den Weg der Berufsprüfung und höheren Fachprüfung ebenso bewerben wie einen Universitätsabschluss. «Wir verlieren die Werterhaltung des handwerklichen Aspektes. Dieser sollte in der Grundschule wieder mehr einfliessen», forderte Hämmerli. In dieselbe Kerbe schlug Coduri, wenn er die Qualitätsanforderungen erhöhen will, um die Imageprobleme der Berufslehre zu mindern. Dabei verwies er auf Deutschland, das den Beruf des Pflästerers aus Mangel an Interessen abgeschafft hat. «Dies hat riesige finanzielle Schäden angerichtet, denn ein Strassenbauer ist kein Pflästerer.»

Christine Davatz, sgv-Vizedirektorin und Bildungsverantwortliche, hob den grossen Stellenwert der höheren Berufsbildung HBB im dualen Berufsbildungssystem hervor. Dabei ver-wies sie aber auch auf die zahlreichen Lippenbekenntnisse, welche ­eine effiziente Weiterentwicklung massiv behindern: «Das Ausland ­bewundert zwar unsere Grundbildung, die ebenso wertvolle HBB ist immer noch unbekannt. Ihre Titel sind kaum verständlich und die bessere Finanzierung ist trotz der lobenden Worte von Bundesrat Schneider-Ammann noch längst nicht gesichert.» Der sgv werde sich auf jeden Fall dafür einsetzen, dass das neue Finanzierungssystem nicht zulasten der Trägerorganisationen respektive der Organisationen der Arbeitswelt OdA gehe, versprach Davatz. «Die Lösungssuche muss schneller angegangen werden als geplant», so Davatz. Im Namen der Gleichwertigkeit setze sich der sgv auch weiter für die schon so lange geforderten zusätzlichen 400 Millionen Franken für die HBB ein. In der Titelfrage kämpfe der sgv ebenso weiter: «Wir prüfen zurzeit mit den umliegenden deutschsprachigen Ländern, ob wir nicht über die EU zu den adäquaten Titeln kommen», so Davatz.

Berufslehre hat Zukunft

Am Podium war man sich einig, dass der Nachwuchs künftig gut ausgebildet sein müsse. Für Josef Widmer, stellvertretender Direktor des Staatssekretariates für Bildung, Forschung und Innovation SBFI, hat die Berufslehre eine Zukunft mit viel Poten­zial: «Auch wenn sich Berufe im Trend der Digitalisierung verändern, können sie sich gut anpassen, gerade weil sie nahe am Arbeitsmarkt sind.» Für ihn ist allerdings eine gute Berufswahlvorbereitung zentral, gerade um den Mangel an qualifizierten Lernenden zu beheben. «Ab der 6. Klasse brauchen wir eine gute Berufswahlvorbereitung, damit die Schulabgänger nach ihrer Eignung und ihren Neigungen am richtigen Ort Karriere machen können», ist auch Adrian Wüthrich, Präsident travailsuisse überzeugt.

CR