Publiziert am: Freitag, 19. Juni 2015

«Es ist fast wie im Arbeitsalltag»

WORLDSKILLS SÃO PAULO 2015 – Michael Bösch ist die Medaillenhoffnung von suissetec an den Berufsweltmeisterschaften. Zurzeit absolviert der Sanitär- und Heizungsinstallateur fleissig nationale und internationale Trainings, um in Topform zu kommen.

Im Soussol des Bildungszentrums ­Lostorf, wo normalerweise suissetec-Gebäude­techniker die Schul- und Werkbank für eine höhere Bildung bis zur Meisterprüfung drücken, geht es nicht nur wegen der hochsommerlichen Temperaturen heiss zu und her. Da wird gepresst, gelötet, gebogen und geschraubt, was das Zeug hält. Michael Bösch hat alle Hände voll zu tun: «Üben, üben und nochmals üben», heisst sein Moto für diesen Sommer. Experte Florian Müller und Chefexperte Markus Niederer stehen ihm mit Rat und Tat zur Seite. Drei Monate vor dem Wettkampf – zu dem übrigens Tausende von Zuschauern erwartet werden – wird das Wettbewerbsprojekt vorgestellt. Allerdings werden 30 Prozent der Aufgabe erst einen Tag zuvor bekannt gegeben. «Ich erhalte einen Plan und muss daraus einen Materialauszug erarbeiten», erklärt der junge Berufsmann. «Konkret heisst dies, ich muss genau berechnen, wieviel Material ich brauche, so dass ich dann beim Arbeiten nicht Komponenten nachbestellen respektive zurückgeben muss.»

«Beim Kreativteil könnten beispielsweise ein Handtuchradiator verlangt und eine Bodenheizung nach bestimmtem Muster installiert werden», mutmasst der Gebäudetechniker. «Die Berechnung von Leistung und Rohrlänge könnten gefordert werden.» Eine Heizungsinstallation mit Inbetriebnahme der Anlage, das Montieren von Lavabo, WC und Dusche sowie ein Kundenwunsch bei einer Fertiginstallation könnten weiter auf dem Wettkampfprogramm stehen. Letzteres bedeutet, dass beispielsweise bei einer Gasinstallation alles wieder demontiert und entsprechend abgeändert werden müsste. «Dies sind Situationen wie im richtigen Arbeitsalltag», lacht Bösch.

«Jetzt sind nur noch die Besten im Rennen.»

Der 21-Jährige trainiert aber nicht nur im suissetec-Bildungszentrum in Los­torf, sondern absolvierte auch internationale Trainings. So hat er sich schon bei einem Treffen in Schweinfurt mit seinen direkten Mitbewerbern aus England, Deutschland und Südtirol gemessen. Auf Tuchfühlung mit der «Konkurrenz» ging er auch an Trainings in Holland und England. «Wir haben ein gutes, kameradschaftliches Verhältnis, aber die Differenz ist kleiner geworden als bei den SwissSkills in Bern. Jetzt sind nur noch die Besten eines Landes im Rennen», stellt der engagierte Gebäudetechniker fest. Und Markus Niederer doppelt nach: «An der Spitze wird es sehr eng.» Dennoch traue er seinem Schützling einiges zu. Niederer hat schon Michael Böschs Vorgänger – unter anderem seinen jetzigen Coach Florian Müller – trainiert – mit beachtlichem Erfolg: «Nach einem fünften Platz in Japan (2007), einem vierten in Calgary (2009), einem zweiten in London (2011) sowie einem fünften in Leipzig (2013) wäre eigentlich wieder ein Podestrang an der Reihe», schmunzelt er.

Steigerungspotenzial vorhanden

Das Tempo hätte er gut im Griff, allerdings sehe er bei der Genauigkeit etwas Verbesserungspotenzial, meint Bösch. «Ich muss die Zeit zugunsten der Präzision und kleinen Finessen beim Arbeiten noch besser einteilen.» Dank der inter­natio­nalen Trainings könne er einerseits auf einen grossen Erfahrungsaustausch zurückgreifen, andererseits hätte er so auch Wettkampfsituationen simulieren können, inklusive Zeitdruck, unterschiedliche Werkzeuge und Materialien etc. Michael Bösch, der auch in der Werkstatt des elterlichen Sanitär- und Spengler­ei­betriebes im St. Gallischen Nesslau trainieren kann, geht mit viel Herzblut und Fingerspitzengefühl, aber auch mit ruhigem Puls ans Werk. Diese Ausgeglichenheit ist sicher ein grosser Vorteil, denn um aufs Podest zu kommen, braucht es starke Nerven: «Es sind praktisch alle Kandidaten gut, entscheidend wird die Tagesform respektive die physische und psychische Verfassung sein», betont sein Coach Florian Müller.

«Ich muss die Zeit zugunsten der Präzision und kleinen Finessen noch besser einteilen.»

Täglich praktische Erfahrungen kann er an seiner Arbeitsstelle bei der Firma Tobler Haustechnik und Metallbau AG in Alt St. Johann sammeln. Dort hat er auch seine zweijährige Zusatzlehre zum Sanitärinstallateur absolviert. Zuvor liess er sich als Bauspengler ausbilden. Die Gebäudetechnik hat den jungen Mann von klein auf begleitet: «In den Schulferien habe ich meinen Vater oft auf die Baustellen oder in die Werkstatt begleitet, so war relativ schnell klar, dass ich bei der Berufswahl in seine Fussstapfen treten werden», erklärt der junge Nesslauer, der gerne einmal den elterlichen Betrieb übernehmen würde. Zuvor will er aber noch die Chefmonteur- und die Meisterprüfung absolvieren. Es fasziniere ihn die Vielfältigkeit dieses Berufes. «Man arbeitet sowohl draussen als auch drinnen und kann sich beim Hausbau von Anfang bis Ende daran beteiligen.» Das Schönste sei, das vollendete Werk zu betrachten und den Wasserhahn aufzudrehen.

Unterstützung vom Arbeitgeber

Seine Familie sei mächtig stolz auf ihn. «Meine Eltern wie auch meine Freundin Nicole kommen mit nach Brasilien, um mich dort mental zu unterstützen», freut sich der junge Gebäudetechniker. Tatkräftigen Beistand erhält er auch von seinem Arbeitgeber Arthur Tobler, der es sich auch nicht nehmen lässt, sein «bestes Pferd im Stall» an den Berufsweltmeisterschaften gleich vor Ort anzufeuern. «Wir sind ein gutes Team im Betrieb und es ist auch der Verdienst meiner Ausbildner, dass ich nach Brasilien fahren darf. Sie haben viel Verständnis für meine trainingsbedingte Abwesenheit», ist sich Bösch bewusst. Sein Chef hat grosse Erfahrung mit Berufstalenten. Die Tobler Haustechnik und Metallbau AG ist eine sogenannte Erfolgsschmiede und hat ein Händchen für kompetente Berufsleute. Sie stellt seit 1998 bis jetzt zwei Vizemeister und zwei weitere Meisterschaftsteilnehmer. Mit Michael Bösch fährt nach Patrick Huser (2007) nun bereits der zweite Sanitär­installateur an eine Weltmeisterschaft. Inhaber Arthur Tobler sieht in diesem Wettkampf eine gute Werbung für den Beruf. «Allerdings dürfte die Berufs­meister­schaft in der Öffentlichkeit noch mehr Beachtung bekommen, etwa wie im Sport», bedauert er.

«Mein Chef und meine Familie stehen hinter mir und kommen mit nach Brasilien.»

Zu den Vorbereitungen für die 
WorldSkills in São Paulo gehören auch die Teamweekends von SwissSkills, wo die Schweizer Kandidatinnen und Kandidaten mit Entspannungsübungen, einem Medientraining sowie verschiedenen Spielen für den grossen Wettkampf fitgemacht werden. «Wir lernen hier, die persönlichen Grenzen zu durchbrechen. Wir können hier viel fürs Leben lernen und wertvolle Erfahrungen machen. Es entstehen aber auch Freundschaften und ein Netzwerk, das mich beruflich weiterbringt», freut sich der junge Berufsmann. Er hat sich das Ziel gesetzt, ganz vorne dabei zu sein und eine Medaille mit nach Hause zu bringen. An der Schweizer Meisterschaft der Spengler hätte es nicht aufs Podest gereicht. Das hat den ­jungen Mann damals veranlasst, nochmals in die Lehre zu gehen und sich als Sanitärinstallateur ausbilden zu lassen. Sein Sieg an den SwissSkills 2014 in Bern sei dann eine Überraschung gewesen. «Und jetzt will ich alles geben!» Deshalb hat das Training absolute Priorität und auch sein Engagement in der Musik­ge­sellschaft Nessal-Neu St. Johann wird etwas gedrosselt.

Corinne Remund

EXPERTEN

Ein schlagkräftiges suissetec-Team

Für den Schweizerisch-Liechtensteinischen Gebäudetechnikverband suissetec gehört die Teilnahme an Berufsmeister- und Berufsweltmeisterschaften zur Verbandsagenda, ist doch die Aus-und Weiterbildung ein zentrales Element der Verbandsaufgaben. Seit rund 25 Jahren ist es zudem Tradition, dass der Verband immer wieder Kandidaten stellt, die sich an der Spitze einordnen. Entsprechend unterstützt der Verband seine Kandidaten grosszügig. Er investiert finanziell einen beachtlichen Teil in die Berufswettkämpfe.

Jüngster Experte

Mit Florian Müller stellt der Verband dieses Jahr an den WorldSkills 2015 in São Paulo einen der jüngsten Experten. Der 26-Jährige hat an den WorldSkills 2011 in London die Silbermedaille geholt. «Es ist spannend und interessant, jetzt auf der anderen Seite zu stehen und meine Erfahrungen weiterzugeben», freut sich Müller, der bei der Nussbaum AG in Trimbach arbeitet. Junges Blut, Dynamik, verbunden mit viel Erfahrung und Know-how machen die suissetec-Crew mit Chefexperten Markus Niederer als Dritten im Bunde zu ­einem schlagkräftigen Team. CR