Publiziert am: Freitag, 22. April 2016

Es kommt auf jeden Millimeter an

EuroSkills – Im Dezember 2016 finden im schwedischen Göteborg die Europameisterschaften der jungen Berufsleute statt.
Bruno Pravato aus Fully VS geht für die Schweiz in der Kategorie Maurer an den Start.

Es ist ein sonniger Vorfrühlingstag in Martigny, der Platz vor dem Ausstellungszentrum CERM füllt sich zunehmend mit Schülern. Sie sind mit ihren Lehrern gekommen, um am kantonalen Salon des Métiers die Berufswelt zu entdecken. Mitorganisiert wird diese periodische Fachmesse unter anderem auch vom Walliser Gewerbeverband.

Stein um Stein bis zu den

EuroSkills

Während einige Schüler durch die Drehtüren am Eingang vorwärtsstürmen und kurz darauf mit einem Hammer Nägel in Holzbretter versenken, gruppieren sich andere um einen jungen Mann. Dieser arbeitet konzentriert an einer etwas seltsamen Konstruktion. Backstein um Backstein fügt er zu einer Art Gewölbe mit Fensterbogen zusammen und lässt sich dabei auch von den zahlreichen Zuschauern nicht stören.

Es ist Bruno Pravato, amtierender Vize-Schweizer-Meister der Maurer, der hier für die Europameisterschaften EuroSkills trainiert, die vom 1. bis 3. Dezember 2016 in Göterborg stattfinden. Der 22-jährige Walliser aus Fully steht kurz vor seinem Lehrabschluss an der Ecole des Métiers de la Construction in Fribourg. Nun inspiziert er kritisch sein Werk und erzählt dann von der Herausforderung, die ihn erwartet, und wie er sich auf den Wettbewerb vorbereitet.

«Es ist schon fast
ein Kunstwerk.»

«Ich muss ein dekoratives Bauelement realisieren, wie man es im rea­len Berufsleben kaum je antrifft. Es ist schon fast ein Kunstwerk», meint Bruno Pravato. «Es ist eine Anordnung von Fundamentsteinen und darüber sieht man Verblendelemente», erklärt der junge Fachmann. «Die Hauptschwierigkeit ist die Präzision und die Schnelligkeit bei der Ausführung. Hier etwa muss ich einen 45°-Winkel einbauen.» Für das Musterwerk müssen 70 Prozent der Backsteine zurechtgeschnitten werden – eine zeitraubende Tätigkeit während des Wettbewerbs.

Angewöhnung an die

Wettbewerbsatmosphäre

Der Erfolg steckt in den Details. «Um die Arbeit ohne Anhäufung von Ungenauigkeiten absolut präzise auszuführen, braucht es eine immense Konzentration. Wenn man sich beim Beschneiden der Backsteine vertut, überträgt sich das auf das ganze Bauwerk.» Ausgangspunkt ist eine Planvorlage 1:10. Danach werden die Angaben auf ein 1:1 zurechtgeschnittenes Stück Karton übertragen. Bruno Pravato zeichnet die Steine mit Bleistift ein, nun sieht man die Spezialformen deutlich. Der Mauerabschnitt, den er nachbaut, hat es in sich. «Es ist das Werkstück der letzten Europameisterschaften», erläutert Pravato, während er mit einem Winkel die Masse kontrolliert. «Ich mache das hier zur Übung, um mich wieder daran zu gewöhnen und auch an die Wettbewerbsatmosphäre mit dem Getümmel und all den Leuten, die einem dabei zuschauen.»

Zwei Minuten pro Backstein

Ein weiterer Punkt, der Stein für Stein kontrolliert werden muss, ist die Fugenbreite. Ein kleiner Fehler an der Basis der Mauer wird am oberen Mauerende zu einem grossen Fehler. Die Arbeit muss schnell und millimetergenau erfolgen. «Die Backsteine saugen das Wasser des Mörtels schnell auf», weiss der Maurer. Für sein Übungsstück hat er in Martigny Zeit von Dienstagnachmittag bis Samstag; am Wettbewerb in Schweden werden es nur drei Tage zu je acht Stunden sein. Das bedeutet genau zwei Minuten pro Backstein. In diesen 120 Sekunden müssen das Markieren, das Zurechtschneiden und das Ein- und Zusammenfügen des Steins erledigt werden.

«Es ist schwierig, auf Tempo zu arbeiten, wenn man sich nicht in einem Wettbewerb befindet.»

Wie hält Bruno Pravato seine Konzentration aufrecht? «Das ist sehr einfach. Ich bin mir dessen gar nicht bewusst, denn ich habe keine andere Wahl.» Wohl bewusst ist ihm jedoch, dass er sich selbst noch verbessern kann. «Vor allem bei der Präzision. Visuell ist die Qualität gut, doch manchmal bleiben ein bis zwei kleine Millimeter zum Nachbessern», so Parvato, der übrigens schon als kleiner Junge wusste, dass er Maurer werden wollte. «Wir hatten einmal eine Baustelle im Haus, und ich war absolut fasziniert.»

Drei Monate Intensivtraining

Üben, bauen und nochmals bauen heisst es nun für den Kandidaten. Sein Coach ist kein anderer als sein früherer Experte, der Gossauer René Engetschwiler. «Er zeigt mir die kleinen Schwierigkeiten und Kniffe, und er hilft mir, wenn ich ein Problem habe. Je weiter ich bei der Vorbereitung bin, umso wichtiger wird die Frage des einzuhaltenden Timings. Es ist schwierig, auf Tempo zu arbeiten, wenn man sich nicht in einem Wettbewerb befindet. Sobald ich die Schule diesen Sommer beendet habe, werde ich mich intensiv damit befassen.» Bruno Pravato bleiben dann noch September, Oktober und November, um sich auf die EuroSkills vorzubereiten. Während dieser Zeit wird er von seinem neuen Arbeitgeber extra halbtags freigestellt.

François Othenin-Girard

5. EUROSKILLS COMPETITIONS

In zehn Berufen antreten

Die 5. EuroSkills Competitions finden vom 1. bis 3. Dezember an der Westküste Schwedens in Göteborg statt. Rund 500 junge Berufsleute aus 30 europäischen Ländern kämpfen in 38 verschiedenen Berufen um den Europameister-Titel. Das Schweizer-Team wird in zehn Berufen um die Medaillen kämpfen. Neben Teilnehmenden aus der Deutschschweiz ist dieses Mal ein Wettkämpfer aus der Romandie sowie aus dem Tessin dabei. Zu den vertretenen Berufsfeldern gehören:

Maurer,

Schönheitspflegerin,

Gipser,

Malerin,

Plattenleger,

Elektroinstallateur,

Landmaschinenmechaniker,

Spengler,

Boden-Parkettleger,

Bekleidungsgestalterinnen

Acht intensive 
Vorbereitungsmonate

Um dort aufs Siegertreppchen zu kommen, bereiten sich die Schweizer Berufsleute bereits seit Anfang Jahr mit intensivem individuellem Training vor. Die Vorbereitungen als gesamte Delegation begann mit dem ersten Teamweekend vom 8. bis 
10. April in Dagmersellen. Anfang Juni folgt eine eintägige Medienschulung und Ende September noch ein zweites Teamweekend. Der Materialverlad ist Mitte November geplant, die Reise in den hohen Norden beginnt für die Wettkämpfenden am 29. November mit dem Flug Richtung Göteborg.

CR