Publiziert am: 01.05.2020

«Es wird auf Zeit gespielt»

TOBIAS STRAUMANN – Der Bundesrat sollte angesichts der schnell sinkenden Fallzahlen seinen Entscheid vom 16. April sofort revidieren, findet der Wirt­schaftshistoriker. Je länger er wartet, desto teurer wird es – für die betrof­fene Wirtschaft und für alle Steuer­zahler.

Schweizerische Gewerbezeitung: Gab es in der Schweiz bereits einmal eine Lage, die sich mit der heutigen Krise rund um die Corona-Pandemie vergleichen lässt?

Tobias Straumann: Nein. Man kann es höchstens mit den ersten Wochen nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 vergleichen. Auch damals war die Wirtschaft ­einige Zeit gelähmt. Danach herrschten aber ganz andere Verhältnisse als heute. Der Krieg dauerte mehr als vier Jahre.

Was hat der Bundesrat in früheren Krisen – bspw. während der Spanischen Grippe von 1918 – getan, um die Folgen zu mildern?

Der Bundesrat hat nicht viel gemacht, denn die erste Welle setzte im Juli 1918 ein, also einige Monate vor Ende des Ersten Weltkriegs. Man konnte nicht einfach die Armee nach Hause schicken und einen Teil der Wirtschaft schliessen.

Lassen sich die Massnahmen von 1918 und jene von 2020 vergleichen?

Nein. 1918 war eine völlig andere Zeit. Auch das Virus war völlig unterschiedlich. 1918 und 1919 waren 60 Prozent aller Toten zwischen 20 und 40 Jahre alt.

«Konjunkturpaketegab es in der Schweizselten. Für denExport kann manrelativ wenig aus der Schweiz herausmachen.»

War es richtig, dass der Bundesrat die Wirtschaft wegen des Coronavirus weitgehend heruntergefahren hat?

Eine definitive Antwort können wir noch nicht geben. Aber wenn Schweden es mit seinem liberalen Regime schafft, die Corona-Krise ohne Überforderung des Gesundheitssystems zu überstehen, müssen wir die bundesrätliche Politik neu beurteilen – gerade auch im Hinblick auf eine künftige Pandemie.

Halten Sie die Massnahmen, die der Bundesrat getroffen hat, angesichts der zu erwartenden oder bereits eingetroffenen wirtschaftlichen Schäden als verhältnismässig?

Ich kann verstehen, dass der Bundesrat einen Teil der Wirtschaft vorübergehend geschlossen hat. Mitte März sah die Lage bedrohlich aus. Er hätte aber den Ausstieg früher planen und durchführen müssen. Es wird auf Zeit gespielt.

Der Bundesrat hat die Gesundheit als oberstes Ziel definiert – und damit einen enormen wirtschaftlichen Schaden in Kauf genommen. Was muss er nun tun, damit die Wirtschaft wieder in der Lage ist, das System so stark mitzufinanzieren, wie dies vor Eintritt der aktuellen Krise der Fall war?

Der Bundesrat sollte angesichts der schnell sinkenden Fallzahlen seinen Entscheid vom 16. April sofort revidieren. Je länger er wartet, desto teurer wird es – für die betroffene Wirtschaft und für alle Steuerzahler. Der Schaden wird ohnehin gross sein. Man sollte ihn aber nicht noch unnötig grösser machen.

Wie lange werden uns die wirtschaftlichen Auswirkungen der heutigen Massnahmen beschäftigen? In welchem Zeithorizont dürfte sich die Schweizer – und die internationale – Wirtschaft erholen, nachdem das Virus dereinst in Schach gehalten werden kann?

Das ist eine ausserordentlich schwierige Frage. Ich gehöre eher zum Lager der Optimisten, weil ich noch vor den Sommerferien eine gewisse Erholung erwarte, die sich in der zweiten Jahreshälfte beschleunigen wird, nicht nur in der Schweiz, sondern auch auf den wichtigsten Exportmärkten. Die Pessimisten sind der Meinung, dass in den letzten Wochen zu viel kaputt gegangen ist, das sich nicht mehr so leicht reparieren lässt. Was klar ist: Insgesamt dürfte das Wachstum für das gesamte Jahr 2020 negativ bleiben. Viele Unternehmen haben das Jahr bereits abgeschrieben.

Optimisten vergleichen die heutige Lage mit jener von 2003/04, als die Infektionskrankheit Sars relativ schnell überwunden werden konnte. Pessimisten vergleichen eher mit der Spanischen Grippe, deren Auswirkungen nach ihrem Ende noch Jahre zu spüren waren. Machen solche Vergleiche überhaupt Sinn; und falls ja: Zu welcher These tendieren Sie?

Beide historischen Beispiele bringen wenig. Aufschlussreicher ist der Blick auf die Finanzkrise von 2008/09. Auch damals war die Realwirtschaft mit ihren globalen Wertschöpfungsketten stark betroffen, aber erholte sich recht schnell. Aus dieser Erfahrung heraus bin ich vorsichtig optimistisch. Der Einbruch ist diesmal zwar viel heftiger als damals, aber dafür auch deutlich kürzer.

Welche Branchen haben sich nach früheren Gesundheits- und Wirtschaftskrisen am ehesten wieder hochgerappelt?

Erfahrungen aus früheren Gesundheitskrisen haben wir keine. Auch eine Wirtschaftskrise, bei der gleichzeitig der Export und der Konsum stark zurückgeht, hatten wir noch nie. Allenfalls könnte man auf den Einbruch von 1975 verweisen, als die Schweizer Wirtschaft real um 7,5 Prozent schrumpfte. Aber damals waren die Ursachen ganz anders. Deshalb sind alle Wirtschaftsprognosen im Moment so schwierig.

«Viele Unternehmen haben das Jahr 2020 bereits abgeschrieben.»

Welche Massnahmen haben sich in früheren Krisen als geeignet und hilfreich, welche als unwirksam oder kostspielig erwiesen, um die Wirtschaft wieder in Fahrt zu bringen?

Kurzarbeitsentschädigungen haben sich bewährt, wenn eine Krise kurz gedauert hat. Auch das Zulassen von öffentlichen Defiziten stabilisiert die Nachfrage in Krisenzeiten. Konjunkturpakete sind in der Schweiz hingegen selten gewesen. Man hat manchmal Bauprojekte vorgezogen, wenn eine Krise länger gedauert hat, zum Beispiel in den 1930er- und den 1990er-Jahren. Für den Export kann man relativ wenig aus der Schweiz heraus machen.

Interview*: Gerhard Enggist

*Das Interview wurde am 23. April geführt.

ZUR PERSON

Tobias Straumann (53) arbeitet als Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich und leitet den MAS Applied History. Daneben schreibt er eine regelmässige Wirtschaftskolumne für die «NZZ am Sonntag».

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