Publiziert am: 07.10.2022

«Es braucht das Momentum»

HANS-ULRICH BIGLER – Der sgv-Direktor und Präsident des Nuklear­forums ist überzeugt, dass Kernkraft auch in Zukunft einen wichtigen Bei­trag zur Stromversorgung leisten kann. Hierfür müsse das Neubauverbot für Kernkraftwerke fallen. Die Frage sei, wann diese Forderung eine Mehrheit findet.

Schweizerische Gewerbezeitung: Vor Kurzem hat die Nagra ihren Entscheid bekannt gegeben, das Endlager für radioaktive Abfälle in «Nördlich Lägern» zu realisieren. Was bedeutet dieser Entscheid für die Zukunft der Kernkraft in der Schweiz?

Hans-Ulrich Bigler: Eine unmittelbare Auswirkung auf die Kerntechnologie hat er nicht. Erfreulich ist, dass der Zeitplan für diesen Entscheid eingehalten wurde und wir damit «on track» sind.

Der Nebelspalter titelte unlängst in einem Artikel: «Das Problem der radioaktiven Abfälle wird überschätzt». Was halten Sie von dieser Aussage?

Sie stimmt. Eine Präzisierung ist aber nötig: Die Abfall-Problematik wird nicht nur überschätzt, sie ist vielmehr gelöst – und zwar auf streng wissenschaftlicher Basis. Wir wissen nun endlich auch, wo der beste Ort für die Entsorgung ist.

Nichtsdestotrotz dürften die wenigsten Einwohner der betroffenen Region vom Nagra-Entscheid begeistert gewesen sein. Haben Sie dafür Verständnis?

Ich kann den Unwillen nachvollziehen. Der Bau des Endlagers verursacht Immissionen, welche unangenehm sind. Sicherheitstechnisch ist es aber unbedenklich. Klar ist auch, dass die betroffenen Eigentümer und Gemeinden entschädigt werden müssen.

Gleichzeitig muss man feststellen, dass es erstaunlich ruhig blieb, wenn man bedenkt, dass es sich um einen Jahrhundert-Entscheid handelte. Wie schätzen Sie diese «laute Stille» der Kernkraftgegner ein? Reift etwa auch bei ihnen die Erkenntnis, dass es ohne Kernkraftwerke (KKW) kaum gehen dürfte? Oder anders gefragt: Spüren Sie derzeit einen breiten Aufwind für die Kernenergie?

Die jüngste Umfrage des Nuklear-forums zeigt, dass eine Mehrheit der Schweizer die weitere Nutzung der Kernenergie befürwortet. Wir spüren also den Aufwind. Dass es um den Nagra-Entscheid ruhig blieb, hängt aber nicht damit zusammen, sondern hat andere Gründe. So hat sich die Politik von links bis rechts einst dafür ausgesprochen, die Abfälle im Inland zu entsorgen. Darüber herrscht ein breiter Konsens. Zudem war das Verfahren völlig transparent, und die zuständigen Behörden waren mit den Gemeinden ständig im Gespräch.

Die Entsorgungs-Problematik, welche nun gelöst ist, hätten wir übrigens sowieso, selbst wenn wir keine neuen Kernkraftwerke mehr bauen würden. Das Abfall-Argument der Gegner ist also vorgeschoben.

In der Herbstsession gab es viele Beschlüsse zum Ausbau der Solarenergie und der Wasserkraft. Von der Kernenergie hörte man wenig. Woran liegt das?

Solange der Neubau von KKW gesetzlich verboten ist, kann die Politik hierzu nichts beschliessen. Und für eine Laufzeit-Verlängerung braucht es keine Gesetzesanpassung. Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) überprüft die Sicherheit ständig und entscheidet. 60 Jahre dürfen die KKW derzeit laufen, also bis etwa 2040 – je nach Baujahr.

Der Schweizerische Gewerbeverband sgv hat der Energiestrategie 2050 zugestimmt und damit auch diesem Neubauverbot. War die Zustimmung im Nachhinein ein Fehlentscheid?

Nein. Es war damals eine Güterabwägung, wie meistens in der Politik. Der sgv unterstützte den Ausbau der neuen erneuerbaren Energien, um die Klimaziele von Paris zu erreichen. Das Neubauverbot war die Kröte, die wir schlucken mussten.

Welche politischen Schritte sind nun notwendig, damit Kernkraft eine Zukunft hat?

Kurzfristig setzt sich der sgv dafür ein, dass mehr Mittel für die Forschung unter anderem im Bereich der Kerntechnologie zur Verfügung gestellt werden, zum Beispiel der ETH oder dem Paul Scherrer Institut. Dies fordern wir im Rahmen der bundesrätlichen Botschaft zur Förderung von Bildung, Forschung und Innovation (BFI).

Ausserdem muss alles dafür getan werden, dass der Langzeitbetrieb der KKW sicher und sichergestellt ist.

In einem weiteren Schritt muss das Neubauverbot fallen. Es gab hierzu politische Vorstösse, doch diese scheiterten. Die Frage ist, wann diese Forderung eine Mehrheit findet. Es braucht hierzu wohl das politische Momentum. Die Herbstsession hat gezeigt, dass es sehr schnell gehen kann, wenn die Lage – wie derzeit beim Strom – ernst ist. Stichwort: Erhöhung der Grimsel-Staumauer. Das Problem mit dem fehlenden Strom wird uns zudem mehrere Jahre beschäftigen.

Kritiker würden sagen, das Volk habe sich für das Neubauverbot entschieden. Jetzt ist es so.

Es hat entschieden, richtig. Das Volk hat mit der Annahme der Energiestrategie 2050 aber gleichzeitig einem Ende der Subventionen für erneuerbare Energien bis 2025 zugestimmt. Die Politik hat nun aber entschieden, dass diese bis 2030 weiterlaufen. Und ich prognostiziere, dass es nochmals eine Verlängerung geben wird. Wenn die Politik in der Subventions-Frage so flexibel ist, müsste sie es in der Neubau-Frage doch ebenfalls sein.

Sowieso erwarte ich vom Bundesrat schon länger, dass er die Energiestrategie 2050 endlich überarbeitet. Beim Zubau der Erneuerbaren und bei der Energieeffizienz sind wir längst nicht mehr im Zeitplan.

Gegner der Kernkraft argumentieren beispielsweise, dass Uran – wie Gas auch – ebenso aus Russland komme. Zudem waren nach Fukushima viele Menschen in Panik und hatten Angst davor, dass Ähnliches auch in der Schweiz passieren könnte. Was antworten Sie darauf?

Erstens: Panik ist immer ein schlechter Ratgeber. Nach Fukushima wurde keine saubere Analyse der Ursachen durchgeführt. Entsprechend überhastet fiel anschliessend der Ausstiegsentscheid. Eine Flutwelle kappte Stromleitungen, was zu einem Druckabfall und zur Kernschmelze führte. Eine Flutwelle also, wie sie in der Schweiz gar nie vorkommen könnte.

Zweitens: Es gibt viele Uran-Abbaugebiete auf der ganzen Welt, zum Beispiel in Kanada und Australien. Man könnte also von dort importieren, das wäre kein Problem. Wenn jedoch langfristige Lieferverträge mit Russland bestehen, müssen diese eingehalten werden, ansonsten werden Konventionalstrafen fällig.

Der sgv plädiert für Technologie-Neutralität. Weshalb?

Sie ist die Voraussetzung dafür, dass wir genügend sauberen, sicheren und günstigen Strom haben, was für unsere Wirtschaft entscheidend ist. Kernkraft leistet einen sehr wichtigen Beitrag zur Versorgung und hat viele Vorteile. Sie ist CO2-arm, braucht vergleichsweise wenig Platz und liefert zuverlässige Bandenergie im Winter. Der Weltklimarat sieht das ähnlich. Er hat 2018 in Polen verkündet, dass wir auf Strom umstellen müssen, um das 1,5-Grad-Ziel bei der Erderwärmung zu erreichen. Und dass Kernenergie einen wesentlichen Beitrag zur Stromversorgung leisten kann. Vor diesem Hintergrund bezeichnet die EU die Kernkraft neuerdings auch als grünen – also sauberen – Strom.

Aus Öl und Gas wollen wir aussteigen. Stichwort: Dekarbonisierung. Der Stromhunger wird deshalb weiter steigen, sei es beispielsweise im Rahmen der Elektromobilität oder der Digitalisierung. Wie soll das ohne Kernkraft funktionieren?

«Sparen» geht irgendwann auch nicht mehr. Die Schweiz hat ihre Energieintensität, das heisst verbrauchte Kilowattstunde pro BIP-Franken, in den letzten rund zehn Jahren um gut 20 Prozent reduziert. Wir sind diesbezüglich von allen entwickelten Wirtschaften nach Irland auf Platz 2. Das ist das Verdienst der Wirtschaft.

Natürlich sollen die Erneuerbaren ausgebaut werden, aber da geht es eben zu langsam.

Sie sprechen im Zusammenhang mit dem Neubauverbot auch von einem Technologieverbot. Wie hängt das zusammen?

Durch das Neubauverbot lohnt sich die Forschung im Kernbereich viel weniger. Es beginnt an Nachwuchs in der Branche zu mangeln. Interessierte Studenten überlegen sich zweimal, ob sie in diesem Bereich studieren wollen, wenn sie in der Zukunft fürchten müssen, keine Arbeitsstelle zu finden. Das kommt einem Verbot gleich.

Dabei gäbe es viele gute neue Technologien im Kernbereich, zum Beispiel Small Modular Reactors (SMR), also «kleine modulare Reaktoren». Diese sind nicht so gross wie zum Beispiel das KKW Gösgen und auch nicht so teuer. Deren Bau würde etwa 700 bis 800 Millionen Franken kosten – also keine Milliarden.

Präsident Macron in Frankreich setzt beispielsweise auf diese Technologie. Das Neubauverbot führt dazu, dass die Schweiz ins Hintertreffen gerät und unser ganzes Know-how im Bereich Kernenergie abwandert – und im Übrigen auch Wertschöpfung und Arbeitsplätze. Im Gegenzug beziehen wir Strom aus französischen KKW, weil wir sehen, dass es ohne nicht geht. Dabei wollten wir durch die Energiestrategie 2050 weniger abhängig vom Ausland werden, was ich grundsätzlich begrüsse.

Oder wir stellen Gaskraftwerke auf – wie in Birr. Richtige Dreckschleudern also, die den Klimazielen klar widersprechen. Ob das nur temporär sein wird, darf übrigens bezweifelt werden. Das kann es doch nicht sein!

Interview: Rolf Hug

Nuklearforum

Friedliche Nutzung

Hans-Ulrich Bigler ist Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands sgv sowie Präsident des Nuklear-forums Schweiz und ebenso im Vorstand von nucleareurope. Das Nuklearforum setzt sich für die friedliche Nutzung und weitere Entwicklung der Kernenergie in der Schweiz ein. Es berichtet über die neuesten Innovationen und Entwicklungen der Kernenergie weltweit und stellt diese Informationen für Fachleute aus Lehre, Wirtschaft und Verwaltung; für Politiker in Bund, Kantonen und Gemeinden; für Fach- und Publikumsmedien sowie alle Interessierten zur Verfügung.

www.nuklearforum.ch

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